Vergessene Helden: Helen Tew segelte mit 89 Jahren über den Atlantik — die Legende lebt

"Dad, ich hab's getan!"

Helen Tew, 89 Jahre, Atlantik, Legende

Ihr Vater brach ein Versprechen, also erfüllte sie sich selbst den Traum ihres Lebens – mit 89 Jahren! © tew

Lieber spät, als nie. Die Geschichte einer Seglerin, die bis zuletzt an die Realisierung ihres großen Traums glaubte. Und damit viele Menschen inspirierte.

Es gibt Geschichten, die laufen einem irgendwann über den Weg oder springen dich förmlich an. Einfach so, ohne zunächst ersichtlichen Grund, ohne den berühmt-berüchtigten „Aufhänger“, ohne Bezug zur Aktualität. Vielleicht, weil sie eigentlich zeitlos sind? Und es gerade deswegen verdient haben, erneut erzählt zu werden?

Man sagt das immer so leichthin: „Sich den Traum des Lebens erfüllen“. Schon 16-jährige Mädchen segeln mit dieser Argumentation im Hinterkopf um die Welt und unzählige junge Menschen im Twen-Alter leben derzeit auf See „die Abenteuer, von denen sie immer schon geträumt haben“. Nur, über was für eine lächerlich kurze Zeit hinweg haben sie eigentlich davon geträumt? Zehn, fünfzehn Jahre?

Tue es einfach!

Es gibt nur sehr wenige Menschen, auf die es tatsächlich zutrifft, dass sie ein Leben lang von etwas schwärmen, sich etwas jahrzehntelang gewünscht und erhofft haben, um es sich schließlich gegen Ende ihres Daseins auf Erden tatsächlich zu erfüllen.

„Es gibt immer jemanden, der Dir erzählen will, dass Du etwas nicht tun kannst, weil es zu schwierig oder gar zu gefährlich sei, weil Du zu jung oder zu alt bist. Tue es einfach! Es ist nie zu spät, die Dinge zu tun, die Du immer schon mal machen wolltest.“

Dieses Zitat stammt von einer Frau, die 2004 im Alter von 92 Jahren gestorben ist. Ein paar Wochen vor ihrem Tod mischte sie noch mit zwei etwa gleichaltrigen Ladies auf einer Scow-Jolle die Clubregatten auf der heimischen Mündung des Beaulieu River im britischen Solent auf. Und nur drei Jahre zuvor lebte sie den Traum ihres Lebens: Helen Tew segelte in einem uralten Holzboot fast 10.000 Seemeilen über den Atlantik und wieder zurück. Und vergab auf dieser Reise ihrem hassgeliebten Vater.

Helen Tew, 89 Jahre, Atlantik, Legende

Die Mary Helen mit ihren neuen Besitzern vor ein paar Jahren auf dem Solent © historical boats

Ihren 89. Geburtstag feierte Helen Tew am 10. Januar 2001 auf der Antillen-Insel St. Martin, wo sie nur mal eben schnell für die kleinen Feierlichkeiten an Bord in einer Bucht ankerte. Hinter der robusten Lady und ihrem vergleichbar betagten 26-Fuß-Holz-Gaffelkutter „Mary Helen“ (64 Jahre jung) lag damals eine Atlantik-Überquerung, die 26 Tage, 23 Stunden und 50 Minuten gedauert hatte.

Kaum jemand auf den in der Nachbarschaft ankernden, mondänen Yachten nahm Notiz von dem alten „Kahn“, auf dem gerade die Sektkorken knallten. Doch von Bord der „Mary Helen“ drang diebisches Gelächter durch die Bucht: „Es ist vollbracht!“ soll Helen laut gerufen haben. „Es ist geschafft!“ Siebzig Jahre lang hatte Helen auf diesen Moment gewartet. Da wird frau sich doch mal richtig freuen dürfen…

Sie stand immer ihre Frau

Mit an Bord war Donald (65), der älteste von Helens fünf Söhnen. Er hatte seine Mutter auf dem Törn ihres Lebens begleitet. Wohlgemerkt „begleitet“ und nicht mitgenommen. Denn Helen stand ihre Frau während der fast dreiwöchigen Atlantiküberquerung: Wachen im Vier-Stunden-Rhythmus, eigenhändig ausgeführte Reparatur-Arbeiten an Mast, Ruder und Baum, ein 36 Stunden andauernder Sturm, bei dem der Windpilot ausfiel.

Helen Tew, 89 Jahre, Atlantik, Legende

Vergab ihrem Vater erst im zarten Alter von 89 Jahren: Helen Tew © telegraph

Doch die Frau, die an Land nach einer Hüftoperation so ihre Schwierigkeiten hatte, länger als eine halbe Stunde am Stück zu gehen, blühte auf dem Wasser förmlich auf. Ja, sie behauptete sogar, dass sie sich jedes Mal, wenn sie ein Boot unter den Füßen spüre, um mindestens 30 Jahre verjüngt vorkomme.

„Es war die schönste Zeit meines langen Lebens!“ sagte sie später über ihren Transatlantik-Törn, als sie zurück auf „ihrer“ Insel von den englischen Medien gefeiert wurde. „Eine Zeit, in der ich auch endlich mit meinem Vater ins Reine gekommen bin.“

Eine damals 89-Jährige kommt endlich mit ihrem Vater klar? „Es ist eigentlich die simple Geschichte eines Versprechens, das dann nicht eingehalten wurde,“ wurde Helen damals in unzähligen Interviews zitiert. „Oder rüde ausgedrückt: Es war ein Vertrauensbruch!“

Versprechen muss man halten

Helen Tew begann mit 11 Jahren zu segeln und unternahm als Teenager lange Törns gemeinsam mit ihrem Vater Commander Douglas Graham auf dessen Gaffel-Kutter-Yacht „Emanuel“. In diesen, Helen als besonders harmonisch in Erinnerung gebliebene Zeiten, versprachen sich die beiden, dass sie später gemeinsam den Atlantik überqueren werden. In der damaligen Zeit ein unerhörtes Abenteuer, dass nur wenige mit einem 30-Fuß-Kutter überhaupt für machbar hielten.

Als „Emanuel“ schließlich 1934 gen Westen in See stach, war nur Douglas Graham an Bord. Die Reise sei zu gefährlich für junge Frauen, argumentierte Papa Douglas. Seine 22-jährige Tochter, die gerade in Mathematik und Physik promoviert hatte, sah das ganz anders: „Er brach sein Versprechen, weil er auf einen Einhand-Rekord aus war.“

Den der Commander dann auch tatsächlich aufstellte: Bis in die Sechziger-Jahre sollte kein anderer mehr schneller als er einhand über den Atlantik segeln. Entsprechend gefragt war später sein Buch „Rough Passage“, das er über seine Einhand-Abenteuer schrieb. Und in dem seine geliebte, aber zutiefst getroffene Tochter nicht eine Zeile lesen sollte.

Tatsächlich glättete sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter nie mehr vollends. Sogar am Sterbebett des Vaters soll Helen nicht über die Lippen bekommen haben, dass sie ihrem alten Herrn den Vertrauensbruch verzeihe.

Helen Tew, 89 Jahre, Atlantik, Legende

Das Buch zum Abenteuer einer fast 90-Jährigen © tew

Sucks Dad, I’ve done it

Dem Segeln blieb Helen allerdings treu. 1937 heiratete sie John Tew, einen Yachtkonstrukteur, der ihr die „Mary Helen“ zeichnete. Gebaut wurde das Holzschiff von den Aussteuergeldern mit dem Ziel, weiter als Commander-Daddy zu segeln. Um die Welt sollte die Mary Helen sie mindestens bringen.

Doch der zweite Weltkrieg kam dazwischen, Mary gebar vier weitere Söhne, John Tew starb 1975 und ihr geliebtes Schiff wurde höchstens für ein paar Schläge vor der Küste Englands eingesetzt. Bis der Mathematikerin auch dafür die Zeit fehlte und das Boot irgendwo an Land Moos ansetzte.

Später, viel später, Helen war schon über achtzig Jahre jung, kam irgendwoher ein wenig zusätzliches Geld und sie überschlug die Kosten für ein Refitting der „Mary Helen“. „Es ging alles wunderbar auf,“ erinnerte sich die Seglerin, „Es war wie ein Zeichen, dass ich endlich meinen Traum von der Atlantiküberquerung umsetzen sollte.“

Unterwegs, kurz vor dem Ziel Antigua, schrieb Helen Tew dann endlich in ihr Logbuch „Alles vergeben! Sucks to you Dad, I’ve done it!“

Berüchtigtes Scow-Team „Three Grannies“

Nach ihrer Rückkehr avancierte die betagte Seglerin schnell zum lokalen Segelstar. Auch sie schrieb mit „Transatlantic at last“ ihre Memoiren und feierte mit dem Buch ähnliche Erfolge in der Segelszene wie seinerzeit der Vater. Im mittlerweile berühmt-berüchtigten Jollen-Trio „Three Grannies“ nagelte sie weiterhin über das Heimatrevier „Beaulieu River“ am Solent, unweit von Cowes und stahl vielen Helden der umliegenden Clubs die Show.

Und nicht nur denen. Ian, der zweitälteste ihrer Söhne – die übrigens alle Helens Segel-Gene geerbt haben – war in der Zwischenzeit auf seiner im Vergleich zur „Mary Helen“ doppelt so großen Yacht um die Welt gesegelt. Als er wieder zuhause ankam, wollte er sich eigentlich ein wenig feiern lassen, wie das eben so ist, nach großen Törns. Man war auch ganz angetan von seiner Leistung, gratulierte brav um schon im zweiten Satz zu fragen: „Und wie geht’s eigentlich Deiner Mutter? War schon ein irrer Törn, den sie da gemacht hat!“

Wahrscheinlich zeigt aber die kleine, große Geste einer anderen Segelheldin, wie sehr die britische Segelszene Helen Tews verehrte. Im Jahre 2002 wurde sie bei den Nautical Awards als „Yachtwoman of the year“ nominiert. Doch letztendlich wurde der Preis Dame Ellen MacArthur zugesprochen. Die wiederum schnappte sich nach der offiziellen Verleihung eine Champagner-Flasche und fiel ehrfürchtig vor Helen auf die Knie. Und soll dabei gemurmelt haben, dass eigentlich ihr der Preis gebühre…

Helen Tew, geboren am 10. Januar 1012, gestorben am 9. November 2004

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So sah der Kutter zur Zeit der Atlantik-Überquerung aus © tew

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Michael Kunst

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