Tragödie: Vier Tage in der Rettungsinsel – Verdurstender trinkt Urin und stirbt

Alptraum in der Insel

Schiffbruch, Rettungsinsel, Drama, überlebt

Die drei Segler kurz vor dem Ablegen in Australien: Johnny Mahoney, Lionel Ansselin und Laurie Miller © Miller, privat

Ihr Schiff lief während eines Sturms vor den Philippinen voll Wasser, sie mussten in die Rettungsinsel und trieben hilflos durch eine entfesselte See. 

Man stellt sich das ja immer so einfach vor, redet es sich schön und macht in Gedanken vielleicht sogar ein Abenteuer daraus: Die Stunden und Tage in einer Rettungsinsel. Verführt von Bildern in Hochglanzprospekten der Hersteller, die oft genug bei nahezu spiegelglatter See im Sonnenuntergang geschossen wurden oder von Selbsttests einiger Fachredakteure, die sich im Wellenbad eine Nacht lang schaukeln lassen, denkt man sich immer noch: Na, irgendwie muss das doch zu schaffen sein. 

Wenn dann allerdings Schiffbrüchige erzählen, die ihre Yacht aufgeben mussten und tatsächlich tage- und nächtelang während eines Sturms in einer Rettungsinsel im wahrsten Sinne ums Überleben kämpften, wird einem meist mulmig zumute. So dramatisch kann also das Warten und Hoffen auf Rettung in den Inseln aussehen? Aber welche Alternative – außer dem Tod durch Ertrinken – hat man schon? 

Ein „langsamer“ Tropensturm

Einer dieser wirklich dramatischen Fälle ereignete sich in der Philippinischen See. Drei Männer und zwei Hunde mussten ihre Yacht aufgeben und waren in heftigem Seegang einem Tropensturm ausgesetzt. Nur zwei Männer überlebten. 

Einer der beiden, Laurie Miller, berichtete gegenüber Reportern des New Zealand Herald von den dramatischen Ereignissen auf See. Kein Lehrstück für bessere Seemannschaft, sondern ein Bericht zum Thema: „So schlimm kann es werden, ohne dass man etwas dagegen tun kann!“ 

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Trotz allem: Miller zieht es wieder auf See. Das sei er seinem Freund Johnny schuldig © screenshot

Johnny Mahoney, Lionel Ansselin und Laurie Miller überführten gemeinsam mit den beiden Hunden Spotty und Lucky die Yacht „Katerina I“ von Cairns, Australien zur Subic Bay , nordwestlich von Mindanao auf den Philippinen. 

Die 18-Meter-Yacht „Katerina I“ gehörte früher dem US-amerikanischen TV-Journalisten Walter Cronkite, der mitunter sogar die damalige US-amerikanische Präsidenten-Familie Clinton als „Crew“ für Tagestörns an Bord hatte.

Den größten Teil der Strecke hatten die drei Freunde bereits zurückgelegt, als sie in Davao/Philippinen erneut Proviant bunkerten. Obwohl bereits vor dem Tropensturm „Kai-tak“ gewarnt wurde, liefen sie kurz darauf aus, in der Hoffnung, ihr Ziel vor dem ungewöhnlich langsam heranziehenden Sturm zu erreichen. „Kai-tak“ sollte später ingesamt 54 Menschen an Land und auf See das Leben kosten.  

Leck im Rumpf

In den darauf folgenden Tagen muss es zu einer Kollision mit Treibgut gekommen sein (die Yacht wurde später mit einem Leck im Bugbereich des Rumpfes gefunden), jedenfalls zog sie erhebliche Wassermengen. Als die Bilgepumpe das einlaufende Wasser nicht mehr bewältigen konnte, lief die „Katerina I“ im hohen Seegang des näher rückenden Sturms „Kai-tak“ etwa zur Hälfte voll.

Johnny Mahoney, Lionel Ansselin und Laurie Miller

Die Route und der Unglücksort © NZ Herald

Die Segler befürchteten, dass die nun übers Deck brechenden Wellen die Rettungsinsel mitreißen könnten und entschieden sich dafür, nicht mehr auf das endgültige Sinken des Schiffes zu warten. Sie bestiegen die Rettungsinsel und aktivierten den Epirb-Seenotsender auf der Yacht. Sie wussten aber, dass sich auf dem Rettungsfloß ein weiterer Epirb befand. Gemeinsam mit den beiden Hunden schafften es die drei Männer relativ problemlos, von der Yacht aus, die immerhin für acht Personen ausgelegte Insel zu besteigen.

„Die erste Nacht war die brutalste,“ erinnert sich Miller. „Als wären wir in einer Waschmaschine im Schleudergang unterwegs. Es krachte fürchterlich von allen Seiten. Ich warf einen Treibanker aus und dennoch kenterten wir zwei Mal!“ Bei der zweiten Kenterung verloren die Schiffbrüchigen den Russel-Terrier “Spotty”, den gesamten Proviant und alles Trinkwasser. Die Notrationen waren offensichtlich nicht gut genug für so ein Desaster befestigt gewesen. Nur der Epirb und Notfallraketen waren noch in der Insel verblieben und offensichtlich einsatzbereit.

Hunde, Proviant und Wasser weg

Der Seegang nahm in den folgenden Stunden und am nächsten Tag gefühlt zu. In der zweiten Nacht kenterten die drei Segler erneut: Hund „Lucky“  trieb ab und versank, ebenso die Notfallraketen. 

Am darauf folgenden Tagen aktivierte Miller den verbleibenden Epirb. Die drei Männer waren am ganzen Körper mit einer Salzschicht bedeckt, die sich an einigen Stellen bereits entzündete. Alle hatten geschwollene Gliedmaßen, jeden peinigte enormer Durst. 

Miller: „Wir saßen die ganze Zeit bis zur Taille im Wasser. Wenn dir jemand sagt, dass ein Rettungsboot trocken ist, dann war er noch nie in so einem Ding auf offener See unterwegs.

Du kannst bei diesem Seegang nicht aufstehen, um über die Seite zu urinieren, also sitzt Du irgendwann in einer Brühe aus Seewasser und Urin.“

Eigenen Urin getrunken

Miller sah seinem um 10 Jahre älteren Freund Johnny an, dass es dem deutlich schlechter ging als ihm selbst. Er musste öfter geweckt werden, konnte sich nur noch mit Mühe festhalten.

Irgendwann fuhr ein Handelsschiff am Horizont vorbei – sie konnten sich nicht bemerkbar machen.

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So sahen Millers Hände und Arme nach vier Tagen auf der Rettungsinsel aus © miller/privat

 „Johnny kam dann auf die Idee, dass man seinen Urin zweimal trinken könnte.” Ich fand ein wenig Plastik, wo der Zylinder für die Rettungsinsel war, und er hat es tatsächlich geschafft, etwas von seinem Urin aufzufangen und ihn irgendwann zu trinken.“ 

Den beiden anderen ging es offensichtlich noch nicht ganz so schlecht und sie verzichteten auf den Selbstversuch. Irgendwann versanken alle in eine Art Schockzustand. „Die Zeit verrann seltsamerweise ziemlich schnell,“ erinnert sich Miller vage. „Wir waren in so einem seltsamen, dösigen Befinden, wie ausgeschaltet.“ 

„Mama, ich will keins“

Johnny Mahoneys Zustand verschlechterte sich rapide. Er fiel ins Delirium, versuchte mehrmals die Schwimmweste auszuziehen. Miller war so sehr besorgt um seinen Freund, dass er ihn fortan stundenlang festhielt und stützte, weil er befürchtete, dass Johnny kopfüber in die Brühe der Rettungsinsel fallen könnte und dort ertrinken würde. 

Am vierten Tag gegen 13 Uhr hörte Miller den Motor eines Schiffes näher kommen: Ein philippinisches Fischerboot hatte sie durch Zufall auf der See treiben sehen. 

Während ihrer Rückfahrt Richtung Land, einer fast 100 km langen Strecke bis in die Stadt Tandag, ging es Mahoney weiterhin schlecht. Er delirierte vollständig. 

“Ich versuchte, Johnny etwas Wasser zu geben, aber er hielt den Mund fest verschlossen und murmelte: “Nein, Mama, ich will keins.” Ich habe ihm den Mund gewaltsam geöffnet, um ihm ein paar Tropfen Wasser einzuflößen.“ Doch es war schon zu spät – er wollte und konnte wohl auch nichts mehr zu sich nehmen. Später fühlte Miller bei Johnny phasenweise keinen Puls mehr.  Die Drei wurden an Land sofort  in ein Krankenhaus eingeliefert, doch auch dort konnte man Johnny nicht mehr helfen. Er starb kurz darauf.

Miller endet seinen Bericht mit den Worten: „24 Stunden länger auf dem Rettungsfloß, und wir wären jetzt alle bei Johnny“. 

Philippinische Küstenwache unzuverlässig?

Und warum leisteten philippinische Rettungseinheiten trotz zweimaligem Auslösen eines satellitengestützten Notrufs keine Hilfe? Die Australier hatten den Notruf jedenfalls aufgefangen und gleich an die philippinischen Kollegen weiter geleitet.

Von dort gibt bis heute keine offizielle Verlautbarung, warum darauf nicht reagiert wurde. Miller erhielt jedoch anonyme Hinweise darauf, dass die Philippinische Küstenwache wegen des Sturms nicht geholfen habe. Und nach dessen Abflauen habe man keine Chance mehr auf Rettung gesehen, da die Segler in haiverseuchtem Gewässer unterwegs gewesen seien. 

Und genau das sei der Grund, warum Laurie Miller seine Geschichte nun doch öffentlich gemacht habe: „Damit Segler vor den Philippinen sich nicht auf die dortigen Rettungskräfte verlassen. Oder weil diese Geschichte die Rettungskräfte fortan unter Druck setzen wird, rauszufahren und Hilfe zu leisten.“ 

Kann man Urin trinken?

Bleibt die Frage, ob das Trinken des Urins zum Tod des Seglers beigetragen hat. Anders: Kann man sich auf diese Weise vor dem Verdursten retten? Schließlich enthält die Flüssigkeit viel Wasser. Die Frage ist so alt, wie es Schiffbrüchige gibt.

Wissenschaftler sagen heute: Wenn man kurz vor dem Verdursten schon einen deutlichen Flüssigkeitsmangel aufgebaut hat, enthält der Urin eine sehr hohe Konzentration an Salzen. Wenn diese dem Körper wieder zugeführt wird, sorgt das für eine zusätzliche Belastung, denn die Salze erfordern für den Abbau noch mehr Flüssigkeit.

Deshalb warnen Organisationen, die sich mit dem Vehalten in Not beschäftigen, überwiegend davor, diesen Weg zu gehen. Ob diese Sachlage aber tatsächlich auch zum Tod von Johnny Mahoney geführt hat, ist nicht bekannt.

Tipp: André Mayer

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Michael Kunst

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