470er EM: Der Weg zum Titel-Wunder von Gerz/Szymanski – Auch Frauen gelingt Durchbruch

"Großer Boost"

Ferdinand Gerz und Oliver Szymanski haben mit ihrem EM Titel in Aarhus an die längst vergessene deutsche 470er Dominanz angeknüpft. Annika Bochmann/Marlene Steinherr bestätigen das Bild als Vierte. Ferdinand Gerz erklärt den Weg.

470er EM

Gerz/Szymanski vor Aarhus auf dem Weg zum EM Titel. © Nikos Alevromytis

Wer in der 470er Klasse Erfolg haben will, muss Geduld haben. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass der britische Silbermedaillengewinner 2012 mit Nachnamen Patience heißt. Seit elf Jahren segelt er in der Gleitjolle und ist dennoch fast noch ein Jungspund im Vergleich zum australischen Klassenprimus Mathew Belcher, der seit 14 Jahren dabei ist. Genau so lange wie der Weltranglisten Dritte Panagiotis Mantis aus Griechenland oder der kroatische Vize-Weltmeister Sime Fantela.

Dagegen ist Ferdinand Gerz (26) mit seinen sieben Jahren in der Klasse geradezu grün hinter den Ohren. Und erst recht sein Vorschoter Oliver Szymanski (24) vom Joersfelder Segel-Club in Berlin, der erst seit vier Jahren im 470er am Draht hängt.

470er EM

Das deutsche Duo mit dem Erfolgstrainer Marek Chocian. © Chocian

Die Erfahrung ist offenbar das wichtigste Gut in der 52 Jahre alten Klasse. Und demnach müsste es noch etwas dauern, bis Gerz an der Reihe ist, um Olympia-Medaillen mitzuspielen. Aber mit dieser Aussicht wollte sich das Duo nicht zufrieden geben. Es arbeitete hart über den Winter und hat jetzt mit dem Gewinn des EM Titels die Früchte geerntet.

Im Medalrace verloren die Deutschen zwar noch den Sieg in der offenen Wertung an die Amerikaner. Aber wichtiger war die Kontrolle der Griechen, die den EM Sieg noch hätten streitig machen können. Dabei ist die Leistung noch höher einzuschätzen im Hinblick darauf, dass es sich für die deutschen 470er Teams um die erste Olympia-Qualifikation handelte.

Größer konnte der Druck für Gerz/Szymanski nicht sein. Denn zusätzlich forderten STG und DSV einen Platz unter den Top Ten, um die bisherige Übergangsförderung weiter rechtfertigen zu können. “Wir standen mit dem Rücken zur Wand”, sagt der Steuermann.

470er EM

Die deutsche Flagge ganz oben. © Nikos Alevromytis

Das Duo lieferte aber die beste Leistung ihrer Karriere ab und stieß in Sphären vor, an die zuvor nicht zu denken war. Zu den geschlagenen Teams gehört auch der australische Dominator und Olympia-Gold-Gewinner Matthew Belcher.

Wie ist dieser Leistungssprung möglich? Ferdinand Gerz sprach mit SegelReporter über die Gründe.

Vorbereitung: Über den Winter hat das Team hart und intensiv trainiert besonders mit den olympischen Olympia-Bronze-Gewinnern Calabrese/De La Fuente aus Argentinien und den kroatischen Vize Weltmeistern Fantela/Marenic, aber auch mit den direkten Konkurrenten um den Olympia-Spot Wagner/Baldewein, die in der EM Wertung neunte wurden.

470er EM

Feiern in gelb. © Nikos Alevromytis

Revier-Gewöhnung: Die Deutschen waren neun Tage vor dem Start der WM vor Ort in Aarhus, so lange wie kein anderes Team. “Dabei haben wir sehr gut verstanden, wie es funktioniert.” Die Bedingungen waren sehr wechselhaft

Segel: Der Wechsel zu dem italienischen Segelmacher Zaoli Sails in San Remo, bei dem auch die internationalen Trainingspartner, waren ein wichtiger Schritt. “Die Segelmacherei liegt in direkter Nähe zur Slip-Rampe. Da konnten wir mit Designer Andrea Mannini sofort nach einem Trainingsschlag etwas am Shape ändern und wieder raussegeln.” Nur bei dem Spinnaker sind sie bei North Sails verblieben. “Vor dem Wind gehören wir ohnehin zu den top fünf in der Welt. Da wollten wir kein Risiko eingehen.”

Boot: Die Hamburger Ziegelmayer Werft ist dick im Geschäft, seit die Australier Gold gewonnen haben. Neun Teams aus den Top Ten segelten 2012 in Weymouth mit dem neuseeländischen Mackay Design, aber Belcher gewann eben Gold mit dem deutschen Schiff. Seitdem ist Ziegelmayer wieder obenauf. Die Top vier bei der EM vertrauen darauf. Und Gerz genießt durch die langjährige Treue eine Vorzugsbehandlung im Vergleich zu internationalen Spitzenseglern, die jetzt noch spät auf den fahrenden Zug aufspringen wollen.

470er EM

Vollgas auf dem spitzen Spi-Kurs. © Nikos Alevromytis

Know How: Der italienische Segelmacher Mannini hat viel klassenspezifisches Wissen vermitteln können. Um den Zugang zu solchem technischen Know How geht es laut Gerz. Es erklärt  die australischen Erfolge, hinter denen die Coach Legende Victor Kovalenko steht, oder auch die französischen Erfolge, die immer mal wieder aus dem Nichts gute Nachwuchsteams in die Weltpsitze bringen.

Budget: Gerz beziffert die Kosten pro Saison zurzeit mit 90.000 Euro. Besonders in diesem Jahr wird es teuer, da die WM in Argentinien stattfindet. Vermutlich muss ein drittes Schiff angeschafft werden, um keine Trainingsausfälle während der Verschiffung zu haben.

Finanzierung: Nach der Olympiakampagne mit Unterstützung des Deutschen Touring Yacht Clubs ist Gerz zu seinem alten Seglerverein Wörthsee mit 160 Mitgliedern zurück gewechselt. Einige private Sponsoren helfen, und der Vorstand steht geschlossen hinter der Kampagne. Auch der Joersfelder Segel-Club von Oliver Szymanski unterstützt und fiebert mit. Aber die Finanzierung war in den vergangenen Jahren immer ein schwieriges Thema, da die Leistung nicht für die Bundeskader-Nominierung ausreichte.

470er EM

Auch bei wenig Wind schnell unterwegs. © Nikos Alevromytis

Ausbildung: Gerz hat wie auch Szymanski nach 2012 eine intensivere Uni-Phase eingelegt und inzwischen seinen Bachelor Abschluss im BWL/Maschinenbaustudium gemacht und sich für die Fortführung als Master Studiengang eingeschrieben. Der Abschluss gebe ihm ein gutes Gefühl. Szymanski studiert nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandel-Kaufmann jetzt Offshore und Anlagetechnik. In der nun beginnenden heißen Olympiaphase ist allerdings kaum an die Uni zu denken.

Team: Olympia-Vorschoter Patrick Follmann, nun eine der großen Stützen der Bundesliga-Erfolge des Deutschen Touring Yacht Clubs, wollte nach der erfolgreichen gemeinsamen Zeit keine weitere Kampagne anhängen als es zwischen den beiden auch ein wenig knirschte. So stand Gerz alleine da. Szymanski dagegen segelte mit dem  DTYC Clubkollegen Julian Stückl zusammen und vollzog schließlich einen sehr brisanten Wechsel. “Das hätte bestimmt besser kommuniziert werden können”, räumt Gerz heute ein. Damals sorgte die Neubildung im Team für mächtig Ärger. Gerz gibt zu, dass ihn zuvor durchaus Zweifel plagten, ob er auf dem richtigen Weg ist.

Gewicht: Körperlich passt die neue Crew bestens zusammen. “In den vergangenen Jahren ist das Gewicht der Spitzencrews immer weiter gesunken”, sagt Gerz. 135 Kilogramm sei ein guter Wert. Es sei aber auch nicht möglich noch mehr abzunehmen bei einer Körpergröße von 1,78 und 61 Kilogramm. Sein Körperfett-Anteil liege schon bei 5,5 Prozent. Als Mittelwert für Männer zwischen 20 und 24 Jahren gilt ansonsten 14,9 Prozent als gut. Vorschoter Szymanski habe noch einmal zwei Kilo abgenommen und liege jetzt bei 72 Kilogramm. Das habe weiter die Leistungsfähigkeit verbessert.

470er EM

Das deutsche Duo mit den schnellen italienischen Zaoli Tüchern. © Nikos Alevromytis

Leistungskurve: So überraschend der Titelgewinn gekommen sein mag, er ist nicht aus der Luft gegriffen. Schon beim Weltcup in Hyères zeigte es sich mit Rang vier auf Augenhöhe mit der Weltspitze. Und bei der nicht ganz so stark besetzten Delta Lloyd Regatta in Medemblik bestätigten sie mit dem gleichen Ergebnis den Vorstoß in die höhere Liga. Zuvor hatten sie sich während ihrer kurzen Partnerschaft vorerst mit Top 20 Ergebnissen begnügen müssen.

Coach: Ferdinand Gerz arbeitet seit 2007 mit Marek Chocian zusammen, der inzwischen auch für den DSV tätig ist. Der Pole war selber zweimal bei Olympia und hat viel Wissen angehäuft. Das kommt nun auch den 470er Frauen zugute, die in Aarhus ebenfalls stark auftrumpften. Besonders hebt Gerz allerdings auch die Bedeutung des neuen DSV Cheftrainers David Howlett hervor. “Er hat großen Einfluss und für uns einen großen Boost gebracht”. Von Anfang an habe ihnen die britische Coach Legende klar gemacht, dass er noch viel mehr in ihnen sieht, als sie bisher abgeliefert haben. “Das uns viel Selbstbewusstsein gegeben. Und wir können ihn Tag und Nacht anrufen um jeder Art von Problemen zu besprechen. Ein gutes Gefühl.”

Olympia-Rivalität: “Wir haben eine solide Trainingspartnerschaft”, sagt Gerz zu den härtesten Gegnern im Kampf um die Olympia-Fahrkarte Wagner/Baldewein, die sich als 14. in Aarhus längst nicht geschlagen geben. Die Autenrieth Brüder haben dagegen schon eine schwere Schlappe einstecken müssen und die Gold-Fleet nicht geschafft. Allen gemein ist die Vorgabe, dass das Nationen-Ticket für Olympia noch nicht gesichert ist. Dafür sollte aber vermutlich ein Platz unter den Top 20 bei der WM ausreichen.

Teamgedanke: Eine große Rolle spielen auch die großen internationalen Erfolge von Phillip Buhl im Laser sowie Erik Heil und Thomas Plößel im 49er. Auch das bringt viel Selbstbewusstsein und eine positive Grundstimmung. “Wir glauben immer mehr daran, dass wir deutschen Segler nicht so schlecht sind, wie wir lange Zeit gesehen wurden.”

470er EM

Auch Annika Bochmann und Marlene Steinherr haben auf dem Weg nach Rio mit Rang vier einen bemerkenswerten Aufstieg abgeschlossen. © Nikos Alevromytis

Ergebnisse 470er EM 2015 Men

Ergebnisse 470er EM 2015 Women

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *