America’s Cup: Die Revanche von Artemis gegen Neuseeland – Ainslie brilliert beim Start

Es wird ganz eng für den Favoriten

Der erste Tag der zweiten Round Robin beim 35. America’s Cup bietet zwei spannende Rennen mit überraschendem Ausgang und erneut einer wichtigen Penalty-Entscheidung.

Das Ungemach des Vortages nach der Niederlage durch den unberechtigten Penalty ist kaum verkraftet, da müssen die Schweden schon wieder ran gegen die starken Kiwis. Es ist aber auch die Chance zur Wiedergutmachung. Eine echte Revanche.

Nathan Otteridge und Ian Jensen kennen diese Duell-Situation mit Peter Burling und Blair Tuke aus dem 49er. 2012 konnten die Australier die jungen Kiwis noch in Schach halten und gewannen vor ihnen Olympia-Gold. Vier Jahre später drehten die Neuseeländer den Spieß um und gewannen in Rio mit riesigem Vorsprung vor ihren ehemaligen Trainingspartnern.

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Vorstart-Tanz. Artemis (r.) versucht mit einem schnellen Luv-Schlenker der Querabstand zu den Kiwis zu vergrößern. Die reagieren sofort.© ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Sie hatten deutlich mehr Zeit in die Olympia-Kampagne investiert. Das eigene America’s-Cup-Team stand schließlich kurz vor dem Kollaps. Outteridge und Jensen dagegen machten nach dem Cup 2013 mit Artemis nahtlos weiter als Vollprofis, konzentrierten sich voll auf Bermuda segelten eben nur so nebenbei zu 49er-Silber in Rio.

Ungestümer Herausforderer

Diese Prioritäten-Einteilung sollte sich eigentlich deutlich in der Leistung beim Cup wiederspiegeln. Aber nach drei Renntagen ist das bisher nicht so. Die Kiwis haben viermal gewonnen, Artemis nur zweimal.

Unter diesen Vorzeichen startet die Revanche für den Vortag. Outteridge gewinnt den Start und behauptet eine Runde lang souverän den Vorsprung. Sollten sich jetzt die fast zehn Jahre mehr Lebenserfahrung im Vergleich zum 26-jährigen ungestümen Herausforderer auszahlen?

Der Steuermann wird normalerweise überbewertet bei der Beurteilung von Leistung auf größeren Regattabooten, aber auf diesen Foiling-Maschinen hat er tatsächlich eine große Verantwortung. Er bestimmt am Steuerrad nicht nur die Höhe am Wind sondern auch über dem Wasser. Es ist eine neue Dimension. Die Qualität am Rad ist ein wichtiger Faktor.

Verliert Burling die Nerven?

In den ersten Minuten punktet Outteridge und Burling scheint die Nerven zu verlieren. Er versucht vor dem Wind von hinten kommend ein High-Speed-Luvmanöver. Dabei kommt die T-förmige Tragfläche am luvwärtigen Ruder aus dem Wasser, die das Heck wie ein Spoiler beim Rennwagen herunter drückt. Burling verliert kurz die Kontrolle. Der Kat taucht krachend mit den Bugspitzen ins Wasser.

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Burling (l.) greift auf dem Vorwindkurs mit einem Luvmanöver von hinten an, verliert dann aber die Kontrolle. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Andere mögen sich von so einem missglückten Angriff beeindrucken lassen, Burling sagt später nur: “Da hat er mächtig Glück gehabt, dass er davon gekommen ist.” Er glaubt, ein Penalty wäre schon fällig gewesen. Aber so verliert er gut 400 Meter.

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Schlüsselmoment: Artemis crosst zu knapp vor Neuseeland und erhält einen Penalty. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Doch die Kiwis bleiben dran, und nach einem Nosedive vom Gegner sind sie wieder in Schlagdistanz. Kurz vor der Luvtonne dann der nächste Fehler von Artemis, als sie die Anliegelinie verpassen, einen Penalty beim Cross kassieren und noch eine zusätzliche Wende einbauen müssen. Es ist ein Duell technisch auf Agenhöhe aber eine schmerzliche Niederlage für Artemis.

Danach beäugen die Herausforderer-Teams mit Argusaugen das Match des Verteidigers Oracle gegen die Franzosen. Würden sie es abschenken, um Cammas einen Punkt zu schenken? Damit könnten sie einem stärkeren Herausforderer wie Artemis den Weg zum Ausscheiden bereiten. Aber Spithill macht seinen Job, gewinnt den Start klar und zieht dann davon. Es gibt zwar ein technisches Problem an den Kontrollleinen im Flügel, und Spithill muss vom Gas gehen, aber bei diesen Bedingunen haben die Franzosen keine Chance. Ein lahmes Rennen.

Ainslie braucht den Punkt gegen Artemis

Spannender wird das zweite Artemis-Match des Tages, diesmal gegen Land Rover BAR. Beide benötigen unbeding einen Siegpunkt, um dem drohenden Ausscheiden zu entgehen. Ainslie gewinnt klar den Start aus einer ungewöhnlichen Position in Luv. Aber er erkennt, dass Outteridge zu früh an der Linie ist und Speed rausnehmen muss. Ein Meisterstück.

Aber das britische Boot ist diesmal auch schnell. 43 Knoten erreicht es auf dem ersten Abschnitt. Ob allein der Wechsel zu den Leichtwind-Tragflächen den Unterschied zu gestern ausmachen? Ainslie sagt, es habe bis tief in die Nacht lange Diskussionen über Kommunikation, Bootstrimm und Taktik gegeben. Das hat offenbar gefruchtet.

In einem spannenden Rennen segeln die Briten speedtechnisch und taktisch auf Augenhöhe gegen stark aufkommende Schweden und machen diesmal keinen entscheidenden Fehler. Sie holen sich den wichtigen Punkt.

Für die Schweden ist dieser Tag ein Desaster. Sie stehen jetzt schon mit dem Rücken zur Wand und segeln möglicherweise bei ihrem letzten Duell am Samstag bei einem echten Endspiel gegen die Franzosen um das Weiterkommen. Sie haben jetzt allerdings zwei Tage Segelpause, in denen sie die Leistung ihres Schiffes verbessern können.

 

 

 

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Carsten Kemmling

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11 Kommentare zu „America’s Cup: Die Revanche von Artemis gegen Neuseeland – Ainslie brilliert beim Start“

  1. avatar Backe sagt:

    Chapeau Carsten für Deine wirklich guten Situations-Anyalysen.

    Eine Frage zum Start im 3. Rennen …

    Hätte Artemis die Briten nicht gnadenlos von der Linie wegluven und “abstellen” können / müssen?
    Für mich sieht es so aus, dass sie den Start verlieren, weil sie bei 0 über die Linie wollen und damit für BAR die Tür für den Luv-cross erst aufmachen …

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      thx. Ja genau, das ist die große Gefahr für Ben. Aber nur dann wenn er zu nah dran ist, und auf das Luven antworten muss. Deshalb hat er früh diesen Schlenker nach Luv gesteuert, um den Abstand zum Leeboot zu bekommen. Genau diesen Weg konnte er beschleunigen, um dann in Luv zu passieren. Artemis konnte nicht abfallen zum Speed holen für ein weiteres Luvmanöver, weil sie zu nahe an der Linie waren. Und mit dem Luven kommen sie nicht mehr am Ben ran weil der einfach zu schnell ist. Auch wenn Artemis in den Wind stellt, würde Ben in Luv vorbei schieben und drüber rutschen.

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  2. avatar Yachtie sagt:

    Unter einem optimalen Start stelle ich mir vor, dass die Linie mit Fullspeed bei Null gequert wird.
    .
    Davon waren Ainslie und Co leider sehr weit entfernt, obwohl ja nun wirklich genügend Platz im Startbereich zur Verfügung stand, um die Boote dementsprechend zu positionieren.

    Im Vergleich zu Artemis’ Katastrophenstart sah Ainslies Start zwar wesentlich besser aus, Brillianz war jedoch nicht erkennbar.

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  3. avatar Yachtie sagt:

    Ainslie startete wie er es von langsamen Booten (Laser, Finn) kennt.

    Ein schneller Foiler erfordert jedoch eine vollkommen andere Starttechnik, wie wir sie andeutungsweise von den Nacra 17 kennen und darauf beruht, dass der Beschleunigungsprozess vor dem Erreichen der Startlinie abgeschlossen ist.

    Wer den Foiler erst kurz vor der Startline beschleunigt, hat bereits verloren.

    [youtube https://www.youtube.com/watch?v=4emdfoTvNKk&w=560&h=315%5D

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    • avatar Backe sagt:

      Vielleicht sollte Ben Ainslie Dich als Taktiker anheuern?
      Damit er endlich mal segeln lernt.

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      • avatar Yachtie sagt:

        Die befinden sich alle noch in der Lernphase und sind primär damit beschäftigt, das Schiff foilend über die Runden zu bringen.
        Im weiteren Verlauf des AC’s werden wir sehen, welche Startaktik sich durchsetzt.

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Puh… du verstehst schon, dass es in Bermuda um Match Races geht?

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      • avatar Yachtie sagt:

        Jau, das läuft aber bei sehr schnellen Booten (Foilern) anders ab als bei langsamen Booten.
        Du must bei den schnellen Foilern mit maximalen Speed von hinten kommen.

        Der Ainslie-Start hat ja nur geklappt weil die Schweden viel zu weit in Lee waren, d.h verkackt hatten.

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        • avatar ds sagt:

          Besonders bei den Foilern und den kurzen Rennen geht es vorallem darum einen frühen zeitlichen Abstand zum Gegner zu gewinnen. Meter und Geschwindigkeit sind am Anfang egal, solange der Gegner auch noch Beschleunigen muss. Der zeitliche Vorsprung bleibt. Ainslie hat alles richtig gemacht.

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    • avatar Johannes Bahnsen sagt:

      @Yachtie:
      Es ist in diesem Format völlig egal, wann man zeitlich an der Linie ist. Du kannst 30 Sekunden nach dem Schuss an der Linie sein und trotzdem den perfekten Start haben. Nämlich dann, wenn Du früher und mit mehr Speed als Dein Gegner an der Linie bist.

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  4. avatar Yachtie sagt:

    Die Kiwis mit Peter Burling haben gerade – 19:45 – gezeigt, wie man von hinten kommend mit FullSpeed die Startlinie durchfährt.

    Ainslie hat das Rennen nach einer total verpatzten Halse (“What happened”) total verkackt.

    Riesen Rückstand und Riesen Blanage für Ainslie !

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