49er EM: Eklat um deutsche Spitzenteams – Bugspriets als illegal bewertet

"Völlige Unverhältnismäßigkeit"

 Victoria Jurczok und Anika Lorenz sowie Erik Heil mit Thomas Plößel standen vor dem Aus bei der 49er EM. Nach einem Vermessungsprotest sollten sie aller Punkte beraubt werden.

Victoria Jurczok und Anika Lorenz

Victoria Jurczok und Anika Lorenz . © Jean Marie Liot/DPPI/FFVoile

Angespannte Stimmung im Bootspark von Porto. Regelbücher werden gewälzt, Tränen laufen. Vier Jahre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele stehen auf dem Spiel.  Vicky Jurczok und Erik Heil, die befreundeten 49er Steuerleute, sind gleichermaßen betroffen. Beide werden für mehrere Rennen disqualifiziert.

Dabei lag das Frauen-Duo bei der Europameisterschaft und ersten nationalen Olympia-Qualifikation nach wie vor sensationell in Führung. Und die Titelverteidiger bei den Männern haben nach einem holprigen Start nervenstark die drohende Silbergruppe vermieden. Zum Ende der Qualifikation schoben sie sich  auf Rang 17 nur noch 23 Punkte vom Podium entfernt.

Ein Vermesser hat einen Protest gegen die beiden deutschen Teams eingereicht. Die Bugspriete sollen nicht regelkonform sein. Marcus Baur, ex Vize Weltmeister im 49er ist vor Ort in Porto und erklärt den Vorwurf gegenüber SegelReporter. “Eine Reparatur ist nicht entsprechend der Regeln ausgeführt worden.” Der hintere Teil des Bugspriets gehe häufiger kaputt, da habe ein Bootsbauer einen schmalen Karbonstreifen platziert und das Ende neu lackiert.

Heil/Plößel

Erik Heil und Thomas Plößel gehören in Rio zu den größten deutschen Olympia-Hoffnungen. © STG/Lars Wehrmann

Entsprechend der strengen Regeln sei aber im Gegensatz zu genauen Anweisungen für die Behebung von Schäden am Boot überhaupt keine Reparatur an Riggteilen erlaubt. Der Bugspriet hätte neu gekauft werden müssen. Die Disqualifikation der beiden deutschen Teams stand fest.

“Eine völlige Unverhältnismäßigkeit”, sagt Marcus Baur. “Diese Lackierung habe überhaupt keinen Einfluss auf die Leistung des Bootes.” Die deutsche Delegation wirbelte vor Ort und schließlich gelang es, eine Wiedereröffnung des Verfahrens zu erreichen.

Dafür muss man neue Fakten einbringen, und die brachte Baur selbst, indem der ehemalige Vize Präsident der Klassenvereinigung als Zeuge gehört wurde. Er konnte Einblicke zu den historischen Hintergründen der Regel-Entwicklung machen. Ebenso durfte der ehemalige deutsche 49er Spitzensegler Lennart Briesenik Pudenz, der bei der EM als Coach arbeitet, Aussagen zur Entlastung der Segler machen.

Die deutsche Mannschaft legte der Jury zudem Foto-Dokumente vor, die ähnliche Reparaturen bei vielen anderen Booten zeigte. Demnach hätte fast der Hälfte der Flotte disqualifiziert werden müssen.

Mit blauem Auge

Die Jury zeigte sich schließlich überzeugt und nahm die Disqualifikation zurück. Es reiche aus, wenn die Bugspriete ausgewechselt werden. Baur sagt: “Ich stimme ja damit überein, dass Vermesser und Wettfahrtleitung die genaue Einhaltung der Regeln einfordern müssen, aber hier war die Verhältnismäßigkeit einfach nicht gegeben.”

Max Groy, Trainer der 49er FX Frauen sagt: “Damit hat bei uns wirklich niemand gerechnet. Nach dem Schock und dem langen Tag gestern können wir jetzt Aufatmen und sind erleichtert.”

Die Segler sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Aber es wird sich zeigen, wie sie mit der ungeheuren psychischen Belastung durch die drohende Disqualifikation zurechtkommen.

Wieder einmal ist bewusst geworden, wie sehr sich beim Segeln der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage auf Messers Schneide abspielt. Es reicht ein übermotivierter, neuer Vermesser mit fehlendem Fingerspitzengefühl aus, und schon kann die gesamte Karriere eines Sportlers eine negative Wendung nehmen.

Ergebnisse 49er FX EM Qualifikation

Ergebnisse 49er EM Qualifikation

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „49er EM: Eklat um deutsche Spitzenteams – Bugspriets als illegal bewertet“

  1. avatar Alex sagt:

    Es ist sicher hart, wenn man solch einen Protest bekommt, aber es rechtfertigt sicher nicht solch ein Satz „Es reicht ein übermotivierter, neuer Vermesser mit fehlendem Fingerspitzengefühl aus“

    Die Aufgabe eines Vermessers ist unter anderem die, die Einhaltung der Verwendeten Regelwerke zu überprüfen. Wenn das Regelwerk keine Toleranzen und ermessungsspielräume zulässt, dann muss er einschreiten, wenn er Kenntnis von solch einer Regelverletzung hat. Es ist nicht seine Aufgabe das Regelwerk selber, nach eigen Gutdünken, zu interpretieren.

    Das ist doch die KV und deren Mitglieder schuld, die da nacharbeiten müssen und nicht der Vermesser, der nur seine Aufgaben nachkommt und die Vorgaben der KV prüft.
    Den dann auch noch als Schuldigen begründen mit übermotivierter, neuer Vermesser mit fehlendem Fingerspitzengefühl, ist schon recht billig.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 2

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