America’s Cup Design Update: Oracle Racing schwebt wieder über den Dingen

Keine Angst vorm Fliegen

Oracle Racing zeigt schon bei den ersten Trainingstagen mit dem reparierten Katamaran, dass es nach dem Überschlag vor fünf Monaten keine Angst vor dem Fliegen hat. Aber wie stark sind die Teams tatsächlich einzuschätzen?

Der reparierte Oracle AC72

Der reparierte Oracle AC72 fliegt schon wieder. © Guilain Grenier / Oracle Racing

Der ehemalige Oracle Racing Design Chef Mike Drummond vergleicht beim neuseeländischen Sail-World.com Portal die verschiedenen Design Ansätze. Dabei sieht er dreieinhalb unterschiedliche Konstruktionen. Luna Rossa und Team New Zealand benutzen beim ersten Exemplar identische Rümpfe und Wingsails, arbeiten allerdings mit anderen Anhängen. Luna Rossa will sich wie von Anfang an nach dem späten Einstieg geplant allein auf den ersten Bau verlassen.

Generell glaubt Drummond, dass die beiden Plattformen konservativ gehalten sind mit relativ viel Volumen und einer verlässlichen Struktur. Das Flügelsegel sei eine Weiterentwicklung der C-Class Katamarane. Offenbar liege der Fokus mehr bei der Entwicklung der Unterwasser Anhänge.

Dabei gibt er zu bedenken, dass die Struktur, die dem Alinghi-Katamaran von 2010 ähnelt, wenig Spielraum lasse, den Windwiderstand deutlich zu verringern. Dieser Aspekt spiele durch die hohen Geschwindigkeiten eine deutlich größere Rolle als bei frühreren Designs. Andererseits sei das Paket robust und habe vom ersten Tag an viel Segelzeit auf dem Wasser ermöglicht. Erfahrung, die in das neue Schiff eingehen könne.

Oracle Team habe mit seinem dreieckigen Kasten unter dem Trampolin bei dem Wiederstand-Thema eine effektivere Antwort gefunden. Der verlängere quasi den Flügel auf die Wasseroberfläche, was klare aerodynamische Vorteile bringe.

Bei der Struktur habe Oracle allerdings durch die Verkleidungen viel dem potenziellen Speed Potenzial geopfert. Da die Regeln ein Gewicht-Maximum vorsehen gehen selbst Leichtgewicht-Verkleidungen auf Kosten der Stabilität. Deshalb habe sich der US-Kat deutlich sichtbar mehr verwunden als der Kiwi-Kat.

Diese Eigenart mag mit zur Kenterung geführt haben, da sich mit dem Twist auch der Anstellwinkel der Ruder verändert. Es wird sich zeigen, ob die Amerikaner während der Reparatur-Pause eine bessere Antwort auf die Twist-Probleme gefunden haben. Drummond glaubt jedenfalls, dass sein ex Team immer noch alle Chancen habe, den Cup zu verteidigen. In gewissem Sinne helfen sogar die Daten von der Kenterung, weil sie nun sehr exakt wissen, wo das Limit liegt.

Die große Frage ist wie Artemis dagegen halten kann. Drummond nennt es ein “semi foiling boat”. Der Kat weist bisher keine Tragflächen an den Anhängen auf, aber dafür ein gebogenes Schwert, das auch großen Auftrieb bringt.

War das von Anfang an die Absicht des argentinischen Star-Designers Juan Kouyoumdjian? Oder sind sie von einer überraschenden Jury Entscheidung auf dem falschen Fuß erwischt worden? Drummond glaubt, dass der Entwicklungs-Fokus des schwedischen Teams mehr auf dem Segel-Flügel liege. Das Unvermögen, sich nicht vollständig aus dem Wasser zu heben, muss nicht unbedingt ein Problem sein.

So bieten die Rümpfe der AC72 besonders am Wind ohnehin kaum Widerstand im Wasser. Mit dem Flugmodus gäbe es also kaum etwas zu gewinnen. Und auch bei weniger Wind sind Tragflächen nicht besonders hilfreich.

Am Wind glaubt Drummond werde erst ab 18 Knoten Bootspeed das Fliegen möglich sein, weil die Regeln kein Kontroll-System erlauben. Vor dem Wind heben sich die Katamarane aber ab 9 Knoten auf die Kufen.

Für Drummond ist es längst nicht klar, was die beste Lösung ist, um einen AC72 möglichst schnell über den Rennkurs zu bekommen. Oracle habe zum Beispiel seine Tragflächen weiter vorne angebracht als die Neuseeländer, was er auch als Reaktion auf den etwas leichteren Wind im September sieht, wenn der eigentliche America’s Cup stattfindet.

Viele verschiedenen Wege können zum Sieg führen. Die technischen Entwicklungen mögen spannend sein. Aber es wird immer deutlicher, dass die vier Teams wohl am Ende meilenweit auseinander liegen werden.

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Carsten Kemmling

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13 Kommentare zu „America’s Cup Design Update: Oracle Racing schwebt wieder über den Dingen“

  1. avatar Stefan sagt:

    “…nach dem Überschlag vor fünf Monaten”

    …also nach meiner Zeitrechnung ist der 17.10.2012 noch keine 4 Monate her.

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  2. avatar Anton sagt:

    Ich finde es super, dass ihr die entscheidenden Artikel ausländischer Medien hier zusammenfasst. Viele der hier verlinkten Videos sind ja auch Zweitverwertungen, die andere Seiten aufgespürt oder zumindest mit deutlichem Vorlauf veröffentlicht hatten. Das ist für mich auch ok, so funktioniert das Internet eben auch ein Stück weit und es gibt daneben ja auch viel eigenen/neuen Inhalt auf der Seite. Allerdings denke ich, dass ein Link zur Quelle das mindeste ist, was man erwarten kann. Sei das Sailinganarchy, sail-world oder thedailysail, dadurch ginge euch doch nichts verloren. Extrem nervig finde ich auch den Player in den seit einiger Zeit die Youtube-Videos eingebettet werden: immer schlechte Qualität, nicht mit der Tastatur bedienbar… Warum?

    Vielen Dank für eure tägliche Berichterstattung!

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    • Moin Anton,
      Ich finde es völlig logisch, das sich die Inhalte ähneln. Natürlich fließen in die Recherche Ergebnisse auch andere Seiten mit ein.
      Schlimmer finde ich da, das einige Segelzeitungen nur noch Pressemitteilungen abtippen und diese als Eigenleistungen verkaufen. Das ist bei SR wenigstens klar getrennt.
      Das manche Artikel von ausländischen Fachblog “inspiriert” sind finde ich nicht schlimm: die sind an den news aus überseh näher dran,…
      gruß
      SM

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  3. avatar SR-Fan sagt:

    Super – also kein Segelevent, sondern eine Nerdveranstaltung für Bootskonstrukteure. Können die den Sieger nicht einfach durch nen Schlepptankversuch ermitteln?

    VG

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  4. avatar Christian sagt:

    “Drummond glaubt… Offenbar.. …mag mit zur Kenterung geführt haben… Die große Frage ist…. ist es längst nicht klar….Viele verschiedenen Wege….”

    Bereits rein sprachlich wird im obigen Text vor allem eines deutlich: Keiner weiß genau, was Sache ist. Weder die Team und ihre Konstrukteure, noch die professionellen Beobachter. Allesamt fischen sie im Trüben. Das liegt sicherlich zum Großteil in der Natur der Sache, man betritt hier eben seglerisches Neuland.

    Aber genau das ist es, was den AC diesmal recht spannend macht. Lassen wir uns im September überraschen. Aber tun wir nicht so, als hätten wir im Februar schon irgendwas mit Bestimmtheit sagen können 😉

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    • avatar Backe sagt:

      Es mag den Cup für ein paar wenige hard-core-Regattacracks (und vor allem für die beteiligten Konstrukteure) interessant machen.
      Aber Otto-Normal-Schipper dürfte schnell das Interesse verlieren, wenn schon nach fünf Minuten im ersten echten AC-Rennen ein Team “konstruktionsbedingt” zwanzig Minuten vor dem nächsten im Ziel ist. Oder als einziges ankommt.
      Für die so oft von Larry E. und Russell C. besungene Medienwirksamkeit unseres schönen Sportes dürfte das ohnehin blankes Gift sein.

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      • avatar Stefan sagt:

        …naja, es ist zumindest interessanter als das stundenlange, oft tagelange warten auf passenden Wind, das man bei den IACC jahrelang ertragen musste.

        …die events mit den AC45s haben ja gezeigt, das wenn ein Rennen angesetzt war, das auch gesegelt wurde. Mir ist ausser einem Tag in Italien, nicht bekannt das andere Rennen ausgefallen sind. Das trägt sehr viel mehr zu dem Interesse solcher Veranstaltungen bei den Normal-Seglern oder auch Nicht-Seglern bei, als die Frage auf was für Schiffen gesegelt wird. Auch ein moderner 12, ein IACC oder etwas vergleichbares ist sehr weit entfernt von dem was Normal-Segler als “vertraut” empfinden.

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  5. avatar 12er Enthusiast sagt:

    Ich glaube ja, dass es gar keinen SIeger geben wird, weil kein Team es schaffen wird über die gesamte Distanz und die “Rennen” überhaupt ein Boot (oder was immer das eigentlich ist) in Ziel zu bekommen. Vielleicht bleibt am Ende auch einfach einer über, der es schafft nicht auseinandergeflogen zu sein. Ich finde das Ergebnis nach dem jahrelangen juristischen Gezerre mit 4 Teilnehmern seglerisch sowieso ziemlich uninteressant. Und wenn es wirklich dazu kommt, dass man nur als letzter segelfähig übrig bleiben muß um zu gewinnen, wird es dem Cup eh den Rest geben. Denn abgesehen von den spektakulären Geschwindigkeiten, ist das Ganze seglerisch doch extrem fragwürdig, wie schon die letzte Auflage gezeigt hat. Das Flair ist weg, die Faszination des Matchsegelns, die Taktik sowieso und wahrscheinlich auch bald die restlichen Teilnehmer und die Zuschauer….eigentlich schade, denn dann hätten 2 Egomanen, die nicht vom Segeln kommen, sondern (nur) extrem viel Geld verdient haben (was ja sehr ehrenhaft sein kann), das traditionsreichste Segelrennen der Welt ihrer Eitelkeit geopfert.

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    • avatar chenninge sagt:

      wie gesagt 😀

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    • avatar Stefan sagt:

      “2 Egomanen, die nicht vom Segeln kommen”

      …die “beiden Egomanen” haben allerdings weitaus mehr in ihrer Segelkarriere vorzuweisen als die allermeisten Segler hierzulande.

      …und zudem war der America’s Cup schon immer ausschliesslich ein Wettstreit reicher Egomanen, nichts anderes. Und nur durch den Irrsinn dieser Egomanen ist aus der Kanne “das traditionsreichste Segelrennen der Welt” geworden. Jede andere Traditionsregatta ist doch durch durch die Belibigkeit des Zeitgeistes nach einiger Zeit in der Bedeutungslosigkeit versunken. Admirals Cup? Was war das noch gleich?

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      • avatar 12er Enthusiast sagt:

        tja, Stefan, da hast Du sicher Recht, dass es in der America´s Cup Historie viele Egomanen gab… aber ich fand den Cup einfach besser als es mehr als die 2 gab (naja, 2 weitere Syndikate dürfen ja auch noch mitmachen), und es seglerisch spannende Cups waren. Das ist meines Erachtens mit der einfach-nur-schnell-segelfliegerei vorbei… und wie gesagt, ich bin gespannt, ob es überhaupt einer schafft die Rennen um die Tonnen bis zu Ende zu segeln.

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        • avatar Stefan sagt:

          …bis auf die ersten zwei male im 19. Jahrhundert, wurde der AC immer nur zwischen zwei Teams ausgetragen. Das Ermitteln des Herausforderers hat in den letzten 20 Jahren leider eine mediale Überbewertung erfahren. Letztendlich ist es aber die Serie zwischen den beiden Teams die im AC stehen, die zählt. Und die ist endlich mal wieder spannend, weil endlich mal wieder technische unterschiedliche Designs gegeneinander antreten. Der AC ist im Unterschied zu den allermeisten Segelveranstaltungen auch in erster Linie ein Technologiewettstreit. Das war er von Anbeginn, als die Amerikaner mit ihrer Yacht auf dem Weg zur Weltausstellung nach London, eher zufällig, diese Kanne gewannen.

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