Zweifel: Nach fünf Monaten auf See gerettet – alles erfunden oder alles wahr?

Alles Fake News?

Was wird nun aus den beiden Seglerinnen? Vor allem die ältere der beiden Schiffbrüchigen steht im Rampenlicht – wegen vermeintlicher Lügen und wegen ihrer Vergangenheit.

Klar, an der Geschichte ist was oberfaul. Die beiden US-amerikanischen Ladies, die mit ihren beiden Hunden angeblich fünf Monate lang auf See trieben und dann Ende Oktober von der US Marine spektakulär „vor dem sicheren Tod in den nächsten 24 Stunden“ gerettet wurden, wirken alles andere als glaubwürdig (SR berichtete). 

Warum hatte die nach eigenen Angaben „erfahrene“ Seglerin Jennifer Appel und ihre seglerisch völlig unbedarfte Mitseglerin Tasha Fuiava für ihren auf drei bis vier Wochen veranschlagten Trip von Hawaii nach Tahiti Nahrungsmittel wie Reis und Getreide für mehr als ein Jahr an Bord? Warum segelten sie nicht einfach weiter, nachdem die Maschine ihrer “Sea Nymph” offenbar ausgefallen war? Warum wurde ein funktionsfähiger Ebirp nicht ausgelöst? Warum reden Tasha und Jennifer von einem Sturm, der sie überraschte und der ihr Rigg „irgendwie“ beschädigt habe, wenn für den angegebenen Zeitraum auf den angegebenen Positionen nachweislich allerbestes Segel- und Urlaubswetter herrschte?  Wie ist es möglich, dass die beiden Frauen nach fünf Monaten in einem relativ kleinen Boot auf See lächelnd und ganz offensichtlich in guter körperlicher Form eine zehn Meter hohe Falltreppe eigenständig hinauf klettern? Und weshalb gab es angeblich einen Funkkontakt seitens der tahitianischen Küstenwache mit einem Boot namens “Sea Nymph”, dessen weibliche Skipperstimme antwortete, es sei alles okay und man werde morgen an Land gehen? Später werden Appel und Fuiava für diesen Zeitpunkt einen Ortsangabe machen, die etwa 1.500 Seemeilen weit entfernt liegt. (SR-Bericht)

Etwas “kinky”

Eine wirre, im doppelten Wortsinne abenteuerliche Geschichte, die vor allem von den US-amerikanischen Medien genüßlich bis in alle Details ausgeschlachtet wird. Kaum ein TV-Sender, der nicht von der wundersamen Rettung durch die US-Marine berichtete, um dann wenige Tage darauf die obskuren Angaben der beiden Geretteten zu analysieren und auseianderzunehmen. Tageszeitungen, Magazine und Online-Portale begannen schon kurz nach der wundersamen Rettung, in der Vergangenheit der beiden Protagonistinnen zu „recherchieren“ – vor allem bei Jennifer Appel wurden sie fündig. 

Schiffbruch, fünf Monate,

Skipperin Appel ist alles, bloß nicht harmlos! © fetlife

Die Amerikanerin lebte vor ihrem verunglückten Törn ganz offensichtlich unter Umständen, die von den Medien gerne als „kinky“ bezeichnet werden. „Frivol“ bis hin zu „reichlich durchgeknallt“ würde man hierzulande wohl sagen – ein Leben am Rande der an Verschrobenheiten sowieso nicht gerade armen US-Gesellschaft. Demnach arbeitete Appel offenbar jahrelang im Sexgewerbe, schrieb ein Buch, in dem sie u.a. über Sado-Maso-Praktiken berichtete, ließ sich in eindeutigen Positionen fotografieren und warb für „Orgasmus-Schulungen“, die sie Paaren anbot. 

Seitenlange Artikel wurden nach „eingehender Recherche“ geschrieben (ein typischer sensationsgeiler Boulevard-Bericht mit oft unappetittlichen Fotografien findet sich auf der Website Daily Mail), jedes Detail im Privatleben von Appel ausgeschlachtet. Angebliche Freunde und Ex-Liebhaber wurden befragt, die sich allesamt in einem Punkt einig waren: Appel sei ziemlich chaotisch und nach einem schweren Motorradunfall nicht mehr dieselbe wie zuvor gewesen. 

Doch ist sie deshalb auch gleich eine Lügnerin? 

Brauchen Lügen Gründe?

Tatsache ist, dass die meisten dieser Berichterstattungen Material veröffentlichen, das suggerieren soll, die ganze fünfmonatige Herumtreiberei auf dem Pazifik sei eine einzige Lügengeschichte. Doch warum sollten die beiden Frauen das erlogen haben, zu welchem Zweck? 

Kaum einer ist bisher auf die Idee gekommen, dass die beiden Ladies – so dubios manche ihrer Abenteuer während der fünfmonatigen Irrfahrt auch gewesen sein mögen – bei ihrem Törn nach Tahiti einfach nur Pech hatten, das von einer suboptimalen seglerischen und „seemännischen“ Leistung seitens Skipperin Appel noch befeuert wurde? 

Es wäre übrigens für Appel nicht das erste Mal gewesen. Schon vor fünf Jahren hatte sie ein Segelboot verloren, auf dem sie offenbar bereits seit geraumer Zeit lebte und das u.a. auch für gewisse Stelldicheins genutzt wurde. Bis sie (idiotischerweise, muss man sagen) ausgerechnet an einem Tag, an dem ein angekündigter Sturm sich aufbaute, ihren neuen Außenborder ausprobieren wollte. Am Ende des Tages landeten sie und ein Begleiter auf einem Felsen – Totalverlust von Boot und Heim. 

Schiffbruch, fünf Monate,

2012 verlor Jennifer Appel ihr erstes Boot, auf dem sie auch lebte © boating recreation

Doch die diplomierte Landschaftsarchitektin zeigte sich auch in anderer Hinsicht skurril und absonderlich. So hortete sie etwa nach dem Reaktorunglück von Fukushima Reis, der VOR der Atomkatastrophe gewachsen war. Nach Aussagen von Bekannten hatte Appel panische Angst davor, sich radioaktiv zu vergiften, deshalb seien säckeweise Reis an Bord der „Sea Nymph“ gar nicht so abwegig gewesen. Schließlich lebte Appel auch auf diesem Schiff bereits seit einiger Zeit und barg dort folgerichtig ihre Vorräte. 

Ziemlich abgespeckt

Natürlich wirkt das alles absurd und völlig „neben der Spur“. Doch die wildesten und verrücktesten Geschichten schreibt immer noch das Leben. So mussten sich dann auch die Kritiker von Tasha Fuiava, die übrigens Appel erst eine Woche vor Abreise zum „großen Törn nach Tahiti“ auf Hawaii kennengelernt hatte, eines Besseren belehren lassen. Tasha Fuiava hatte man direkt nach ihrer Rettung vorgeworfen, dass sie viel zu fit und vor allem zu gut genährt für eine fünfmonatige Irrfahrt auf See aussehen würde. Doch die hawaiianische Maori, die früher in einer Securitiy-Agentur gearbeitet hatte, wog nach übereinstimmenden Aussagen ihrer Kollegen vor Antritt der Reise mehr als das Doppelte…

Dass Appel nun ein Buch schreiben will und angeblich auch schon über die Rechte zur Verfilmung ihres Abenteuers verhandelt, gilt bei vielen als weiterer Beweis für ihre Unlauterkeit, wird von anderen (einem heimlichen Fanclub?) allerdings sehr begrüßt.

Bleibt abzuwarten, wohin sich das alles entwickeln wird. Für weitere „Spannung“ will Appel jedenfalls schon bald sorgen: In einem TV-Interview gab sie kund, dass sie den Törn von Hawaii nach Tahiti schon in naher Zukunft wieder angehen wolle. Schließlich wolle sie auf einer Südsee-Insel ein neues Leben im Einklang mit der Natur beginnen. 

Ob auch Tasha Fuiava wieder dabei sein wird, steht aber noch in den Sternen.

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Michael Kunst

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9 Kommentare zu „Zweifel: Nach fünf Monaten auf See gerettet – alles erfunden oder alles wahr?“

  1. avatar HighTide.cc sagt:

    Was eine Räuberpistole. Aber selten war ich mir so sicher, dass hier etwas nicht stimmt. Als ich gestern den Daily Mail Artikel gelesen habe sträubten sich mir die Nackenhaare. Mrs Kinky konnte ich mir bildhaft vorstellen. Erstaunlicherweise wirkt sie dann in den Interviews gar nicht so benebelt. Es bleibt trotzdem seltsam.

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  2. avatar Peter Müller sagt:

    Euer Artikel mit ständigen unsachlichen Seitenhieben ist genauso geschmacklos wie der von Euch verlinkte und zudem ohne eigene Recherche…

    Schade.

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    • avatar Peter Müller sagt:

      Ich möchte ehrlich ein Abo bei euch abschließen, Artikel in dieser Art und Weise halten mich aber leider davon ab. Bitte investiert doch ein wenig mehr Zeit in journalistisch anspruchsvolle Artikel. Gerne könnt ihr dazu auch die Frequenz reduzieren…

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      • avatar Claus Harder sagt:

        DANN ZAHL DOCH MAL !
        Wie soll sich sich denn sonst Dein Wunsch nach “joutnalistisch anspruchsvollen Artikeln”
        erfüllen ?
        Oder lebst Du von Lust und Liebe ?

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 12

        • avatar Peter Müller sagt:

          Nein, tue ich nicht. Aber ich muss bei meinen Mandanten auch in Vorleistung gehen und kann nicht sagen: „DANN ZAHL DOCH MAL!“ und wenn du Glück hast bessert sich die Qualität, mal gucken…

          Seltsames Verständnis von Dienstleistung…

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          • avatar Andreas Borrink sagt:

            Eine interessante Diskussion um das grundsätzliche Verständnis von Dienstleistungen. Einerseits kann man sicher eine gewisse Zeit “auf Probe” fahren, andererseits wäre es fair, beizeiten dann auch mal zu leisten. Das Dilemma kenne ich und zahle – obwohl es sicher jede Menge Luft nach oben gibt bei der journalistischen Qualität. Aber: wo nicht? Der Unterhaltungswert vom SR stimmt. Und eine “BILD” kostet inzwischen ja vermutlich auch schon einen Euro……

            Bemerkenswert auch, dass Ihr Euch nicht hinter kryptischen Pseudonymen verbergt, wie fast alle anderen, die hier kontrovers posten. Beispielhaft, wie ich finde.

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  3. avatar Andreas Borrink sagt:

    Was man nicht alles schreiben kann über so eine Hühnerk…e. Aber wen bitte interessiert das?
    Ich zitiere mal: “Segeln ist cool, faszinierend, vielseitig. SegelReporter berichtet, erklärt, steckt an.”

    Also – bitte! MiKu, das kannst Du doch besser. Berichte lieber mal aktuell von Jörg’s Aufholjagd (cool) bei den Minis. Der ist nämlich aktuell schon zweiter (faszinierend) und hat jetzt ordentlich “Hebel”!

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  4. avatar Yachti sagt:

    Danke Miku, für die lustige, sorgfältig recherchierte Geschichte.
    Es ist durchaus OK, wenn SR ab und zu auch einmal etwas zum Schmunzeln bringt.

    Die Story von der toten Kuh habe ich allerdings gar nicht erst angesehen.
    .

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  5. avatar Sven 14Footer sagt:

    Leute ärgert Euch doch nicht über Artikel, die Ihr nicht interessant findet. Ihr braucht es nicht zu lesen. Ich fands gut, die Sache mal von der “anderen Seite” aus zu betrachten.
    Ein gutes Magazin oder Onlineseite hat Artikel für jeden Geschmack. Selten mag dann eine einzelne Person alle veröffentlichten Artikel.

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