Verbrechen: Yacht während Überfall auf Grund gesetzt – Blauwasser-Szene hält zusammen

Solidarität unter Segeln

 

Hog Island, Karibik, Überfall

Die Bucht, in der auf Hog Island der Überfall geschah © knut

Ein Ehepaar erlebt den Alptraum aller Langfahrtsegler: Überfall, Entführung und nach Grundberührung ein Schaden an der Yacht. Doch die Szene zeigt enorme Hilfsbereitschaft.

Es war einer dieser Tage, an denen alles, aber auch wirklich alles schief ging. Und der dennoch eine Art glücklichen Ausgang haben sollte, eben genau das, was man „Glück im Unglück“ nennt.

Auf der bei Langfahrtseglern beliebten “Hog Island” auf der Südseite der karibischen Insel Grenada geht ein Blauwassersegler mit seinem Hund am Strand spazieren. Seine Yacht liegt vor Anker, die Ehefrau döst an Deck… karibische Idylle. Der Spaziergänger wird von drei Einheimischen angesprochen, die ihn fragen, ob ihm das Schiff da draußen gehöre, was der Skipper jovial bejaht. Auf dem Rückweg kommen die drei Männer erneut auf den Segler zu – diesmal mit gezückter Pistole.

Kurz zuvor hatte der Hund des Seglers noch mit Kindern am Strand gespielt, auf die der Angreifer jetzt seine Waffe richtet und damit droht, sie zu erschießen, wenn der Segler sie nicht mit seinem Dinghy zu seiner Yacht übersetzen würde. Während der Überfahrt schlägt der Bewaffnete auf sein Opfer erstmals ein und verlangt cholerisch brüllend, dass er und seine Komplizen so schnell wie möglich nach Puerto Rico gebracht werden müssen.

Hog Island, Karibik, Überfall

Steckbriefe mit dem Konterfei der mutmaßlichen Täter hängen überall auf Grenada aus © knut

Unter Drogen durchgeknallt

Wie sich später nach Recherchen der örtlichen Medien und nach Angaben der Polizei herausstellen sollte, haben die drei Angreifer zu diesem Zeitpunkt bereits einen haarsträubenden Tag hinter sich. Offenbar nach einer durchzechten Nacht, während der man auch „illegale Drogen und Substanzen“ (Polizeibericht) konsumierte, versuchten die drei mindestens zwei Mal mit vorgehaltener Pistole ein Auto in ihre Gewalt zu bekommen – jedes Mal drückten die Bedrohten jedoch beherzt aufs Gas und entkamen. Offenbar aufgeputscht durch weiteren Drogenkonsum wollten die Drei nun nur noch weg von der Insel , da sie wohl ahnten, dass die Polizei ihr auf den Fersen ist.

Auf der Yacht angekommen, reagiert die völlig überraschte Ehefrau des Skippers panisch und ruft um Hilfe. Die Angreifer reagieren gereizt und schlagen die Frau. Als der Skipper darauf hinweist, dass der Motor bereits seit Wochen nicht mehr funktioniert und sie deshalb nicht auslaufen können, zwingt man die beiden, unter Segeln Anker zu lichten und die Bucht zu verlassen.

Doch schon nach wenigen Hundert Metern setzt die Yacht auf Grund auf – ob vom Skipper beabsichtigt, ist bis heute noch nicht geklärt. Tatsache ist jedoch, dass so erstmals andere Segler, die vor Anker in der Bucht liegen oder dort unterwegs sind, auf das „gekaperte“ Schiff aufmerksam werden. Erste Dinghys mit Hilfsbereiten kommen auf die havarierte Yacht zu und die Yacht-Entführer reagieren nervös, aber prompt: Sie zwingen die Frau ins Beiboot, drohen mit Mord, wenn der Skipper die Yacht nicht umgehend wieder flott macht und fahren mit ihrem Opfer in eine etwa 1,5 Seemeilen entfernte nächste Bucht, wo sie in einem leerstehenden Haus Unterschlupf finden. Dort wird die Frau massiv bedroht und mehrfach geschlagen.

Hog Island, Karibik, Überfall

Zum Spaziergang mit dem Hund mal eben schnell zum Strand gefahren… © knut

Solidarität unter Seglern

In der Zwischenzeit sind der havarierten Yacht mehrere andere Segler zu Hilfe geeilt. Gemeinsam versucht man das Schiff wieder flott zu machen, was allerdings nicht gelingt. Dabei berichtete der Skipper auch von der Entführung seiner Frau und wohl baldige Rückkehr der Entführer, was die Helfer veranlasst, weiter bei der auf Grund sitzenden Yacht zu bleiben.

Als die Entführer kurz darauf mit ihrer Geisel zurückkehren, sehen sie sich einer Überzahl und offenbar bedrohlich wirkenden Gruppe von Langfahrtseglern gegenüber, die einen entschlossenen Eindruck machen. Die Entführer kehren um, fahren zum nächsten Strand, lassen die Entführte im Dinghy zurück und fliehen zu Fuß.

Erst als die Frau schließlich mit dem Beiboot wieder zu ihrem Ehemann auf dem havarierten Schiff zurückkehrt, wird die Polizei und Küstenwache verständigt.

Die Coast Guard verbringt die Nacht neben der havarierten Yacht, um sie abzusichern; am nächsten Tag wird ein erheblicher Schaden am Rumpf festgestellt. Die Überfallenen werden medizinisch betreut und die Polizei nimmt die Verfolgung der flüchtigen Täter auf.

Crowdfunding hilft aus der Patsche

Einen Tag später stellt sich heraus, dass die beschädigte Yacht offenbar nicht ausreichend versichert ist und die Eigner nicht über das nötige Kleingeld verfügen, um sie reparieren zu lassen. Da funktioniert die Solidarität unter den Yachties zum zweiten Mal: Es wird ein „Assistance Fund“ im Internet eingerichtet, bei dem innerhalb von acht Tagen 6.740 Dollar zusammen kommen. Ziel der Sammelaktion waren 5.000 Dollar…

So kann die beschädigte Yacht wieder auf Vordermann und vielleicht sogar ihr Motor repariert werden.

Die Täter sind immer noch flüchtig, werden aber mittlerweile u.a. per Steckbrief gesucht. Ob sie mit einem anderen, etwa gestohlenen Schiff das Weite gesucht haben oder sich immer noch auf Grenada versteckt halten, ist unklar.

Die Blauwasserszene vor Ort ist sich jedoch sicher, dass der Überfall auf die beiden Langfahrtsegler kein gezielter Akt gegen die Cruising-Gemeinde in der Karibik war, wie es von einigen Lokal- und Web-Medien kurz nach dem Überfall suggeriert wurde. Vielmehr handelt es sich um eine klassische, verbrecherische „Kurzschlusshandlung“ nach einem sowieso schon völlig missratenen „Gangstertag“. Das geschädigte Ehepaar war – so lapidar sich das auch lesen mag – einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Und hatte nicht zuletzt durch die schon so oft bewiesene Solidarität unter Langfahrtseglern letztendlich noch Glück im Unglück.

Mit Informationen von Knut, unserem Mann in der Karibik…

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Michael Kunst

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