So segelt die Varianta 44 im SR-Einsatz. Video und Bericht

Varianta 44 Test. Potenzial zum Polarisieren

Eine gute vier schäumt den flachen Greifswalder Bodden auf. Wolkenbänke mit Regenschauern ziehen vorbei. Ein Regenbogen wölbt sich über das Land. Dann begleitet eine warme Herbstsonne unseren ersten Ausritt mit der Varianta 44. Ein Tag, wie gemacht zum Spaß-Segeln.

Es ist ein holpriger Parcours. Auf einer 44 Fuß Yacht hält sich normalerweise der Spaß Faktor in Grenzen. Die schweren Schiffe pflügen durch die Wellen und bewegen sich kaum. Aber diese große Varianta zeigt eine erstaunliche Rückmeldung für eine Wohn-Yacht.

Ich habe schon eine große Palette an Charterschiffen unter den Füßen gehabt. Immer ärgere ich mich darüber, dass die meisten Yachten nicht zum Schief-Segeln gedacht sind. Bei etwas Krängung wird das Leben auf diesen Schiffen ungemütlich. Die Polster rutschen unter Deck weg, ein sicherer Stand oder eine entspannte Sitzhaltung ist schwer einzunehmen.

Solche Boote entsprechen offenbar konsequent der  Zielgruppe. Immer mehr Yachties ziehen vielleicht gerade noch bei drei Beaufort die Lappen hoch. Bei mehr oder weniger Druck wird Hebel auf den Tisch gelegt.

An diese Menschen richtet sich die Varianta 44 nicht. Mit diesem Schiff kann auch schief gesegelt werden. Der Steuermann findet mit den Füßen Halt auf einer Schräge. Das große Rad liegt angenehm in der Hand. Man muss sich nicht zu weit vorbeugen.

Von der Sitzposition ist das Heben und Senken des Buges gegen die anlaufenden Wellen zu überblicken. Dieser Rhythmus, diese Optik machen nach meiner Überzeugung einen Großteil der Erholung beim Segeln aus. Es muss etwas tief in uns drin stecken, das den Körper beim Anblick eines Buges, der Wellen zerteilt, entspannen lässt.

Der angenehme Optik des Vorschiffes wird unterstützt von der tief sitzenden Fock. Normalerweise heben die üblichen Rollreffanlagen das Unterliek so weit über das Deck, dass ein darunter ein Luftwirbel entsteht. Das ist Windenergie-Vernichtung und ich empfinde es vermutlich deshalb als hässlich.

Das Vorsegel der Varianta 44  ist aber bis auf das Deck gezogen. Das funktioniert nur deshalb, weil eine Stagreiter-Fock im Einsatz ist. Diese Lösung ist geradezu revolutionär angesicht der Rollfock-Hörigkeit in der Seglerschaft. Sie hilft natürlich auch dabei, den Preis unter der sensationellen 100000 Euro Marke zu halten. Aber sie passt zum Konzept: von Seglern für Segler.

Eine Fock, die an Stagreitern gesetzt wird, steht besser. Aber heutzutage gilt es unter konservativen Fahrtenseglern schon fast als Selbstmord-Versuch, wenn man keine Rollfock im Einsatz hat. Es ist ein mutiger Versuch, dieses Dogma zu durchbrechen.

Das Großsegel ist groß, keine Frage. Durch das Ausnutzen der gesamten Dreicksfläche, die das Achterstag zulässt, ist es allerdings auch als konsequentes Dreieck ohne einen Hauch von Achterlieksrundung ausgeführt. Hübsch ist das nicht.

Im Gegensatz zur Stagreiter-Fock dürfte es auch beim Handling Probleme geben. Es ist nicht einfach, ein so großes Tuch an den Baum zu laschen. So fies ich Lazy Jacks finde, hier mögen sie als Aufrüstung angebracht sein.

Unter Deck ist das Schiff spartanisch, hell und modern eingerichtet. Es mag gewöhnungsbedürftig sein und ist sicher nichts für den konservativen Yachtie. Ich kann aber wenig Schlimmes daran finden. Die Lösung, eine variable Kühlbox als Kühlschrank zu gebrauchen, ist ein interessantes Detail.

Generell muss man das Schiff vor dem Hintergrund des günstigen Preises sehen. Damit einher geht die einfache Ausrüstung, die zum geringeren Gewicht und ausgesprochen guten Segeleinschaften führt. Wer den Einheitsbrei auf den Bootsmessen nicht mag, kann sich bei der Varianta 44 über ein spannend neues Konzept freuen. Es hat das Potenzial zum Polarisieren.

P.S. SR wird jetzt kein Test-Portal. Wir finden die Standard-Tests langweilig. Aber wenn es ein spannendes Schiff gibt, das wir segeln können, werden wir von Zeit zu Zeit unseren Spontan-Eindruck vermitteln wie auch beim RS 100 Test

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Carsten Kemmling

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10 Kommentare zu „So segelt die Varianta 44 im SR-Einsatz. Video und Bericht“

  1. avatar Na Hoppla sagt:

    Werdet ihr jetzt auch von Dehler gesponsort? Ach ja, gehört ja auch zu Hanse.

    Eine Rollfock durch ein Stagreitersegel (!) zu ersetzen, durchbricht kein Dogma, sondern ist einfach nur Scheisse! Ein Tuff-Luff wäre ja noch gegangen, aber Stagreiter? Aus welchem Jahrtausend seit ihr denn?
    Ich bau zwar zum Racen die Rollanlage ab, aber beim cruisen (evtl Einhand oder nur mit Kind an Bord) möchte ich nicht drauf verzichten. Schon gar nicht im Tausch gegen Stagreitersegel.
    Nur, um mal meinen Spontan-Eindruck zu dem Test widerzugeben…

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    • avatar Carsten sagt:

      es geht doch nicht um stagreiter vs tuff luff sondern vs rollanlage. schon klar, dass eine rollgenua einfacher zu bedienen ist. das ist ein rollgroß auch. und noch einfacher ist es, wenn man die segel ganz weglässt.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar wilfried sagt:

    Hallo Na Hoppla,

    Wir wollen jetzt nicht in die Physik einsteigen und auch nicht über die Unzahl von Rollreffanlagen sprechen bei denen das Segel nur einmal im Hafen angeschlagen und dann beim Segeln in der gesammten Saison mit der gleichen Fallspannung gesegelt wird. Der Vorteil beim Stagreiter ist, dass ich bei jedem Wind sofort sehe ob die Fallspannung stimmt und exakt soviel Spannung aufbringen kann dass das Vorliek zwischen den Stagreitern nicht durchhängt. Irgenwie scheinen Besitzer von Rollreffanlagen immer zu lgauben, dass Segeltuch kein Reck hat. Dein vorschlag mit dem Tuffluff zum Fahrtensegeln kann nur jemand machen der noch nie auf einer 44 Fuß-yacht mit kleiner Familiencrew bei 3-4 Windstärken versucht hat in der Welle eine Fock zu bergen oder zu wachseln. Und das Fluchen des Vordecksmanns beim abendlichen Auftuchen ebenfalls nicht. Ich bin mit meinen Stagreitern total zufrieden und segle das Schiff auch einhand mit zwei kleinen Kindern an Bord.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  3. avatar Kölner sagt:

    @ Na Hoppla: Stagreitersegel haben auch Vorteile gegenüber Tuff Luff. So rutschen sie schnell nach unten, wenn man das Fall los wirft. Auch sind sie alleine einfacher zu setzen, da man erst alles Stagreiter einpicken kann, bevor man ans Fall geht. Das geborgene Segel kann angeschlagen am Stag beleiben und nicht wegwehen oder weggewaschen werden. Bei kleiner Crew sind Stagreiter gegenbüber Tuff Luff die bessere Wahl.

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  4. avatar Reinhard Schroeder sagt:

    Interessantes und konsequentes Konzept. Kein schwimmender Wohnwagen, kein Carbon sondern “einfach” nur Segeln und das zu einem sensationellen Preis. Der Markt und die Käufer werden entscheiden. Ich bin gespannt!

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  5. avatar Na Hoppla sagt:

    @Wilfried & Konsorten,
    schön dass mein Posting soviel Resonanz erzeugt hat *gg*
    …und eben weil ich um die Probleme beim Segelwechsel kenne – bin beides gefahren – möchte ich auf eine Rollanlage nicht verzichten. EOD

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  6. avatar Andreas sagt:

    Lazy Jacks könnten doch als Anbauanleitung von der Varianta-Seite runtergeladen werden, inkl. Einkaufszettel. Vielleicht könnten auch findige Bastler, die es wohl zuhauf gibt, ihre Version hochladen. “Yachting goes a bit IKEA”, weshalb denn nicht ?

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  7. avatar Hans von Sonntag sagt:

    Geschmack machender Beitrag, vielen Dank!

    Allerdings hätte ich gerne ein paar Daten gewusst, um dieses sehr interessante Boot – bin als Budget sensibler Familienvater und Freund von echten Segelbooten Kernzielgruppe – besser in den Markt einsortieren zu können. Also Dinge wie Gewicht, Ballast, und Messwerte die Ihr bei Eurer kurzen Testtour erfahren konnte, z.B. Leistung am Wind, Bergab, mit Gennacker/Blister, usw… wären schön gewesen.

    Die Stagreiterfock ist ok für’s Familiensegeln. Aber sie wird nachrecken und dann wird Wellblech draus. Hatte früher selber so was an meinem 1 Tonner. Der hat jetzt schon seit Jahren ein Tuffluff, das ist 1000 mal besser wenn’s um Segelstand und Trimmbarkeit geht. Aber eine Rollfockanlage ist das Geringste. Einfach nachrüsten.

    Der hohe Baum wird auch besser aussehen, wenn man dem Mast etwas mehr Mastfall gibt, und überhaupt, wer hat gesagt, dass man die Werftsegel nutzen muss?

    Tolles Konzept. Die Kiste werde ich mir ganz genau anschauen.

    Hans

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  8. avatar Sven sagt:

    ist ja kein neues Schiff (zumindest nicht unetr wasser)
    Das der Rumpf und Mast der von der Hanse 430 ist,ist ja mittlerweile kein geheimniss mehr.Und wer um jeden/diesen Preis ein Schiff in dieser größe haben muss bekommt für sein Geld ein einfaches Segelschiff.Die disskussion über sinn und unsinn der Stagreiter/Rollanlage verstehe ich nicht.Da kann man genauso gut sagen das es leichtsinnig ist so ein Schiff ohne bugstrahlruder auszuliefern!Das Konzept “fertiges Schiff” gibt es schon und evtl. kommt nun das Konzept “selbst bestimmen was man braucht und will” jetzt dazu!

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  9. avatar Tuppes sagt:

    Howdy.
    Hatte die Möglichkeit die VA44 jetzt mal eine Woche zu fahren. Hmm. Bin zwiegespalten. Bei Halbwind und Am Wind-Kursen ist sie sowohl bei viel als auch bie wenig Wind echt agil. Das Handling der Fock und des Groß ist bei 3 Mann schlimm bei 4 halbwegs akzeptabel und bei 5 easy. Übel wird es beim Bergen und viel Wind. Das Groß hat da mächtig viel und schweres und steifes “Tuch”, dass dann auch noch über Trittstufen am Mast und viel Gezerre geborgen werden will.

    Unter aller Sau ist die Qualität der Inneneinrichtung. Billiges Sperrholzlaminat mit heftigen Ecken (viel Spaß bei Seegang unter Deck…), an dem sich bereits nach 4 Wochen die Ecken lösen, die Kühltruhen kühlen nicht und saugen nur viel Strom (und haben ein echtes Abluftproblem) Türklemmen oder Haken gibts nicht, der Zugang zur Achterbackskammer wartet nur darauf unter dem Rudergänger einzubrechen und Detaillösung wo man “von Segler für Segler” erkennen kann, sucht man im Innenschiffbereich vergebens.
    Fazit. Nett zu segeln, aber trotz des günstigen Einstiegspreises durch den erheblichen Nachrüstbedarf eher ein “Groschgrab”.

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