Unglück: Untergang nach Frachter-Kollision – Blauwassersegler schwimmen neun Stunden

"Wie eine schwarze Bombe"

Untergang, Kollision, Schwimmen, Rettung

Die “Calamares” in ruhigeren Gefilden © motschiunig

Im südchinesischen Meer rammt ein Frachter die Yacht „Calamares“, die unmittelbar danach sinkt. Das Skipperpaar schwimmt fast einen halben Tag. Es wird von einem Hai umkreist.

Vier Minuten! Nur vier Minuten lagen zwischen einer eher beschaulichen Nachtwache im südchinesischen Meer auf der österreichischen Blauwasseryacht „Calamares“ und dem Moment, da das Skipperpaar Emmy und Walter Motschiunig (beide 66) sich schwimmend an der Wasseroberfläche wiederfanden.

Vier Minuten, in denen ihre Yacht zunächst von einem Frachter gerammt wurde, das Schiff der Kärntner Weltumsegler entlang der Bordwand des Frachters schrammte um schließlich unfassbar schnell zu versinken.

Dabei konnte weder das Dinghy gelöst noch die Rettungsinsel aktiviert werden. Erst im letzten Moment befreien sich das Ehepaar aus der untergehenden Yacht und tauchte aus fünf bis zehn Metern Wassertiefe wieder auf. Doch das war erst der Anfang ihres Dramas…

Alles im Griff

Um drei Uhr nachts übernahm Walter Motschiunig von seiner Frau Emmy die Nachtwache auf ihrer C-Yacht 1100 “Calamares”. Er setzte einen neuen Waypoint, schaute auf den Plotter und überprüfte im AIS die Position etwaiger Schiffe in der Nähe. „Vor mir war ein Frachter in 6 Meilen Entfernung auf Konfrontationskurs”, beschreibt der Skipper später auf seinem Blog den Beginn seiner Wache.

“Da hinter uns und auf der Seite frei war, ging ich nach unten und öffnete Vesper Marine auf dem I Pad. Auch hier bestätigte es sich. So konzentrierte ich mich nach vorne und beobachtete unseren Dicken.“  Alles schien ruhig und „im Griff“. Motschiunig ahnte nicht, dass im Dunkel der Nacht bereits ein anderes Frachtschiff, offenbar unbeleuchtet und ohne AIS, auf ihn zusteuerte.

Untergang, Kollision, Schwimmen, Rettung

Die Motschiunigs hielten immer reichlich Abstand © motschiunig

Motschiunig weiter: „Um 04.05 h machte es einen ohrenbetäubenden Krach und ein Frachter bohrte sich mit seinem Wulst in unsere Calamares. Sein Anker verhängte sich in unserer obere Saling (15m), drehte uns an seine Seite. Nach ein paar Manövern konnte ich ihn davon lösen. Der Frachter schleifte uns entlang seiner Länge (200 bis 300 m) mit und ich hatte Angst in seine Schraube zu gelangen.“

Keine Zeit für Schwimmwesten

Emmy war aus dem Schlaf hochgeschreckt, funkte Mayday, griff nach den „Papieren“ und warf sie ins Dinghy. Walter löste die Leine, wollte aber mit dem letzten Karabinerhaken logischerweise noch warten, bis das Dinghy vollständig im Wasser war und er und seine Frau darin saßen.

Doch der Rumpf der „Calamares“ hatte offenbar so starken Schaden genommen, dass er rasend schnell voll lief und die Yacht zu sinken begann. Walter Mitschiunig: „Natürlich rechneten wir nicht mit diesem schnellen Untergang und wir hatten keine Zeit mehr für Schwimmwesten und andere Dinge. Außer einem Bademantel für Emmy und den Epirb hatten wir nichts. Die nächste Überraschung war, dass der Bug sich nach unten senkte und das Heck senkrecht nach oben aufstieg ( Titanic). Das Dinghy schlug demnach in die Luft und es traf Emmys Kopf. So nahm unser Schiff die Rettungsinsel und das Beiboot mit in die Tiefe. Ich wurde unter die Solaranlage gedrückt, und bis ich dahinter kam, waren ich und Emmy schon 5 bis 10 m unten. Wir befreiten uns und kamen wieder nach oben.“

Der Frachter setzte derweil unbeirrt seinen Weg fort, obwohl der Lärm der Kollision und das Schrammen entlang der Rumpfwand an Bord deutlich zu hören gewesen sein musste. Mutschiunig behauptet zudem, dass er keine Positionslichter am Frachter gesehen habe. „Der war wie eine schwarze Bombe unterwegs, stoppte nicht!“

Und so trieben Walter und Emmy alleine, ohne Schwimmwesten, nur mit einem mobilen Seenotsender versehen, im stockdunklen Südchinesischen Meer.

Neun Stunden im Wasser

„Unser Epirb gab uns die Hoffnung, dass die Frachter, die in einiger Entfernung vorbeifuhren, das Blinklicht sahen. Im Laufe des Vormittags sahen wir einen Helikopter, unser Adrenalin stieg, aber der Pilot suchte nicht sehr intensiv, wahrscheinlich suchte er eine rote Rettungsinsel und drehte bald wieder ab. Aber wir wussten jetzt, dass unser Notruf empfangen wurde,“ erinnert sich Walter später, als er seinen Blog vom Flughafen Katar aus ergänzt.

Doch die Pechsträhne der Beiden sollte kein Ende nehmen. Normalerweise wird das Gebiet, durch das sie trieben, von vielen kleinen Fischerbooten befahren, aber sie gerieten ausgerechnet am arbeitsfreien Sonntag in Seenot. Die beiden Schwimmer konnten keine Boote ausmachen.

Walter Motschiunig: „ Zu guter Letzt kam was kommen musste: Die Flosse eines Hais umrundete uns, ich schwamm zu Emmy klammerte mich an sie, so waren wir wohl zu groß für meinen Freund.“

Untergang, Kollision, Schwimmen, Rettung

Walter und Emmy mit ihren Rettern © motschiunig

Um 12 Uhr mittags sahen sie schließlich ein Boot in 1,5 Meilen Entfernung. Schreien und pfeifen half nichts, die beiden mussten dem kleinen Fischerboot entgegen schwimmen. Um keine Zeit zu verlieren, ließ Walter die langsamere Emmy zurück. Um 13:10 Uhr, nach neun Stunden im 29 Grad warmem Wasser ohne Schwimmweste, erreichte Walter das Fischerboot, das mit einem Generator-Schaden an einer Sandbank festgemacht hatte. „Ich glaube nicht an Gott,“ sagte Walter später. „Aber dieses Boot wurde uns geschickt!“

Der Kapitän des Fischerbootes schwamm schließlich mit einer Schwimmweste Emmy entgegen und zog sie ebenfalls an Bord. Den weiteren Verlauf beschreibt der Skipper so: „Wir wurden fotografiert, mit Essen und Trinken versorgt und waren rundum glücklich. Da wir draußen keinen Empfang hatten, konnten wir uns erst am nächsten Tag nach 60 Meilen Fahrt bei unserer Familie melden, die auf Grund des Notrufes einen Anruf aus Wien erhalten hatte und doch sehr beunruhigt war. Wir waren auf einer kleinen Insel AKAR Island bei freundlichen Leuten, die uns auch Kleider gaben, untergebracht. Die österreichische Botschaft hat uns binnen 1,5 Tagen einen neuen Pass besorgt und so sind wir jetzt auf dem Weg nach Hause und werden unser neues Leben genießen!“

Blog “Calamares”

Tipp: Uwe Röttgering

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