America’s Cup: Kiwi-Chef Dalton auf Krawall gebürstet – er sieht sein Team “allein gegen alle”

"Sie wollen uns tot sehen"

 

Der neuseeländische Cupper. Die Radler haben die Hände frei, um Kontrolleinrichtungen zu bedienen

Grant Dalton hat Angst, dass die Konkurrenz sein neuseeländisches Team absichtlich versenkt. Er sieht sich als “einsamer Wolf” einer Übermacht gegenüber. Die Rolle des sympathischen Underdogs ist er offenbar leid.

Der Teamchef vom Emirates Team New Zealand Grant Dalton (59) zeichnet bei einem Update zum aktuellen Status seines Rennstalls ein sehr düsteres Bild. Im Interview mit der New York Times macht der starke Mann der Neuseeländer deutlich, wie sehr die knappe Niederlage von 2013 immer noch an ihm nagt. “Ich glaube nicht, dass man da je drüber hinweg kommt. Wenn doch, dann strömt kein Blut mehr durch deine Adern.”

Er macht deutlich, wie knapp es war, dass die Kiwis überhaupt eine Herausforderung für den 35 America’s Cup abgegeben haben. Durch die Entscheidung, den Cup in Bermuda auszutragen sei es fast unmöglich für sie gewesen, “am Leben zu bleiben”. Die Sponsoren hätten an diesem Austragungsort kein Interesse gehabt.

Also köcheln die Kiwis auf ganz kleiner Flamme. Sie sind schon von früheren Kampagnen gewohnt, nicht das Geld als Antrieb zu nehmen, aber nun sei das Budget noch einmal auf die Hälfte von 2013 zusammen geschrumpft. Es betrage unter 20 Millionen Euro pro Jahr. Die starken Konkurrenten kommen auf mehr als das Doppelte .

Deshalb operiert das Team in Auckland von einem alten Öl-Depot aus, die Mitarbeiter arbeiten zu reduzierten Bezügen im Vergleich zum ohnehin schmalen Budget 2013, und mehr als 70 Zulieferer spenden Sachleistungen von Eiern bis zu Schleifpapier.

Regierung strich die Mittel

Ein großes Problem sei der gescheiterte Deal mit Oracle und der überwiegenden Anzahl der Herausforderer, sagt Dalton weiter. Das Protokoll wurde geändert, die Kiwis verloren die zugesagte Austragung der Qualifikationsrunde in Neuseeland, und damit erlosch auch das Interesse der Regierung, weiter Unterstützungsgelder bereitzustellen. Ein kalkuliertes Ränkespiel? Es blieb bei den umgerechnet 3,3 Millionen Euro, die direkt nach der Niederlage gezahlt wurden um das Team beisammen zu halten. 2013 betrug die staatliche Förderung rund 23 Millionen Euro.

ETNZ auf dem Hauraki Golf. © ETNZ

Das Team New Zealand hat den Fall vor das Schiedsgericht der America’s Cup Organisation gebracht und offenbar Recht bekommen. Ein Vertragsbruch wurde festgestellt und es sollen Entschädigungszahlungen geflossen sein. Über mehr als 10 Millionen Dollar wird spekuliert, die von der America’s Cup Event Authority gezahlt wurden. Offizielle Berichte gibt es aber nicht. Die Parteien wurden schon im Protokoll der Regatta für solche Fälle zum Stillschweigen verpflichtet. 

Keine Regung des Bedauerns

Im Interview wird auch der Rauswurf von ex Skipper Dean Barker angesprochen. Von Dalton könnte man eine Regung des Bedauerns erwarten, weil der verdiente Steuermann auf unwürdige Weise entfernt wurde. Aber damit tut sich der alte Salzbuckel schwer.

Es sei nicht allein seine Entscheidung gewesen, sondern Teil eines 20-Punkte-Plans, ausgearbeitet von einem Komitee. “Wir mussten uns reorganisieren, regenerieren und neue Talente bringen.” Das sei nicht schön gewesen, weil solche Themen in Neuseeland schnell an die Öffentlichkeit kommen. “Aber es musste getan werden. Wir haben uns wiederbelebt, mehr auf die Jugend fokussiert und sind ein deutlich stärkeres Team als wir je waren.”

Aber mit Dalton an der Spitze sind die Kiwis mächtig auf Krawall gebürstet. Sie wollen sich nicht alles vom Cup-Verteidiger gefallen lassen, haben aber nun auch noch die übrigen vier Herausforderer gegen sich.

“Wir sind der einsame Wolf”, sagt der ehemalige Volvo Ocean Race Spezialist. Denn alle außer den Kiwis haben einen Weg beschlossen, wie es mit dem America’s Cup auch nach 2017 weitergehen soll. 2019 und 2021 sollen schon die Cup-Regatten neu entschieden werden und nur die Kiwis wenden sich dagegen.

Keine glückliche Familie

Zuerst sei man nicht daran interessiert gewesen, eine glückliche Familie vorzuspielen während der eigene Fall im Schlichtungsprozess verhandelt wurde. “Dann haben wir uns das Papier genau angesehen, und nun sind wir auch grundlegend dagegen.”

Die Neuseeländer beim Training mit den Bikern. © ETNZ

Das heißt, wenn die Kiwis den Cup gewinnen sollten, wollen sie die Zukunft des America’s Cups nach den üblichen, traditionellen Regeln gestalten. “Der Cup ist sonst nur eine weitere, dreckige, kleine Regatta und dem Untergang geweiht.”

Diese Situation birgt für sein Team Gefahren, glaubt Dalton. Denn viele Menschen – nicht nur Oracle – möchten nicht, dass Neuseeland diesmal gewinnt. “Man sollte hoffen dass wir nicht auf den Grund des Ozeans geschickt werden.” Nach dem Motto: Oh das war ein Fehler, Tschuldigung. Schließlich sei im aktuellen Protokoll keine Wiedergutmachungsregel vorgesehen. “Das ist für uns eine große Sorge. Es gibt nun fünf Teams, die uns tot sehen wollen, nur weil wir ihre kleine Parade ruiniert haben.”

Grant Dalton hört sich doch ziemlich verbittert an. Er ist die Rolle des sympathischen Underdogs offenbar leid. Im Mai wird sich zeigen, ob er sportlich gegen die potenteren Widersacher gegenhalten kann. Erst im April werden die Neuseeländer mit ihrem Schiff in Bermuda eintreffen. Bis dahin weiß niemand, ob sie mit ihrem Radfahrer-Design konkurrenzfähig sind. Es wäre eine tolle Geschichte.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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