America’s Cup: Kann Oracle noch gewinnen? – Warum die Kiwis so schnell sind

"Wir können es wieder schaffen"

Das Oracle Team USA sucht in Bermuda fieberhaft nach dem Gaspedal, um sich am Wochenende doch noch gegen den drohenden Verlust des America’s Cups stemmen zu können. Warum es schwer wird.

die Kiwis haben große Vorteile gegenüber dem USA Team.

James Spithill hat angekündigt, jede Stunde der fünf Tage Pause zu nutzen, um noch etwas Speed aus dem Kat quetschen zu können. “Das sind die wichtigsten Tage dieser Kampagne. Ist ziemlich klar, dass sie schneller sind, und wir Änderungen vornehmen müssen. Alles wird geprüft werden, System, Anhänge, Segeltechnik oder die Strategie. In dieser Situation gibt es kein Team, bei dem ich lieber wäre. Es war schon einmal hart und wir sind da zusammen durchgekommen. Ich habe keinen Zweifel, dass wir es wieder schaffen können.”

Seitdem brennt in jeder Nacht hinter den verschlossenen Türen auf der Oracle Basis noch das Licht. Am Tag wird dann gesegelt und gehofft, noch irgendwo ein Zehntel Knoten Speed zu finden.

Das Duell zwischen Oracle und Team New Zealand geht in die entscheidende Runde. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Aber welche Möglichkeiten gibt es noch, die drohende Niederlage abzuwenden? Hat das US-Team die Chance, die Geschichte zu wiederholen? Kann es erneut ein Comeback geben? Nach Gesprächen insbesondere mit Seglern und Designern auf der Land Rover BAR Basies, von wo aus die Briten das Geschehen verfolgen, um schon früh die Weichen für den eigenen nächsten Angriff auf den Cup starten zu können, ergibt sich folgendes Bild:

Die Neuseeländer haben abseits der Konkurrenz im heimischen Auckland einen völlig anderen Design-Ansatz gewählt besonders in Bezug auf ihr Kontrollsystem. Alle Augen blicken auf die auffällige Fahhrrad-Konstruktion, aber sie ergibt sich eigentlich nur aus der Notwendigkeit, die Energie fressende Konfiguration bedienen zu können.

Lange, schmale Tragflächen

So sind die Foils – besonders die Leichtwind-Tragflächen – zwar lang und scheinen viel Widerstand aufzuweisen. Aber bei der Live-Berichterstattung sind auf den Bildern nicht die Profile zu erkennen. Die sind nämlich vergleichsweise schmal und erzeugen tatsächlich einen so geringen Bremseffekt, dass die Kiwis in den letzten beiden Rennen auch bei stärkerem Wind mit ihren High Speed Foils nicht schneller waren.

Die schmalen Profile sind allerdings schwer zu kontrollieren und deshalb nicht so einfach von der Konkurrenz zu kopieren. Sie müssen permanent bedient und mit Energie versorgt werden. An diesem Punkt kommt die Beinkraft ins Spiel, mit der sich etwa 30 Prozent mehr Kraft generieren lässt.

Es geht dabei insbesondere um die Höhenkontrolle des Fluges. Bei Oracle und den meisten anderen Teams stellt der Steuermann über Grip-Shift-Schaltungen am Rad die Flughöhe intuitiv ein. Die Kiwis kontrollieren sie über spezielle Bildschirme.

Kontrolle per Bildschirm

Dabei kommt besonders Blair Tuke eine spezielle Rolle zu. Der 49er-Gold-Vorschoter von Peter Burling sitzt selber auf dem Rad, hat aber die Hände frei, um einen Touch-Screen zu bedienen, auf dem ihm angezeigt wird, wie die Tragflächen passend zu den bestehenden Bedingungen eingestellt werden müssen.

Wing-Trimmer Glenn Ashby stellt seinen Segel-Flügel ebenfalls auf einem portablen Screen ein, während seine Kollegen auf den anderen Booten noch eine Schot bedienen, mit denen sie klassisch den Flügel fieren und dicht holen.

Daraus ergibt sich auch, dass Ashby nicht nur mit einer anderen Technik trimmt, sondern das Profil auch anders einstellt. Er fiert den unteren Teil des Segels kaum sondern lässt die vier Elemente des Foils besonders im oberen Teil öffnen, wenn er Druck ablassen möchte. Teilweise gelingt es sogar, das Segel rhythmisch zu vertwisten. Diese Technik entspricht der eines 470er-Vorshoters, der am Trapezdraht wippt, das Achterliek zum Schwingen bringt, und dadurch das Schiff mehr Höhe am Wind erreichen lässt.

Software für den Trimm

Eine solche Technik lässt sich von Oracle nicht mal eben kopieren. Dahinter stecken lange, einsame Trainingsstunden auf dem heimischen Hauraki Golf. Die dabei entwickelte Software hilft offenbar dabei, exakt die notwendigen Trimm-Einstellungen vorzunehmen.

Dabei ist es auch den übrigen Rad-Grindern möglich, Aufgaben mit ihren Händen zu erfüllen. Schließlich sitzen außer auf dem vorderen Sattel nicht nur reine Kraftmaschinen  , sondern mit Andy Maloney ein Weltklasse Laser-Segler, der mit Peter Burling den Youth America’s Cup gewonnen hat und auch Josh Junior, der bei seinen ersten Olympischen Spielen 2016 in Rio Siebter im Finn Dinghy wurde.

So ist das gesamte System der Kiwis eine Einheit, die schließlich auf eine effektive Bedienung der Foils zielt. Die akkurate Einstellung der Foils ist auch deshalb besonders kritisch, weil die vertikale Fläche der Foils kleiner ist. So darf sich das Schiff am Wind nicht so weit aus dem Wasser heben, dann wird die Abdrift zu groß.

Was dann passieren kann ist bei dem Vorrunden-Crash zwischen dem Land Rover BAR Team und dem Softbank Team New Zealand deutlich geworden. Die Japaner griffen in Lee an und zwangen Ben Ainslie zum Anluven. Dabei drehte er zu stark an seinen Steuergriffen, das Boot hob sich zu weit aus dem Wasser und rutschte plötzlich gefährlich zur Seite auf das Softbank-Team.

Die Neuseeländer haben solche Probleme offenbar mit ihrer Software bestens im Griff, wenn sie nicht allzusehr unter Druck gesetzt werden. Im Vorstart gegen Ainslie zeigten sie aber ebenfalls ihre Schwächen. Tuke rechnete offenbar nicht mit dem plötzlichen Abfallen, stellte einen zu steilen Winkel des Foils ein, das Schiff hob sich aus dem Wasser und stürzte umso steiler wieder ab, als die Ruder Luft saugten und keinen Grip mehr fanden. So kam es zu dem Überschlag.

Burling freigesperrt

Die Aufteilung bei den Kiwis hat auch zur Folge, dass Steuermann Peter Burling deutlich weniger Aufgaben beim Bootshandling übernehmen muss und für die Taktik freigestellt ist. Der ehemalige Taktiker Ray Davies hat seinen Job an Bord verloren. Der 49er-Steuermann ist das Entscheiden vom Skiff gewohnt, bei dem der Vorschoter überwiegend die körperliche Arbeit übernimmt und er selber die Taktik bestimmt. Deshalb ist der hörbare Austausch über den Bordfunk deutlich geringer als bei den konkurrierenden Teams mit klassischer Aufteilung.

Es ist also inzwischen klar geworden, dass die Neuseeländer ein im Vergleich zur Konkurrenz deutlich unterschiedliches System entwickelt haben, mit dem sie ihr Schiff kontrollieren. Der Erfolg ist deutlich umfassender zu erklären als alleine durch die größere Energie-Bereitstellung per Bein-Grinder.

Daraus folgt, dass Oracle bei seinem Setup kaum eine Möglichkeit hat, auf die Vorgaben der Neuseeländer zu reagieren. Die Systeme sind einfach zu unterschiedlich. Aber natürlich kann es sein, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten weiter ausschöpfen. Das Spiel ist noch längst nicht gelaufen.

Grinder und Design-Team-Mitglied Bleddyn Mon im SR-Interview:

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Spenden
https://yachtservice-sb.com

11 Kommentare zu „America’s Cup: Kann Oracle noch gewinnen? – Warum die Kiwis so schnell sind“

  1. avatar Yachtie sagt:

    “Es ist also inzwischen klar geworden, dass die Neuseeländer ein im Vergleich zur Konkurrenz deutlich unterschiedliches System entwickelt haben, mit dem sie ihr Schiff kontrollieren.”

    Damit bestätigt sich, was ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt schrieb. Entscheident ist nicht mehr um die seglerische Leistung sondern das bessere Sytem zur Kontrolle der hochsensiblen Foils, wobei schon minimalste Fehleinstellungen katastrophale Folgen nach sich zogen..

    In diesem Zusammenhang erinnert man sich gern an die alten 12er Zeiten, wo es lediglich geringe konstruktive Unterschiede gab und es auf der Regattabahn noch ums Segeln ging.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 17 Daumen runter 33

  2. avatar alikatze sagt:

    Schöner Hintergrungdbericht – Danke! Als Seiteneinsteiger finde ich solche Texte und Infos hilfreich. Ich habe auch ein paar Rennen auf ServusTV verfolgt und war entgegen meiner Erwartung angenehm überrascht, wie spannend die Rennen doch geworden sind.
    Das Foilen widespricht eigentlich meinem romantischen Image vom Segeln, aber nu muss ich mich wohl mal ein büschen davon lösen 😀 Nach der Vendee erscheint es mir zumindest so, dass ich die Monohulls nicht abschreiben muss.

    … aber kleine Frage, müsste es nicht heißen “..einen so geringen Bremseffekt, dass Oracle in den letzten beiden Rennen auch bei stärkerem Wind mit ihren High Speed Foils nicht schneller waren.”

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 1

  3. avatar ARC sagt:

    Natürlich wird Oracle es noch schaffen: Es wird – wie letztes Mal – einen schönen Hollywood-Streifen mit einem “überraschenden” Happy-End des tapferen und schon totgeglaubten Spithills geben. Den Vorsprung der Kiwis braucht für den Spannungsbogen 😀

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 9 Daumen runter 6

  4. Wenn das passiert hack ich mir mein Bein ab 😳

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *