Transatlantik: 84-Jähriger Abenteurer trieb per Segel-Floß in die Karibik

Der alte Mann und das Floß

Der "alte Mann" auf seinem Floß © sipa

Der “alte Mann” auf seinem Floß © sipa

Sechsundsechzig Tage auf einer 40 x 18 Fuß messenden „Gartenlaube“. Drei Mitsegler an Bord, die zuletzt die Faxen dicke hatten. Anthony Smith veröffentlichte sein Buch über ein unglaubliches Abenteuer.

Männer in den Achtzigern, die noch mal so richtig das Fernweh und die Abenteuerlust packt – heutzutage nichts Neues. Was machen die älteren Herrschaften in solchen Fällen? Sie steigen aus dem Fenster und reisen mit Elefanten durch Skandinavien (obwohl, das war ja ein Hundertjähriger) oder sie buchen eine Kreuzfahrt in die Antarktis. Vielleicht rumpeln sie auch mit einem Campingbus durch die Sahara oder leisten sich ein Meditations-Retreat am Strand von Goa. Noch extremer: Sie heiraten junge, unternehmungslustige Damen…

Nicht so Anthony Smith. Er hatte ganz andere Vorstellungen von seinen Ruhestand-Abenteuern. Denn erstens war er im Laufe seines Lebens schon mehrere Male verheiratet gewesen und zweitens musste das finale Abenteuer vorhergehende deutlich toppen.

Ein ziemlich solides Atlantik-Gefährt: die "Antiki" © rex

Ein ziemlich solides Atlantik-Gefährt: die “Antiki” © rex

Was sich als schwierig herausstellen sollte. Denn sein Leben ist schlicht von Abenteuern geprägt. Er überlebte eine Motorradfahrt kreuz und quer durch Afrika, er war der erste Brite, der mit einem Ballon die Alpen längs überflog. Und er paddelte 2.000 Meilen auf dem Amazonas, um nur einige wenige Highlights aus seiner „best of adventures“-Liste zu nennen.

„Mein Leben war immer von Intensität geprägt,“ sagte Smith kürzlich in einem Interview. „Und es gibt keinen Grund, warum sich das im Alter ändern sollte.“ Klar, er trägt jetzt ein Hörgerät, kann nicht mehr zum Bus rennen und manchmal stützt er sich sogar auf einen Stock, aber genau das sei eben der Grund gewesen, sich nach etwas Außergewöhnlichem umzuschauen.

Lange dauerte diese Suche nicht. Denn seit seiner Jugend trug Smith eine Geschichte mit sich herum, die ihn zeitlebens tief beeindruckte. Und die sich nun als eine Art Wink des Schicksals herausstellen sollte: Im 2. Weltkrieg war ein britisches Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt worden. Nur sieben Besatzungsmitglieder konnten sich auf ein Boot retten. Sie trieben 77 Tage über den Atlantik, doch nur zwei von ihnen landeten schließlich auf Eleuthera/Bahamas. Die anderen hatten in den Wochen zuvor aus Verzweiflung, Hunger und Durst den Freitod gewählt.

Etmale von 50 Seemeilen © rex

Etmale von 50 Seemeilen © rex

Ein Floß mit dem Namen „Antiki“

„Was muss das für eine unglaubliche Herausforderung gewesen sein?“ sagte sich Anthony Smith. „Treibend in dieser Wasserwüste, ohne Standortbestimmung, ohne Hoffnung!“

Kurz: Herr Smith wollte genau dieses (ungewollte) Abenteuer, zumindest in Ansätzen, nachleben. Gemeinsam mit (segelkundigen) „Fans“, die ihn aufgrund seiner früheren Abenteuer kontaktiert hatten, wollte er sich auf einem Floß von den Kanaren zu den Bahamas treiben lassen. Zwar mit ausreichend Lebensmitteln und einem Ziel (nämlich Eleuthera), aber eben doch ohne eine Ahnung, wohin ihn die Winde und Strömungen tatsächlich verschlagen würden.

Zusammen war die Crew 258 Jahre jung und engagiert genug, um sich ihren Abenteuer-Untersatz selbst zu bauen. Sieben Wochen lang bastelten sie auf La Gomera aus Plastikrohren, Bootssperrholz und Planken ein durchaus solides Floß, auf das sie eine Art Gartenhäuschen aus Stahl (!) stellten.

Es gab drei Kojen, die eine für den Käpt’n, die Crew teilte sich die beiden anderen.

Sie stellten einen Telefonmast mittig auf das Floß, schnitten sich so etwas wie ein Segel zurecht, bunkerten für Monate Proviant und segelten, pardon: trieben schließlich am 14. Januar 2011 los. Kurz zuvor hatten sie ihr neues Zuhause auf den Namen „Antiki“ getauft: Als Verneigung vor den Leistungen der „Kon Tiki“ im Pazifik und als kleiner Hinweis auf das Gesamtalter ihrer Crew.

Zusammen 258 Jahre jung: Die Crew der "Antiki" nach der Atlantik-Überquerung © rex

Zusammen 258 Jahre jung: Die Crew der “Antiki” nach der Atlantik-Überquerung © rex

Hadern mit den Meeresgöttern

Kaum auf See, funkte sie ein Frachter an: „Ihr bewegt Euch ja kaum von der Stelle, habt Ihr Motorschaden, können wir helfen?“ Smith knurrte zurück: „Wir sind ein Floß und zwei Knoten ist unsere Reisegeschwindigkeit!“

Was sich tatsächlich bewahrheiten sollte. Mit Etmalen von 50 Seemeilen trieb und segelte die „Antiki“ gen Westen. Ihre Crew verstand sich blendend, nur der Kapitän war etwas unzufrieden mit den Meeresgöttern, „weil sie mich unablässig ärgerten!“ Wenn ein fliegender Fisch über das Boot segelte, traf er garantiert auf Smith, wenn eine überkommende Welle einen an Bord erwischte, dann…

Alles war friedlich, das Meer meinte es gut mit ihnen, das Floß hielt, auch wenn die See ruppiger wurde. Die Crew, die sich eigentlich zu einem großen Teil von Frischfisch ernähren wollte, verzichtete sogar aufs Angeln, weil die Doraden, die das Floß begleiteten, so faszinierend im Licht glitzerten und sie ihnen als schnödes Nahrungsmittel leid taten.

Irgendwann, nach mehr als 50 Tagen, stellten sie dann fest, dass sie wieder zurück trieben. „Wir segelten zwar immer noch gefühlt gen Westen, aber die Strömungen waren stärker,“ erklärte Smith später.

Das war der Moment, wo die Stimmung an Bord kippte.

Alter schützt vor Abenteuer nicht © rex

Alter schützt vor Abenteuer nicht © rex

Die einen hatten Angst um ihren Job, wenn sie noch später als verabredet wieder zurück sein werden. Ein anderer hatte Schwierigkeiten mit seiner Frau, die schlecht gelaunt über Satellitentelefon nachfragte, wann dieser Irrsinn endlich ein Ende hätte.

Nur Anthony Smith war noch glücklich „auf Kurs“. „War mir doch egal, ob wir einen Monat früher oder später ankommen,“ erinnert er sich. „Sollen sie doch meutern!“

Die „Meuterei“ geschah dann demokratisch. Es wurde für einen Kurs gestimmt, der sie leewärts Richtung St. Martin bringen sollte.

Nach 66 Tagen und 2.478 Seemeilen kamen die vier Floßsegler dort an. Sie wurden für ihre seemännische Leistung gebührend gefeiert, das Abenteuer war bestanden. Alles gut? Nicht für Anthony Smith!

Ein Jahr später zum Ziel

Er wollte nun mal nach Eleuthera auf den Bahamas , weil dort schließlich die Helden seiner Jugend anlandeten. Ein knappes Jahr später startete er wieder, mit einer anderen Crew, (darunter die Ehefrau eines Kumpels, die unterwegs immer sehnsüchtig den Kreuzfahrtschiffen hinterher schaute).

So war es geplant © smith

So war es geplant © smith

Nach 23 Tagen kam die „Antiki“, mit notorisch Seekranken an Bord, mitten in einem aufziehenden Sturm, vor Eleuthera an. „Es war knapp, wir drohten tatsächlich auf den Riffen zu zerschellen,“ berichtete der 84-Jährige kurz nach seiner Ankunft im Ziel vor laufenden TV-Kameras.

„Alte Männer sollten Forscher sein!“ zitierte Smith den Schriftsteller T.S. Eliot. „Auch Forscher in ihrer ureigenen Gedankenwelt!“

Das Buch “The Old Man and the Sea” (in Englisch)

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Michael Kunst

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