America’s Cup: Dean Barker für Japan – fast wäre er Herrenausstatter geworden

"Wenn sich eine Türe schließt..."

Der beim Team New Zealand freigestellte Steuermann und Skipper Dean Barker übernimmt Ruder und Führung beim neuen japanischen America’s Cup Team. Ein Porträt.

Dean Barker

Dean Barker bei einem seiner vielen Siege. © ACEA/Gilles Martin-Raget

„Alles passiert aus einem bestimmten Grund“ hatte Dean Barker beim Interview mit dem Autor 2003 in Neuseeland gesagt. Damals saß er in einem schmucklosen Hinterzimmer des Team-Bunkers an der Halsey Street 100. Der 29-jährige Skipper des Team New Zealands war dazu verdammt, den America’s Cup zu verlieren.

Nach der überlegenen Cup-Verteidigung 2000 waren 26 Kiwi-Segler den lockenden Millionen ausländischer Syndikate gefolgt. Und besonders Russell Coutts und Brad Butterworth bildeten das Rückgrat des neuen Alinghi Teams, das später die Kanne entführen sollte.

barker dalton

Grant Dalton tröstet Dean Barker (r.) nach der Niederlage 2013. © TNZ

Barker war einfach die einzige Leitfigur, die noch keine großen Angebote bekommen hatte. Plötzlich musste er die Verantwortung für sein Land übernehmen.

Fast genauso plötzlich wie ihn sein Mentor Russell Coutts 2000 ins Rampenlicht gerückt hatte, als er für das letzte Rennen im Finale gegen Luna Rossa das Steuer übergab. Barker segelte souverän das 5:0 nach Hause und nahm die Überzeugung mit, dem immensen Druck standgehalten zu haben.

Per Fußtritt aus dem Team

Jetzt hat sein Leben erneut eine extreme Wendung genommen. Eben war er noch der enttäuschte alternde Star, der unwürdig per Fußtritt aus seinem Team befördert wurde. Nun steht er an der Spitze eines potenten neuen Syndikats aus Japan, das vielleicht mehr Potenzial hat, als sein alter Arbeitgeber.

Solche Brüche ist Barker gewohnt. Sie ziehen sich durch sein Segler-Leben, wie durch kaum ein anderes. Und dieser 1,92 Hüne mit den stahlblauen Augen glaubt, dass dies so sein muss. Er lässt sich von der Überzeugung treiben, dass er zu etwas besonderem berufen ist.

Er hadert nicht. „Man kann sein Schicksal nicht beeinflussen”, sagte er schon damals. “Das Leben ist nicht planbar. Erst recht nicht eine Karriere im Segelsport. Man muss einfach zur rechten Zeit am rechten Platz sein. Es ist nicht wie in anderen Sportarten, wo die
Besten automatisch in die höchste Liga aufsteigen.“

America's Cup

Händedruck mit James Spithill bei der letzten Pressekonferenz vor dem America’s Cup Match. © ACEA / PHOTO GILLES MARTIN-RAGET

Barker nutzte die Chancen, die sich ihm boten. „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo eine andere“, hat ihm seine Mutter immer eingetrichtert. Aus dieser Art von Fatalismus schöpft er eine große Kraft. Er versteht das nicht als destruktiven Schicksalsglauben, sondern stellt sich den Herausforderungen. Er weiß, dass er funktioniert.

Überragendes Kiwi-Talent

Dieses System zieht sich wie ein roter Faden durch sein Sportlerleben. Während andere an großen Niederlagen zerbrechen, wird er immer besser. Das überragende Kiwi-Talent, das 1988 im nationalen Einhand-Jugend-Dinghy P-Class deutlicher dominierte als seine Vorgänger Coutts und Dickson, war auch sofort international erfolgreich. Bei der Jugend WM im Laser holte er auf Anhieb Gold und dann Silber hinter Robert Scheidt.

Aber dann versagten schon mal seine Nerven. So wie bei der Laser Senioren WM im heimischen Takapuna, als er von den lokalen Medien zur Hälfte als Führender gefeiert wurde, schließlich einbrach und Zehnter wurde. Und vier Jahre später bei der Olympia-Qualifikation im Finn Dinghy, als er die letzten beiden Läufe völlig verhaute und vier Jahre Vorbereitung ohne Ergebnis blieben.

Dean Barker

Dean Barker und der America’s Cup. Die Kanne, die sein Leben bestimmte. © TNZ

Die Karriere schien beendet bevor sie richtig begonnen hatte. Barker verliert im entscheidenden Moment die Nerven. Der Traum von der Profi-Karriere scheint nicht realisierbar. Das Mega-Talent wird von Selbstzweifeln geplagt.

Es droht ein Leben als Herrenausstatter

Nun droht ihm ein Leben als Herrenausstatter im Familienbetrieb “Barkers”, den sein Vater in sechs Filialen auf der Insel betreibt. Hilfe wäre erwünscht. Aber diese Aussicht ist  Antrieb genug, um es lieber weiter mit dem Segeln zu versuchen.

Barker verarbeitet den Frust auf die harte Tour, indem er als Laser-Coach nach Savannah fährt und auf diese Weise sein Olympia-Trauma vor Ort bekämpft. Dieser offensive Umgang mit der Niederlage ist ein Wendepunkt in seiner Karriere. Er entwickelt sich zum Siegertypen.

Das Match Race scheint ihm auf den Leib geschnitten. Mit seiner stoischen Ruhe gewinnt er nach ersten Einsätzen an Bord von Russell Coutts, der eine Art Mentor-Funktion einnimmt, auch an der Pinne die größten internationalen Events. 2000 wird er Weltmeister und hievt sich an die Spitze der Weltrangliste. Für Coutts wird er als Sparring-Steuermann zur großen Herausforderung und Hilfe bei der America’s Cup Verteidigung.

Coutts, der große Gegenspieler

Aber auch Barker hat Coutts viel zu verdanken. Und er ist kein Mensch, der das vergisst. Aber die Rollen haben sich längst gewandelt, seit Russell erst zu Alinghi und später zu Oracle wechselte. Die beiden Neuseeländer sind große Gegenspieler, auch wenn sie sich zuletzt nicht mehr als Steuermänner gegenüber standen.

Dean barker

Dean Barker hatte zuletzt wenig zu Lachen beim Team New Zealand. © TNZ

Coutts hat rechtzeitig die Pinne abgegeben, als sich seine sportlichen Niederlagen auch gegen Barker häuften. Aber das hat sein heute 43-jährige Nachfolger noch nicht vor. Auch deshalb wurde er vom Ausbooten beim Team New Zealand überrascht und hart getroffen.

Nun bekommt Barker wieder einmal unverhofft eine neue große Chance. Beim extrem potenten japanischen Syndikat ist der Neuseeländer nicht nur als Steuermann vorgesehen. Als CEO kann er sich auch noch sein internationales Traum-Team zusammenstellen und muss erst einmal wohl nur sporadisch Japaner einbauen.

Japaner könnten starkes Team werden

So könnten seine Sieg-Chancen sogar noch größer sein als bei seinem Ex-Team. Zwar sind die Japaner spät dran bei ihrer Vorbereitung, aber durch den Ausstieg von Luna Rossa ist viel Know-how auf dem Markt vorhanden, das Barker für sich nutzen kann.

Ob er wirklich gut genug ist, um sich mit 43 Jahren am Steuer der extrem schnellen Foiling Kats gegen die Jungspunde der Szene durchzusetzen, bleibt noch abzuwarten. Aber das ist nicht zwingend seine Rolle. Dean Barker hat die nächste Stufe erklommen und tritt endgültig als Team-Leader aus dem Schatten eines Russell Coutts oder Grant Dalton.

Erneut öffnet sich eine Türe für den sympathischen Neuseeländer, als eine andere mit lautem Knall ins Schloss fällt. Und Barker weiß, wie er solche Situationen für sich nutzt. Man darf gespannt sein auf den ersten Auftritt in Portsmouth.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

2 Kommentare zu „America’s Cup: Dean Barker für Japan – fast wäre er Herrenausstatter geworden“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Da ist wieder einer dieser tollen Artikel, die ich an Segelreporter so liebe!
    Viele Hintergrundinformationen, die man eben nicht an jeder Straßenecke zu lesen bekommt.
    Vielen Dank dafür!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 27 Daumen runter 1

  2. avatar Chris vom Südsee sagt:

    Da kann ich Sven nur beipflichten. Die AC-Küche ist manchmal so super komplex und undurchsichtig, da hilft so ein Artikel sehr gut, die Einordnung und Verknüpfung genau zu verstehen.
    Auch wenn der AC in seiner Substanz immer mehr zur Farce wird, informiert darüber will man doch sein!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *