Vendée Globe-Historie: Die Rettung des Seglers Tony Bullimore – Überleben in der Luftblase

Das Wunder im Southern Ocean

Während der Vendée Globe 1996/97 verlor sein Boot den Kiel, kenterte sofort, das Wasser stand dem Segler bis zum Hals – doch er überlebte trotzdem tagelang in völliger Dunkelheit: Video-Doku von einer unglaublichen Rettung. 

Und es gibt sie doch: Ereignisse, die man nicht für möglich gehalten hat – Ereignisse, die scheinbar (oder tatsächlich?) durch übernatürliche Kräfte herbei geführt worden sind. Kleine und große Wunder, von denen vor allem Hochseesegler so oft erzählen können. 

Der Brite Tony Bullimore überlebte während der Vendée Globe 1996 mitten im Southern Ocean nach Kielverlust auf 52°Süd und 100° Ost in seinem gekenterten Boot in einer Luftblase. 

Was sich hier lapidar in einem Satz niederschreiben lässt, wäre um ein Haar respektive um ein paar Stunden zu einer weiteren, typischen Southern Ocean-Tragödie geworden. Doch Tony wurde – eben wie durch ein Wunder – in letzter Minute von einem Australischen Kriegsschiff gerettet.

Oberkante Unterlippe

In einer extrem aufgewühlten See krachte Tony Bullimore am 5. Januar 1997 mit seiner „Exide Challenger“ gegen ein UFO oder einen Wal und verlor dabei sofort den Kiel. Das Boot kenterte innerhalb von Sekunden und eiskaltes Meereswasser schoss förmlich in die Kajüte. Der Brite hatte den Crash und die Kenterung unverletzt überstanden, schaffte es noch, sich einen Überlebensanzug anzuziehen, seinen Notfallbarke auszulösen und fand sich schließlich stehend in seinem gekenterten Schiff wieder. Ihm reichte buchstäblich das Wasser „Oberkante Unterlippe“ und nur eine kleine Luftblase sicherte dem 58-Jährigen zumindest eine minimale Überlebenschance. Im obigen Video stellt Bullimore die Szenen ausgesprochen realistisch nach.

Rettung, Wunder, 1997 Vendée Globe, Bullimore

Die kieloben treibende “Exide Challenge” , als das Schlauchboot Der “Adelaide” zu Hilfe eilt © australian navy

Doch Bullimore wusste, dass seine Chancen auf eine Rettung in seiner “Wassergruft” nicht kleiner hätten sein können: 1.400 Seemeilen von Australien und 900 Seemeilen vom Antarktischen Kontinent entfernt, außerhalb jeglicher Reichweite von Rettungshubschraubern, fernab aller Schifffahrtsrouten blieb ihm im Prinzip nur das Warten auf ein Wunder – oder Tod durch Ertrinken, Erfrieren, Dehydrierung. Mitten in der größten Wasserwüste unseres Planeten.

Ungefähr zeitgleich löste der französische Vendée Globe-Segler Thierry Dubois ebenfalls seinen Epirb aus. Dubois war näher am Australischen Festland und die australische Navy begann damals sofort mit einer der spektakulärsten Rettungsaktionen ihrer Geschichte. 

Sie schickte die „HMAS Adelaide“ mit einem Seahawk-Helikopter an Bord Richtung Dubois, der schließlich am 9. Januar von der Hubschrauber-Besatzung gerettet werden konnte. In der Zwischenzeit hatte ein RAAF P3-Orion Marineflieger (der zwar eine große Reichweite hat, jedoch keine Rettungsaktionen ausführen kann) die gekenterte „Exide Challenger“ mehrere Hundert Seemeilen weiter südlich in der immer noch aufgewühlten See gefunden. Allerdings war vom Skipper weit und breit nichts zu sehen. 

Klopfzeichen im Rumpf

Aufgrund der eindeutigen Lokalisierung entschloss sich der Kommandant der „Adelaide“, zumindest einen Versuch zur Rettung von Bullimore zu wagen. Wenn auch dessen Chancen auf Überleben in einem gekenterten Boot als außerordentlich gering eingestuft wurden. 

Nach 20-stündiger Fahrt weiter Richtung Süden erreichte die „Adelaide“ schließlich kieloben treibende „Exite Challenger“. Ein Schlauchboot wurde ausgesetzt und längsseits der Segelyacht gelegt. Die Besatzung klopfte laut an den Rumpf des Schiffes und vernahm überrascht kurz darauf ein Antwort-Klopfzeichen aus dem Inneren des Schiffes. Bullimore hatte in seiner kleinen Luftblase, im eiskalten Wasser stehend fünf Tage lang überlebt… und nicht einen Moment die Hoffnung auf Rettung aufgegeben! 

Als er das Klopfen von außen vernahm, tauchte Bullimore unter dem Schiff hervor und schwamm seinen Rettern entgegen. Tief bewegende Szenen, die in dem obigen Video dokumentiert wurden. 

Rettung, Wunder, 1997 Vendée Globe, Bullimore

Bullimore Sekunden nachdem ihn die Retter aus dem Wasser gezogen haben © australian navy

Wer nun glaubt, Einer der sowas er- und überlebt hat, dürfte vom Virus „Hochseesegeln“ für den Rest seines Lebens geheilt sein, irrt gewaltig. Denn der Segler aus Bristol machte in den nächsten Jahren noch bei zahlreichen Hochseeregatten mit, umrundete den Globus mehrfach und soll es in seinem Leben auf mindestens 300.000 geloggte Seemeilen gebracht haben. 

Heute, als 78-Jähriger, ist „die alte Bulldogge“ (wie er sich selbst nennt), noch voller Energie und Leidenschaft fürs Segeln. Er wolle noch unbedingt den einen oder anderen Langfahrt-Törn machen, sagte er unlängst gegenüber britischen Medien. Etwa die Südamerikanische Küste entlang segeln – auf der Atlantik- und Pazifikseite, wohlgemerkt. Und wenn es irgendwie klappt mit einem neuen Boot respektive Sponsorship, möchte er unbedingt am Ostar 2017 teilnehmen, dem Einhand-Klassiker zwischen Plymouth und Rhode Island. Er dachte an einen Start in der „unter 35-Fuß-Klasse“, weil die großen Pötte auch finanziell zu aufwändig für ältere Herrschaften seien. Noch steht er zwar nicht auf Meldeliste, doch dafür hat er noch genug Zeit bis Mai. Die Szene in Großbritannien ist sich jedenfalls einig: Wenn das einer von den Alten durchzieht, dann die „Bulldogge“! 

Rettung, Wunder, 1997 Vendée Globe, Bullimore

Bullimore und der Kommandant der “Adelaide” © australian navy

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Michael Kunst

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