America’s Cup: Große Herausforderung nach der jüngsten Jury-Entscheidung

Gewöhnungsbedürftig

Nach den Betrug-Vorwürfen von einem US-Autor gegenüber Oracle Racing ist das Thema “unerlaubter Vortrieb” für die aktuellen Cup-Teams relevant geworden. Die Jury hat auf Nachfrage ihre Interpretation der “Pump-Regel” veröffentlicht.

Die ersten Bilder vom abgehobenen Oracle AC72. Auch Spithill kann fliegen. © Guilain Grenier / Oracle Team USA

Oracles AC72 © Guilain Grenier / Oracle Team USA

 

Inzwischen steht fest, dass das unglaubliche Comeback des Oracle Teams 2013 weniger durch eine besondere Entwicklung als auf die Art des Segelns zurückzuführen ist. Dem US-Team ist es gelungen, durch eine veränderte Handhabe ihres Segel-Flügels auch am Wind auf seine Tragflächen zu kommen.

James Spithill hatte in San Francisco früh darauf hingewiesen, dass der Leistungssprung nicht durch irgendwelche verbotenen Steuerungsmechaniken zu tun habe. Vielmehr habe die Crew bei den letzten Rennen noch mehr Einsatz gezeigt und fast durchgängig an den Grindern kurbelte.

Hinter der vermeintlichen Lob-Floskel für die Mannschaft steckte offenbar mehr Substanz als bisher angenommen. Durch die zusätzlich eingespeiste Energie der Muskelmänner in das Hydraulik-System konnte der Hauptflügel durch explosionsartiges Fieren und Dichtholen einen Flügelschlag simulieren, der den AC72 am Wind aus dem Wasser auf die Foils hob.

“Pumpen” beim 35. America’s Cup

Was bisher nur eine Theorie war, ist nun endgültig bestätigt worden. Denn die aktuellen Teams für die Teilnahme am 35. America’s Cup beschäftigen sich offensichtlich sehr real mit dieser Technik.

So wurde jetzt eine offizielle Anfrage veröffentlicht, bei dem ein Team die Jury fragt, ob es Regel 42 der Version 2.7 der World Sailing Racing Rules of Sailing (America’s Cup Edition) verbietet, den Flügel auf diese Weise in einer permanenten Bewegung zu trimmen.

Denn normalerweise ist es nach dem bestehenden Regelwerk ein klarer Verstoß. Allerdings schränken bestimmte Klassen die Regel 42 häufig nach ihrem Gusto ein. So sind bei den Surfern Aktionen erlaubt, mit denen das Brett nur durch Aktionen von Wind und Segel beschleunigt werden dürfen.

Wie bei den Windsurfern

Deshalb ist das olympische RS-X Windsurfen der körperlich härteste Segelsport der Welt, weil die Athleten ständig am Segel ziehen dürfen. Dabei haben sie insbesondere das ruckartige Ziehen am Segel perfektioniert, bei dem das Achterliek in Schwingung gerät und sich die Luftströmung am Profil beschleunigt.

So sieht das dann aus:

Um das Prinzip bei dieser Technik geht es auch beim America’s Cup. Das Achterliek soll in Schwingung gebracht werden, um auf die Tragflächen zu kommen. Wenn das erreicht ist und die Geschwindigkeit ansteigt, ist es aerodynamisch schneller, auf die Bewegung am Segel zu verzichten.

470er “Rocken”

Auch in der 470er Klasse spielt diese Art des “Pumpens” eine große Rolle. Ab acht Knoten Wind wird die gelbrote Flagge O gesetzt und 42 ist nicht mehr in Kraft. Dann erzeugen die Vorschoter am Trapezdraht durch permanentes “Rocken” ein wippendes Segel-Achterliek. Der Anblick ist äußerst gewöhnungsbedürftig für Segel-Puristen.

Das sieht dann so aus:

…oder wie hier bei den Nationalmannschaft-Seglerinnen Nadine Böhm und Ann-Christin Goliaß:

Dabei geht es allerdings nicht nur um eine absolute Verbesserung der Geschwindigkeit. Das “Fledern” bewirkt insbesondere eine Verbesserung der Höhe am Wind.

Welche Technik sich schließlich beim America’s Cup durchsetzt ist nicht bekannt. Auf jeden Fall hat die Jury damit keine Probleme. Auf die Frage, ob Fieren und Lösen des Segelflügels verboten sei, antwortete sie jetzt mit einem klaren “nein”, es gebe keine Restriktionen.

Da kommt noch eine Menge Arbeit auf die Techniker zu. Denn die Hydraulik-Anlagen müssen erst einmal dafür geeignet sein, die ruckartigen Bewegungen unter voller Last zu absolvieren.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

5 Kommentare zu „America’s Cup: Große Herausforderung nach der jüngsten Jury-Entscheidung“

  1. avatar wet rabbit sagt:

    Wusste gar nicht, dass die 470er so elegante Beckenübungen machen.
    Könnte ein neuer Fitness-Trend sein ;o)
    Aber wo steht denn jetzt bitteschön fest, daß Oracle gepumpt hat???

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 5

  2. avatar Andreas Borrink sagt:

    Eine interessante Entwicklung, zweifellos.

    Altersbedingt erlaube ich mir da allerdings einen kritischen Standpunkt: ist Segeln nicht per Definition: “….die Fortbewegung eines Segelschiffs oder eines Segelboots unter Nutzung der Windenergie….” ?! So steht es wenigstens in Wikipedia. Für mich hatte das immer etwas zu tun mit einer gewissen Ruhe und Eleganz. Das optimale Steuern und Trimmen eines Segelbootes am Wind durch kleinste Veränderungen an allen Variablen, das Erkennen und Nutzen von Windstrichen und -drehern zum Vorteil gegenüber den Konkurrenten – das macht doch eine gute Kreuz aus und ist die ultimative Befriedigung meiner Ansprüche an eine gelungene Wettfahrt.

    Ich befürchte, das wird zugunsten dieses – fraglos hochathletischen – Gezappels auf der Strecke bleiben, wenn hier nicht regulierend eingegriffen wird. Das ganze könnte man dann vielleicht als neue Disziplin unter der Bezeichnung Luftrudern einrichten und das – ebenfalls körperlich anspruchsvolle – Wriggen gleich mit erlauben. Im Laser sind wir immer bei Nullwind nach Hause “gefledert”; ging gut, Segel leicht gefiert in die Klemme, vor den Mast stellen und wippen bis der Arzt kommt. Werden wir das künftig auch auf der Bahn sehen?

    Ich möchte (und kann!) da eher nicht mitmachen und hoffe nur, dass es auf der “corinthian sailing” – Ebene weiter Klassen geben wird, in denen einfach nur gesegelt wird und es keiner Schiedsrichter bedarf, die ständig auf die Einhaltung der sinnvollen Regel 42 achten müssen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 1

  3. avatar thorsten sagt:

    Das “Zappeln” am Trapezdraht heisst allerdings Body pumping.
    Rocken ist das Rollen des Bootes von Lee nach Luv bzw andersherum, meist vor dem Wind… 😉
    Was hat denn die AC-Jury nun entschieden bzw veröffentlicht? Hab ich den Link irgendwo übersehen?

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 3

  4. avatar Chris vom Südsee sagt:

    Als Internationaler Schiedsrichter sehe ich es hier auch als ganz klar notwendig, hier so früh wie möglich eine eindeutige Regel à la “alles erlaubt” oder “alles verboten” ggf. auch ab einer gewissen Windstärke zu etablieren. Der AC hat wie immer seine eigenen Regeln, da muss die RRS 42 eine Ausnahme sein.

    Als Moth-Segler muss ich aber daran zweifeln, ob das Pumpen zum Abheben erlaubt ist. Bei uns gibt es immer die Diskussion, wie die Ausnahme 42.3 (c) auszulegen ist. Diese erlaubt generell da einmalige Pumpen des Segels pro Welle oder Böe, um (außer Amwind) ins Geiten zu kommen. Hier stellt sich stets die Frage: ist Foilen Gleiten?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  5. avatar andreas borrink sagt:

    Neue Entwicklungen erfordern neu Regeln. Die automobile Formel 1 fährt auch nicht mehr nach den Regeln aus der Zeit, als die Piloten noch Lederkappen und Handschuhe mit Löchern auf den Knöcheln trugen und bei Unfällen mannhaft starben. Offenbar ist es aber auch in Sachen Verbände und Organe im Segeln ähnlich wie im Automobilsport: man hinkt der Entwicklung immer ein gutes Stück hinterher. Die Trainingsfarce in Melbourne macht deutlich, dass auch dort die technischen Laien das Heft in der Hand haben.

    Wird schon werden, gut Regel will Weile haben. Schön fände ich nur, wenn sich für die Traditionalisten unter den Seglern eine gewisse Bodenständigkeit erhalten liesse, ähnlich den Oldtimer-Grand Prix. Nicht alle wollen fliegen oder sich olympisches Gold erzappeln!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *