Neuer Segelreporter: Klaus Hympendahl über den Jugendwahn der Weltumsegler

"Wie jung darf ein Weltumsegler sein?"

Lapita Voyage, Hympendahl

Klaus Hympendahl mit dem von James Wharram und Hanneke Boon konstruierten traditionellen Katamaran-Nachbau von den Südseeinseln Tikopia und Anuta. Die Originale sind im Auckland Imperial Museum ausgestellt. © Philipp Hympendahl

Hympendahl auf Nachtwache. Der 4000 Meilen-Törn dauerte viereinhalb Monate. © Philipp Hympendahl

Der erfahrene Fahrtensegler und Blauwasser-Experte Klaus Hympendahl schreibt in Zukunft regelmäßig für SEGELreporter. Der Düsseldorfer Piraten-Experte und erfolgreiche Buch-Autor hat vor einem Jahr mit seiner Lapita Voyage Expedition für Aufsehen gesorgt, als er mit einem traditionell gebauten polynesischen Katamaran eine 4000 Meilen-Strecke in der Südsee bewältigte. Die Dokumentation läuft am 20.6. um 19:30 in der TERRA X Sendereihe beim ZDF. Bei seinem ersten Beitrag für SEGELreporter beschäftigt sich Hympendahl mit dem Jugendwahn der Weltumsegler:

“Im Jahr 1965 startete der damals 16-jährige Schüler Robin Lee Graham auf seiner 24 Fuß kurzen „Dove“ zu einer Weltumseglung. Fünf Jahre später kam er wieder in Los Angeles an – er ließ sich Zeit, heiratete unterwegs. Der Amerikaner Jesse Martin war 18 Jahre alt (und 41 Tage) als er seinen Heimathafen wieder erreichte, allerdings ohne Frau. Robin Lee Graham war das Vorbild für Zac Sunderland, der bereits mit 17 Jahren wieder zurückkam, noch nicht einmal einmal verlobt. Jetzt wurde er getoppt von der 16 Jahre jungen Jessica Watson. Jünger als Jessica wird in Kürze die 14 Jahre junge Laura Dekker sein, die z. Zt. mit den holländischen Gerichten über den Standard der Sicherheitsausrüstung ihres Bootes verhandelt, um dann in See zu stechen. Ob sie unterwegs heiratet? Unwahrscheinlich, aber möglich – gäbe jedoch viel Presse-Hype!

Wir sehen, die Jugend-Spirale führt steil nach unten, aber noch finden wir sie im Teenagerbereich. Darf es auch ein Mensch unterhalb des Teeny-Alters sein? Vielleicht ein 12-Jähriger? Muss ein WuS (Welt-um-Segler) erst die Pubertät abwarten oder haben wir bald sogar einen zehnjährigen?

Auf See bahnt sich das Gleiche wie bei Mount Everest-Besteigern an. Segler und Bergsteiger werden immer jünger oder skuriler. Blinde und Anfänger (wie Fotomodelle) haben sich bereits durch Bergführer und Sherpas zum Gipfel aller Gipfel hochhieven lassen. Mit Sicherheit wird uns bald die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua einen pubertierenden Jung-Chinesen präsentieren, dick im Bergsteiger-Outfit eingeklemmt, hinter einer Schneebrille versteckt, aber auf dem ME-Gipfel die chinesische Flagge in der Hand haltend. Ich schätze, dass dieser 12-Jährige gerade im Reich des Drachen ge-coacht wird. Im Namen der Partei!

Ja, das waren noch Zeiten als Bernhard Moitessier sich auf seiner „Joshua“ vor ca. 40 Jahren durch die Roaring Fourties blasen ließ. Oder ein Reinhold Messner sich über wochenlange Anwege bis zum Mount Everest hochwuchtete!

Kennst Du den schon? Fragt ein Yeti ein anderes Yeti: „Hast Du den Reinhold Messner gesehen?“ Antwortet das zweite Yeti: „Gibt’s den wirklich?“

Ein Yeti war offensichtlich das erste Wesen, das virtuelle und reale Leistungsträger verwechselte. Kein Wunder bei der dünnen Höhenluft.

Auch im sauerstoffreicheren Tiefland scheint sich die virtuelle Welt mit der realen Welt zu verwischen. Wusstest Du, dass Formel-Eins-Fahrer besser im Simulator die Rennen trainieren als auf Beton? Bei Piloten und Kapitänen ist das Simulieren bereits lange bekannt.

Vielleicht ist das Segeln hinter einem Simulator ja schon verbreiteter als ich dachte? So kann ich mir durchaus vorstellen, dass der deutsche WuS B. L. (genannt der Lügenbaron) nicht auf seinem Stahlboot diese herzerreißenden Blogs schreibt, sondern irgendwo in der Lüneburger Heide auf seinem Laptop neben seinem Segel-Simulator.

Hat WuS Jessica etwa auch hinter einem Simulator gesessen? Nein, ein halbes Jahr vor einem Bildschirm, mit Coke und Fastfood, das hält ein Russe aus, auch ein Nerd aus den USA, aber kein outdoor-liebender Australier. Außerdem hätte BILD das schnell herausgefunden.

Langsam werde ich jedenfalls skeptisch ob eine Reise virtuell oder real passiert. Bei der Mondlandung weiß man ja auch nicht ob Armstrong und die Jungens in Hollywood oder auf dem Mond gelandet sind. Und wenn man liest, dass es bereits Versuche gibt, Segelyachten ohne Besatzung über die Ozeane zu segeln. Nur mit GPS, AIS und REMOTE CONTROL von Land aus gesteuert, ja dann greife ich doch liebend gern zu meinem realen Buch von Bernhard Moitessier und lese zum dritten Mal „Der verschenkte Sieg“.

Wenn ich aber demnächst Moitessiers Buch auf mein neues iPad geladen habe, dann ist mir endgültig egal wer wo real oder virtuell segelt.”

Klaus Hympendahl

ist in Hamburg geboren, lebt aber seit vielen Jahren in Düsseldorf. Er verbrachte knapp zwei Jahre in den USA. Über 23 Jahre arbeitete er als Texter und Creativ Director in der Werbung. Die letzten Jahre davon war er Inhaber einer eigenen Werbeagentur. Zum Segeln kam er durch seinen Vater, der Mitglied im Kieler Yacht Club war. 1986 bis 1991 umsegelte er die Welt im Zickzackkurs auf der Passatroute und schrieb über 40 Artikel für Segelzeitschriften.

Danach entstand das Buch “Segeln über dem Vulkan”. Es beschreibt anstatt der üblichen Routen die Begegnungen mit über 90 Menschen.
1991 gründete er die Ausrüstungsfirma für Fahrtensegler BLUE WATER GmbH, die sich in kurzer Zeit einen guten Namen machte. 1997 verkaufte er sie, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.
Im selben Jahr veröffentlichte er eine Artikelserie über die traditionelle Navigation der Araber, der Wikinger, der Polynesier und von Kolumbus.
Auf den Santa Cruz Inseln im Pazifik, baute er unterstützt von der UNESCO eine traditionelle polynesische Proa.

Dabei entstand sein erster Roman “El Niño – wenn das Meer brennt”. Seitdem unterstützt Hympendahl die dortige vom Zyklon zerstörte Insel Tikopia (www.helptikopia.de).

1999 schrieb er eines der erfolgreichsten Segelbücher überhaupt. “Logbuch der Angst” wurde in sieben Sprachen übersetzt. Dabei geht es um eine authentische Mordgeschichte auf dem Atlantik. Hympendahl hatte den Täter auf seiner Yacht persönlich kennen gelernt hatte, bevor es zur Tat kam.
Im Jahr 2001 erschien das Buch “Yacht-Piraterie – die neue Gefahr” mit 40 authentischen Berichten von Überfallenen. Es wurde in den USA veröffentlicht und gilt auch dort als Standardwerk. Seitdem gilt Hympendahl als Piraten-Experte und wird häufig zu dem Thema befragt.

Im Herbst 2003 erschien das Sachbuch “Checklisten für Fahrtensegler”, in dem er seinen Erfahrungsschatz von 30 Jahren Fahrtensegeln und das Spezialwissen um meine Ausrüstungsfirma verarbeitete. 2005 veröffentlichte er das Buch “Sünde auf See”, die erotische Geschichte der Christlichen Seefahrt.

2009 absolvierte Hympendahl die Südsee-Expedition Lapita-Voyage. Er segelte mit zwei historischen Nachbauten polynesischer Katamarane den Migrations-Weg der Polynesier von Südost-Asien in den Pazifik nach. Der 4000 Meilen Törn dauerte viereinhalb Monate. Mit dabei war der britische Katamaran-Pionier James Wharram. Am 20.6. um 19.30h erscheint die ZDF-Dokumentation über die Expedition im im Rahmen der TERRA X Sendereihe.

Hympendahl bietet neuerdings auch einen besonderen Chartertörn mit einem 20 Meter Katamaran in der Südsee an. Dabei will er einen Eindruck von dem ursprünglichen Revier vermitteln “weit weg von allen touristischen Einflüssen”. Hier stellt er den Törn vor: Suedsee_Charter_KHympendahl.pdf

Links:
Die Südsee-Expedition
Die Kurzzusammenfassung
Die Ankunft nach 4000 Meilen im Video
Die Piratenseite

Carsten Kemmling

Spenden
https://yachtservice-sb.com

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