America’s Cup: Ainslies Frust nach Freude über Flaute – Japan und Schweden gleichauf

Motor-Platzer

Ein Schaden wirft das Land Rover BAR Team beim America’s Cup aus den Rennen. Die beiden weiteren Duelle bringen große Spannungsmomente und erstaunliche Ergebnisse.

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass der erfolgreichste Olympiasegler aller Zeiten seine Erfolge durch Dusel erlangt hat. Dahinter steckt harte, akribische Arbeit. Aber etwas Fortune kann eben auch nicht schaden, so wie bei seiner letzten Finn-Goldmedaille 2012 bei den Spielen in London. Und dass er ein Jahr später beim Cup in San Francisco nun ausgerechnet bei Oracle eingewechselt wird und mit James Spithill die größte Aufholjagd aller Zeiten startet hat auch viel damit zu tun, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Ainslie jagt Burling beim Start und die Lücke nach Lee geht auf… © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

…Die Leeposition ist aber nicht so stark wie sonst. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Neuseeland rutscht in Luv drüber. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Der Mann steht auf der Sonnenseite des Lebens, und wenn es knapp wird, kann er sich eben schon mal auf Fortuna verlassen. Manche nennen es auch Winner-Gen oder Sieger-Aura. Mit dieser Magie kann er ein ganzes Team mitreißen, und am Sonntag schien es nun wieder so weit.

Grottenlangsam

Nach einer durchwachsenen Qualifikationsserie war für alle sichtbar, dass die Briten bei wenig Wind grottenlangsam sind. Das Tragflächen-Set mit den langen Foils scheint nicht zu funktionieren. Nur mit Ach und Krach gelang ein Sieg gegen die erschreckend schwachen Franzosen im Lowrider-Modus mit beiden Rümpfen im Wasser. Die Neuseeländer  dagegen zerstörten das BAR Team geradezu, rasten nahezu trockenen Rumpfes mit mehr als vierfacher Windgeschwindigkeit über die Bucht von Bermuda. Ainslie gab schließlich auf.

Kein Wunder, dass sich die Kiwis als Quali-Sieger, den strauchelnden Gegner aussuchten. Denn für den ersten Playoff-Tag war wenig Wind vorhergesagt. Das wären schon mal zwei leichte Punkte.

Aber nicht mit Ainslie. Der dreht den Wind, so wie er es mag. Denn tatsächlich wehte der Wind schwach, aber eben zu schwach. Unter dem Limit von sechs Knoten wird nicht gesegelt. Glück gehabt! Und der Brite bemüht sich gar nicht erst, seine Erleichterung zu verhehlen. Die Neuseeländer haben sich verrechnet. Nun müssen sie am eigentlich geplanten Ruhetag bei starkem Wind ran. Und bei diesen Bedingungen wurde das Land Rover BAR Team zuletzt immer besser und siegte schließlich zweimal gegen Artemis.

Der kleine Kiwi gegen Big Ben

Und dann ist da auch noch das Duell des besten Starters Ainslie gegen den jungen und unerfahrenen Match Racer Burling. Im Verlauf der jüngsten Rennen ist immer deutlicher geworden, wie überproportional wichtig der Start ist, wenn sich das Speed-Vermögen der Teams immer weiter annähert. Und da sollte der Kiwi größten Respekt vor den Fähigkeiten des aggressiven Big Ben haben. Insofern ist am ersten Duell-Tag der Playoffs das Feld bereitet für ein Fortschreiben der Ainslie-Erfolgsgeschichte.

Aber es kommt völlig anders. Der Brite wählt mit seinem Team eine falsche Start-Strategie – die Linie liegt schief und ist in Lee nicht mehr so stark wie zuvor – lässt sich vom jungen Herausforderer düpieren, liegt am Leetor klar hinten, und dann knallt es irgendwo in den Tiefen des Segelflügels. Es ist wohl ein Element gebrochen, mit dem sich das Profil verändern lässt.

Der Wing Trimmer Paul Campbell-James erklärt: “Das Profil ist von einer normalen Form plötzlich auf die maximale Kraftentwicklung umgesprungen. Es war nicht mehr zu kontrollieren. Wir sind bitter enttäuscht.” Der Flügel konnte nicht mehr flach getrimmt werden. Ein Vorgang, der bei der Formel 1 einem Motor-Platzer entspricht.

Nicht aus eigener Kraft zurücksegeln

Normalerweise wäre noch genug Zeit gewesen, den Kat zurück zur Basis zu bringen, den Ersatzflügel aufzustellen und zum zweiten Rennen anzutreten. Aber der Schaden hat zur Folge, dass der AC50 nicht mehr kontrolliert abfallen und aus eigener Kraft zurücksegeln kann. Es müssen Elemente abgebaut werden, um den Druck aus dem Rigg zu nehmen. Das alles dauert so lange, dass keine Chance besteht, das zweite Rennen zu bestreiten.

Der Flügel-Schaden bei BAR verbirgt sich hinter dem Reißverschluss. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Ainslie gehen zwei Punkte nahezu ohne Gegenwehr verloren. War es das schon mit der Magie des Meisters? Oder kann er sich von diesem Schlag noch einmal erholen. Für einen Perfektionisten wie ihn gibt es wohl nichts Schlimmeres, als durch einen Schaden gebremst zu werden.

Er lobt zwar immer wieder seine Landmannschaft, wie es sich gehört. Denn normalerweise sorgt er selber mit seinem Segelstil für Nachtschichten des Shore Teams.  Aber diese Situation wird dem gesamten Team nicht gut tun. Ob Ainslie gegen die starken Kiwis das Steuer noch einmal herumreißen kann? Der Wind soll noch stärker werden. Dabei sahen die Briten zuletzt eigentlich sehr stabil aus. Wenn nicht irgendetwas kaputt geht.

Ainslies Frau interviewt den BAR-Skipper:

Wie eng die Teams tatsächlich auf Augenhöhe segeln, zeigen die beiden Duelle von Artemis gegen das Softbank Team Japan. Im ersten Rennen holt sich Nathan Outteridge einen leichten Vorteil am Start, mit dem er die Luvposition wohl in eine denkbar knappe Führung umwandeln könnte. Aber dann kracht Dean Barker plötzlich bei über 40 Knoten Speed mit beiden Rümpfen ins Wasser, zieht eine riesige Gischtwolke hinter sich her und muss Artemis deutlich passieren lassen.

Aber bei dem stark drehenden Wind entscheiden sich die Artemis Strategen offenbar für die falsche Taktik auf dem Vorwindkurs. Sie geben den Vorteil auf, als führendes Boot nur eine Halse steuern zu müssen, halsen zuerst, peilen damit die – von Lee gesehene – linke Gate-Tonne an, und überlassen den Japanern die rechte Seite auf der Kreuz. Die ist beim Match RAce traditionell taktisch stark, weil sie beim ersten Cross Vorfahrt bringt. Und genau so wird sie von Dean Barker zum Überholmanöver genutzt, von dem sich die Schweden nicht mehr erholen.

Barker fliegt aus der Kurve

Im zweiten Rennen läuft es genau anders herum. Nathan Outteridge versucht in letzter Sekunde vor dem Start noch eine Überlappung (Hook) herzustellen, protestiert, doch die Gegner erhalten keine Strafe. Das Softbank Team liegt nach der ersten Kreuz klar vorne, dann fliegt Steuermann Barker bei einer Halse aus der Kurve, purzelt über das Trampolin, und der hübsche Vorsprung ist dahin.

Auf der nächsten Kreuz scheinen die Japaner zu taktieren, um ihr Wegerecht auszunutzen. Sie verlieren stark an Höhe. Ob ihre Konstruktion nicht die notwendige Fähigkeit zum Höhe-Segeln liefert? Oder ist es bewusst gemacht? Schließlich versemmeln sie die entscheidende Bord-an-Bord-Wende und liegen ihrerseits hinten.

Es steht 1:1 in diesem Duell, und es ist schwer absehbar, wer am Ende vorne liegen wird. Artemis Skipper Nathan Outteridge sagt, es komme ein wenig auf Glück an, in welcher Winddrehungsphase man das Leetor rundet. Auf der Kreuz würde er gerne mehr Wenden ausführen, um besser auf den Wind reagieren zu können. Der Fahrtverlust sei bei den Foilingwenden nicht so groß, aber die Energie reiche einfach nicht aus, um sich zusätzliche Manöver erlauben zu können.

Knapper Cross von Dean Barker vor Artemis© ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Artemis bastelt sich eine Gischtwolke. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

AM Dienstag wird die Rennserie mit vier weiteren Duellen fortgesetzt. Der Wind soll noch stärker wehen. Sieger ist derjenige, der zuerst fünf Siege holt.

High-Speed-Duell zwischen Artemis und Softbank kurz vor dem Start. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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