Abenteuer Transatlantik-Race: “Outsider”-Skipper Jungblut erzählt – Unfall an Bord

"Durch das Steuerrad gekracht"

Transatlantik Race

Zur Belohnung Champagner und englisches Bier. © ELWJ

 

SR-Interview mit Thomas Jungblut, über seiner erste Atlantik-Regatta. Als Skipper auf der deutschen “Outsider” von Tilmar Hansen holte er den zweiten Platz nach IRC Overall im Transatlantik-Race 2015.

Outsider Transatlantik

Mit vollem Groß, Fock und Stagsegel jagt der Neigekieler Outsider in unter zehn Tagen über den Atlantik. © Outsider

Der 100 Fußer “Comanche” mag auf der Transatlantik Regatta von Newport nach Portsmouth den Einrumpf-Rekord gebrochen haben, aber für einen Sieg nach Berechnung reichte dieser 24-Stunden-Ritt allerdings nicht. Das Wetterfenster für die Startgruppe 3, in dem auch der 88-Füßer “Rambler” sowie die Hochsee-Trimarane “Phaedo” und “Paradox” antraten, war anfangs zu schwachwindig.  Sie dümpelten lange Zeit im westlichen Atlantik, bis es wirklich losging.

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Über die Ziellinie. © ELWJ

Dagegen hatte es die Gruppe 2 mit der deutschen „Outsider“ besser. Sie war vier Tage zuvor gestartet und segelte lange unter Idealbedingungen im schnellen Reachgang. Von Beginn an lieferte sich die deutsche Elliot 52 des Kieler Unternehmers Tilmar Hansen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der amerikanischen R/P 63 „Lucky“ um die Krone im Starterfeld IRC 2 race als auch IRC overall.

“Outsider” musste allerdings mit technischen Problemen kämpfen. Früh war die Satellitenkommunikation ausgefallen, so  dass das kein externes Wetter-Routing möglich war. Aber Hansen sagte: „Es war wie in den guten alten Zeiten. Wir mussten uns auf die basics und unsere Erfahrungen verlassen und hoffen, dass wir nicht in vorhersehbare Flautenlöcher geraten.“

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Endlich festmachen nach 9 Tagen und 19 Stunden. © ELWJ

Am Ende reichte es für das deutsche Team trotz dieses Ausfalls für einen hervorragenden zweiten Platz nach IRC Overall. Der glückliche Gewinner war hier passenderweise „Lucky“ aus den USA.

Im SR-Interview erzählt Thomas Jungblut von North Sails, einer der erfahrensten deutschen Regattasegler, von seinen Erlebnissen und Eindrücken während der 3.256 Seemeilen langen Regatta. Für den 67-jährigen, der von der OK-Jolle (Weltmeister) bis zur Wally „Y3K“ alles gesegelt hat, war es die erste Atlantik-Langstrecken-Regatta, die er gleich als verantwortlicher Skipper absolvierte.

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Das Outsider Team um Tilmar Hansen und Thomas Jungbluth freut sich über die Atlantik-Überquerung. © ELWJ

Herr Jungblut, wie ist der zweite Platz in der IRC Wertung nach 3.256 Meilen zu bewerten?

Wir sind nach all unseren technischen Schwierigkeiten mehr als zufrieden.

Es war ihre erste vollendete Transatlantik-Querung. Wie war das Erlebnis auf der Langstrecke? 

Ich habe viele Male das Fastnet Race gesegelt oder vor zwei Jahren beim Middle Sea Race gewonnen. Das sind alles Rennen um die 600 Meilen. Da ist so eine Langstrecke von über 3000 Meilen schon eine andere Erfahrung. Sie hat mich sehr beeindruckt.

Was ist das Besondere hinsichtlich der Taktik einer Atlantik-Querung?

Die Strategie ist wichtiger als die kleinräumige Taktik. Sie ist total anders geprägt als ein Rennen unter 50 Meilen. Da muss eine gute Crew schon eine sehr große mentale Stärke mitbringen.

Woran lag  es, dass das Wetter-Routing ausfiel? Und was bedeutete das für die Taktik?

Nach dem zweiten Tag brach die Kommunikation total zusammen. Riesige Wellen haben die elektronischen Geräte zerstört. Wir konnten seitdem weder sehen, wo unsere Gegner sind, noch mit der Außenwelt in Kontakt treten, um neue Wetterdaten abzurufen. Man kam sich vor wie zurückgesetzt in die sechziger Jahre des letzen Jahrhunderts.

Wir mussten somit das Wetter selber interpretieren und unsere Schlüsse daraus ziehen. Leider ist am Ende unsere Rechnung nicht ganz aufgegangen. Wir hatten für die letzten beiden Tage eine südöstliche Wind Richtung erwartet, bedingt durch das alte Hochdruckgebiet über Europa. Es kam anders und wir mussten die letzen beiden Tage unter Gennaker „downwind“ fahren, also vor dem Wind kreuzen.

Sie hhabenabt von allen drei Gruppen das beste Wetterfenster erwischt. Das bedeutete harte Bedingungen. Zeitweilig herrschte über 30 Knoten Wind. Gab es brenzlige Situationen an Bord?

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Tammos Blessuren nach dem Unfall. © Outsider

Es gab bedingt durch sehr hohe Wellen auf dem Reaching Kurs einen Unfall an Bord. Unser Trimmer Tammo wurde von einer Welle gegen das Karbon Steuerrad geschleudert. Vier weitere Crerwmitglieder inklusive Steuermann knallten in den Heckkorb. Dabei zerbrach das Lenkrad. Tammo verletzte sich im Gesicht.

Bei 30 Knoten Wind und guten 20 Knoten Speed wurde er unter Deck von Jan dem Zahnarzt fachmännisch an drei Stellen wieder zusammen geflickt. Es ist keine einfache Sache, dabei  zu spritzen und sauber zu nähen. Und das alles im Licht der Stirnlampe.

Wie begegnet man auf einer Regatta solch einem Wetter, wenn es einerseits darum geht Pace zu machen, andererseits aber auch die Sicherheit nicht zu gefährden?

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Das gebrochene Steuerrad nach dem Vollkörper- und Wellen-Kontakt. © Outsider

Besonders in der Nacht sind da klare Ansagen wichtig. Und jede Art von Selbstüberschätzung ist fehl am Platz. Zwei Nächte waren sehr dunkel und mit Starkregen durchsetzt. Wir mussten vom Gas gehen und Segelfläche reduzieren, das bedeutete ca. 40 Meilen weniger Leistung. Aber das Risiko war uns zu groß. Wir wollten eine wirklich brenzlige Situationen vermeiden. 

Wie hoch war die Maximalgeschwindigkeit und der Durchschnitt-Speed?

Mehrmals erreichten wir um die 26 Knoten in der Spitze. Und über mehrere Tage machten wir mehr als 330 Meilen. Nicht schlecht für ein 52 Fuß Schiff.

Gegenüber “Lucky” (3.203 SM) haben sie 53 Seemeilen mehr gesegelt. Spielt das auch eine Rolle für Platz 2 oder woran lag es letztlich, dass es zum Sieg – bei allem Respekt – nicht ganz gereicht hat?

Wie schon gesagt haben wir hauptsächlich durch fehlende, neue Wetterinformationen verloren, was in den letzten Tagen zum Downwind-Segeln unter Gennaker führte. Also eine Kreuz vor dem Wind. Aber selbst wenn man mehr Meilen segeln, sagt das noch nichts über das Ergebnis aus. Man muss für jedes Segel den optimalen Winkel fahren, um die maximale Leistung aus den unterschiedlichen Segeln abzurufen.

Sie warwn während der 3.256 Seemeilen verantwortlicher Skipper. Eine besondere Belastung? Inwieweit spricht man sich in der Crew bei Entscheidungen auch ab? 

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Tammo Baldszun neben Peter Kohlhoff, dessen Söhne während seiner Abwesenheit im Finn und Nacra17 erfolgreich waren. © ELWJ

Ich habe viele Jahre als Steuermann, Taktiker und Skipper gesegelt. Aber es ist schon eine zusätzliche Belastung dadurch, dass man zwischen zwei Kontinenten nahezu alleine auf dem Meer unterwegs ist. Entscheidungen werden besprochen und abgewogen, letztlich aber von mir festgelegt. 

Was reizt sie nun mehr Kurz-, Mittel-  oder Langstrecke? Würden sie so ein Rennen noch einmal segeln? 

Nächsten Monat segel ich mit einigen Crewmitgliedern der “Outsider” die ORC Europameisterschaft auf unserer “El Pocko” in Estland. Danach die Langstrecke des Nord Stream Race von Flensburg nach St. Petersburg mit guten 800 Meilen wieder auf der „Outsider“. Es muß das passende Boot und die passende Crew sein, um noch einmal eine Nordatlantik Regatta anzugehen.  Mal schauen, was kommt….. 

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Hinnerk Stumm

... segelt seit Kindertagen, von Jolle bis Dickschiff. Sein Motto: „Segeln ist letztlich völlig überbewertet!“ Weiteres ...
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