Unfälle: Ertrinken – Die Anzeichen erkennen

Ertrinken sieht nicht wie Ertrinken aus

Über 400 Menschen sind 2013 in Deutschland ertrunken, mehr als die Hälfte davon waren Kinder. Viele ertranken unbemerkt, weil die Situation falsch eingeschätzt wurde. Segler sind immer nah dran am Wasser. Sie sollten die Anzeichen kennen. Ein Leitfaden.

Ertrinken, Prävention

So stellen wir uns “Ertrinken” aus der Ferne vor – die Realität ist eine andere © US Coast Guard

Wie war das noch bei „Baywatch“? Etwa 200 Meter vom Ufer entfernt ragt ein verzweifelt winkender Arm aus dem spiegelglatten Wasser, es sind Rufe wie „Hilfe“ oder „Ich ertrinke“ zu hören. David (oder Pamela?) hechten in die Fluten, kraulen weltmeisterlich zum Ertrinkenden und retten den wild um sich Schlagenden in letzter Sekunde.

So oder ähnlich werden, filmisch überaus wirksam, häufig Szenen vom Ertrinken dargestellt. Und genau so stellen sich die meisten Menschen das Szenario vor: Kind oder Erwachsener hat Probleme im Wasser, ruft und winkt um Hilfe… alles wird gut.

Doch der „Tod durch Ertrinken“ ist ein leiser Tod. In den seltensten Fällen können Ertrinkende noch Laut oder Zeichen geben, meistens haben sie dazu keine Möglichkeit mehr. Es gibt kein Geschrei, Gespritze und keine Winkerei – bei sogenannten „Badeunfällen“ sind andere Menschen oft in unmittelbarer Nähe, könnten helfen… wenn sie nur die Anzeichen richtig deuten würden.

Mehr als 400.000 Menschen ertrinken jährlich weltweit  laut Schätzungen der WHO (World Health Organisation); Flutopfer, Transportunfälle, bei kriegerischen Handlungen Ertrunkene und Suizide sind wohlgemerkt nicht in dieser Zahl enthalten.

Rettung in letzter Sekunde © DLRG

Rettung in letzter Sekunde © DLRG

Ertrinken ist damit weltweit die zweithäufigste Todesursache, nach Verkehrsunfällen im Straßenverkehr. Männer ertrinken häufiger als Frauen, weil sie risikobereiter sind – Kinder ertrinken weltweit aufgrund der schlichten Tatsache, dass sie nicht richtig beaufsichtigt werden und nur wenig über die Gefahren am und im Wasser wissen.

Mangelnde Beaufsichtigung und unzureichende Aufklärung sind auch in Deutschland die häufigsten Gründe für den „Tod durch Ertrinken“ bei Kindern.

Doch woran erkennt man eigentlich, dass ein Mensch etwa in einem See oder am Strand mit dem Tod kämpft – wenn er schon nicht winkt oder ruft? Mario Vittone, Rettungshubschrauberpilot und Rettungsschwimmer bei der US Coast Guard hat sich in einem vielbeachteten Artikel im Magazin „Coast Guard on Scene“ mit genau dieser Problematik befasst und eine „Anzeichen-Liste“ zusammengestellt:

1. In den meisten Fällen sind ertrinkende Menschen physiologisch nicht dazu fähig, Hilfe zu rufen. Da das Atmungssystem auf das Atmen ausgelegt ist und die Sprache die zweite/überlagerte Funktion darstellt, muss zunächst die Atmung sichergestellt werden, bevor die Sprachfunktion stattfinden kann.
2. Da sich der Mund beim Ertrinken unter der Wasseroberfläche befindet und nur kurzzeitig wieder aus dem Wasser auftaucht, ist die Zeit für das Ausatmen, Einatmen und für einen Hilferuf zu kurz. Sobald sich der Mund einer ertrinkenden Person über der Wasseroberfläche befindet, wird schnell ausgeatmet und wieder eingeatmet, bevor der Kopf wieder unter Wasser abtaucht.
3. Ein Herbeiwinken ist nicht möglich. Die Arme werden instinktiv seitlich ausgestreckt und von oben auf die Wasseroberfläche gedrückt. Diese Schutzfunktion soll den Körper über der Wasseroberfläche halten, um weiter Atmen zu können.
4. Eine bewusste Steuerung der Arme ist bei einer instinktiven Reaktion auf das Ertrinken nicht möglich. Ertrinkende Menschen sind aus physiologischer Sicht nicht dazu fähig, das Ertrinken durch bewusste und gesteuerte Bewegungen abzuwenden. Ein Winken nach Hilfe ist also nicht möglich.
5. Während der Dauer des Ertrinkens befindet sich der Körper aufrecht im Wasser. In der Regel können sich Ertrinkende nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor sie untergehen. Nicht viel Zeit für einen Rettungsschwimmer.
Selbstverständlich befindet sich eine Person, die schreiend und winkend um Hilfe ruft, in einer ernsthaften Situation. Anders als beim tatsächlichen Ertrinken, können sich die betroffenen Personen an Ihrer eigenen Rettung beteiligen und z. B. nach Rettungsleinen oder -ringen greifen. Dieser Zustand wird als Wassernotsituation bezeichnet. Eine Wassernotsituation muss nicht zwangsläufig vor einer instinktiven Reaktion auf das Ertrinken auftreten.

Weitere Anzeichen des Ertrinkens
* Der Kopf ist nach hinten geneigt und unter Wasser. Der Mund befindet sich auf einer Höhe mit der Wasseroberfläche.
* Die Augen sind glasig und leer.
* Die Augen sind geschlossen.
* Die Haare hängen vor Stirn und/oder den Augen.
* Der Körper befindet sich vertikal im Wasser.
* Der Ertrinkende beschleunigt die Atmung und kämpft nach Luft.
* Die betroffene Person unternimmt den Versuch zu schwimmen, kommt aber nicht voran.
* Es wird versucht sich auf den Rücken zu drehen.

Quelle: Vittone/Pia, US Coast Guard

Selbstverständlich ist Aufklärung über die Gefahren am und im Wasser, korrekte Beaufsichtigung und Prävention durch „Schwimmen lernen“ immer noch die wichtigsten Maßnahmen, um Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Entsprechend sind alle schulenden Maßnahmen etwa der DLRG (für jung und alt) sehr zu empfehlen. Doch wenn es darum geht, tatsächlich zu helfen, kann die richtige Einschätzung der Situation tatsächlich Leben retten.

Ein beeindruckender, emotionaler Kurzfilm zum Thema „Warum bei uns noch so viele Kinder ertrinken“ von der Schweizer SLRG: „Lautloses Ertrinken“:

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4 Kommentare zu „Unfälle: Ertrinken – Die Anzeichen erkennen“

  1. avatar Christian sagt:

    gute Sache, dass SR auch mal so was bringt!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 27 Daumen runter 3

  2. avatar Christof sagt:

    Passend dazu ein wirklich guter Artikel, der die Dramatik deutlich macht. Besonders eindringlich: And parents —children playing in the water make noise. When they get quiet, you get to them and find out why.

    http://www.slate.com/articles/health_and_science/family/2013/06/rescuing_drowning_children_how_to_know_when_someone_is_in_trouble_in_the.html?fb_ref=sm_fb_share_toolbar

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  3. avatar Hinterherfahrer sagt:

    Danke für den Artikel!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 4

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