America’s Cup: Kiwis lassen sich nicht durch Fock-Verlust nicht bremsen

Sieg trotz Bruch

Das zweite Louis Vuitton Cup Rennen des 34. America’s Cups, das mit zwei Booten auf dem Kurs ausgetragen wurde, ist erneut zugunsten der Neuseeländer ausgegangen. Sie gewannen das Duell gegen Luna Rossa mit einem Vorsprung von 2:19 Minuten und konnten sich sogar den Verlust ihres Vorsegels leisten.

Team New Zealand

Team New Zealand verliert sein Vorsegel. © ACEA / GILLES MARTIN-RAGET

Der Vorstart fiel diesmal nicht so extrem zugunsten des Team New Zealands aus. Es startete diesmal von der linken Seite mit Wind von Backbord und durfte nach veränderten Regeln zehn Sekunden früher in die Startbox eintauchen als der Gegner. Zuvor sollte das frühe Aufeinandertreffen und das resultierende Ausweichen (Dial Up) mit einer schiefen Eintauchlinie verhindert werden. Schon bei den Duellen der AC45 World Series hatte das aber nicht immer funktioniert und das von links kommende Boot wurde schwer benachteiligt.

Beim aktuellen System kommt es nur noch auf die Annäherung zur Startlinie an, und dabei eroberten sich die Neuseeländer souverän die bessere Leeposition, aus der an der ersten Marke die Innenposition resultiert.

Danach war das Rennen eigentlich schon gelaufen. Die Kiwis segelten einen Tick schneller und zogen davon. Nicht so dramatisch, wie im ersten Duell mit den Italienern aber der Abstand vergrößerte sich permanent.

Louis Vuitton Cup Start

Team New Zealand startet in Lee von Luna Rossa und erkämpft sich die Innenposition an der ersten Tonne. © ACEA / GILLES MARTIN-RAGET

Bis zu dem Moment, als die Fock von oben kam. Dramaturgisch passte der Moment exakt. Gerade als es wieder langweilig wurde, öffnete sich das Fallenschloss und das Vorsegel rutschte langsam am Vorstag nach unten. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Wollten die Kiwis künstlich etwas Spannung in das Rennen bringen?

Unwahrscheinlich, denn es sah nicht gut aus, wie sich das schlagende Segel im Rigg verfing und schließlich nur mit Mühen von Bord bugsiert werden konnte. Dabei kann am filigranen System  auch noch mehr kaputt gehen.

Das Segel landete schließlich im Wasser genau in der Spur der verfolgenden Italiener. Als das Team Motorboot der Neuseeländer zum Retten des Tuches herbei eilte, musste Luna Rossa sogar wenden.

Eine offizielle Beschwerde der Italiener gab es nicht. In ihrer Pressemitteilung heißt es lapidar: “Luna Rossa verkleinerte die Lücke, musste dann aber ein Flautenloch wenden als das Motorboot in den Weg fuhr um die Fock einzusammeln.”

Die Spannungskurve stieg kurz an, weil man nurn ein Überholmanöver der Italiener erwarten konnte. Aber die Neuseeländer zeigten umso mehr ihre Überlegenheit, indem sie auch ohne Vorsegel unaufhaltsam davon zogen.

So stellte sich die Frage, warum sie überhaupt mit einer Fock segeln. Der Widerstand scheint bei den hohen Geschwindigkeiten größer zu sein, als der positive Effekt. Schon der 90 Fuß BMW Oracle Trimaran verzichtete bei bestimmten Bedingungen auf ein Vorsegel. Und im Unterschied zu den AC45 sieht man auf den 72ern schon länger keine Gennaker mehr. Nur bei sehr leichem Wind beschleunigen sie die großen Kats noch auf dem Vorwindkurs.

Barker machte aber nach dem Rennen klar, dass die Vorsegel besonders für die Manöver eine wichtige Rolle spielen. Das Beschleunigen aus den Wenden und Halsen funktioniere besser. Und die Ausgewogenheit des Schiffes sei beim Foilen besser.

Ob das die Wahrheit ist, wird sich wohl erst beim ersten America’s Cup Match zeigen, wenn aller Wahrscheinlichkeit nach die Kiwis vermutlich auf Oracle treffen. Man kann davon ausgehen, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Big Brother Oracle sieht ganz genau hin, was die Neuseeländer mit ihrem Boot treiben.

Aber wenn die mangels potentem Gegner nicht an ihre Grenzen gehen müssen, bleibt Spielraum, um Oracle auf falsche Fährten zu locken. “In den alten Tagen galt das Team New Zealand als `king of misinformation´”, schrieb Coach Rod Davies in seinem Blog. Und er machte keinen Hehl daraus, dass dieser Teil des America’s Cups immer noch sehr wichtig ist.

Die Pressemitteilung:
Emirates Team New Zealand hat in der heutigen Wettfahrt erstmals beim Louis Vuitton Cup, der America’s-Cup-Herausforderer-Serie, ein Materialproblem erlebt. Unbeeindruckt davon bezwangen die Neuseeländer die Luna Rossa Challenge.

Auf der dritten von sieben Bahnen gab auf der Aotearoa eine Klemme nach, die das Vorsegel am Vorstag hält. Die Crew benötigte fast drei Minuten, um das Segel vom Vorstag zu lösen und über Bord zu werfen. Das Begleitboot barg das Tuch schließlich.

Skipper Dean Barker und die „Kiwis“ segelten fortan nur noch mit dem knapp 40 Meter höhen Tragflächensegel und distanzierten die Italiener dennoch um 2:19 Minuten. Es war der sechste Punkt für das Team New Zealand.

„So etwas gehört zu den frustierendsten und nervigsten Zwischenfällen, die es gibt“, meinte Barker. „Noch nie gab es mit dieser Klemme ein Problem. Aber man kennt das ja: Kaum segelt man Rennen, dann passieren solche Dinge. Die gute Nachricht aber ist die Art und Weise, wie die Jungs mit der Situation umgegangen sind und uns wieder in die Spur gebracht haben. Die Antwort auf das Problem war richtig gut.“

Es wirkte so, als hätte der Verlust des Vorsegels das Emirates Team New Zealand kaum gestört, doch Barker sagte, die Genua sei für die Stabilität des 72-Fuß-Katamarans sehr wichtig. „Beim Halsen ist es ohne Vorsegel sehr schwierig, dem Boot wieder Höhe zu geben, entsprechend schlecht waren unsere Halsen“, erklärte Barker. „Würde man nur mit der Genua segeln, würde man die Ruder und Foils ganz anders einstellen, um eine bessere Balance zu erzielen.“

Die italienische Crew um Skipper Max Sirena zeigte sich gegenüber dem ersten Aufeinandertreffen mit den Neuseeländern vom 13. Juli verbessert. Doch obwohl Luna Rossa den Rückstand im Ziel um mehr als drei Minuten verkürzte, konnte das Team die Probleme der „Kiwis“ nicht in einen Sieg ummünzen.

„Wir haben am Boot die ein oder andere Veränderung vorgenommen, an der Aerodynamik gefeilt und die Foils modifiziert“, sagte Sirena. „Die Neuseeländer waren heute auf dem gesamten Kurs ziemlich schnell. Wir haben den Kurs ordentlich absolviert, das war unser Ziel. Dennoch müssen wir als Crew besser werden und in den kommenden Wochen schneller werden.“

Nach einem Ruhetag treffen die beiden Teams am Dienstag um 12.15 Uhr Ortszeit (21.15 Uhr MESZ) erneut aufeinander. Die Wettfahrt wird weltweit auf dem America’s Cup YouTube Kanal zu sehen sein, die Übertragung beginnt um 12 Uhr Ortszeit.

 

Daten zum heutigen Match Race:

America’s-Cup-Kurs mit sieben Bahnen

Länge: 15,43 Seemeilen

Zeiten: ETNZ – 48:10 Minuten; LR – 50:29 Minuten

Gesegelte Distanz: ETNZ – 19,4 Seemeilen; LR – 19,99 Seemeilen

Durchschnittsgeschwindigkeit: ETNZ – 24,19 Knoten (44,79 km/h); LR – 23,77 Knoten (44,02 km/h)

Höchstgeschwindigkeit: ETNZ – 38,72 Knoten (71,71 km/h); LR – 37,73 Knoten (69,88 km/h)

Windgeschwindigkeit: Durchschnitt 13,8 Knoten, in Böen bis 20,5 Knoten

Die nächsten Rennen:

Dienstag, 23. Juli: Luna Rossa Challenge vs. Emirates Team New Zealand

Donnerstag, 25. Juli: Artemis Racing vs. Luna Rossa Challenge

Samstag, 27. Juli: Emirates Team New Zealand vs. Artemis Racing

Sonntag, 28. Juli: Emirates Team New Zealand vs. Luna Rossa Challenge

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „America’s Cup: Kiwis lassen sich nicht durch Fock-Verlust nicht bremsen“

  1. avatar Johannes sagt:

    Leider kleine Übersetzungsfehler:
    1. Jib ist wohl eher eine Fock, das Segel als Genua zu bezeichnen trifft es nicht ganz.
    2. “Würde man nur mit der Genua segeln” muss natürlich “Würde man nur mit dem Flügel segeln” lauten.

    trotzdem vielen Dank dafür.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

    • avatar Matze sagt:

      In der Live-Übertragung gestern sprachen die Kommentatoren davon, dass eine zusätzliche Genua an Bord ist, die Raumschots bei leichten Winden gesetzt wird.

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

      • avatar Stefan sagt:

        Dabei handelt es sich um eine zusätzliche Genua (eher sowas wie ein Code 0) die ganz vorn angeschlagen wird. Die AC45 fahren das immer. Bei den AC72 scheint das nur bei ganz Wenig Wind notwendig zu sein. Ansonsten haben die wohl genug Power im Schiff.

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  2. avatar Marc sagt:

    Ganz sauber war das ja nicht mit dem Segel einsammeln, hat LR ja schon behindert.

    Aber Respekt für den “Bowman”, bei 20kn noch da vorne rumturnen und dann auch noch relativ hoch über dem Wasser. Dagegen ist das “Spi-Shot rumholen” auf den alten AC90 ja Kindergeburtstag.

    Hoffe natürlich weiterhin das ETNZ so etwas nicht im Finale gegen OR passiert und diese in Grund und Boden segelt.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

    • Zitat: “Ganz sauber war das ja nicht mit dem Segel einsammeln, hat LR ja schon behindert.”

      Unter dem Aspekt ‘Überholer muss sich freihalten’ ist das eigentlich eher nicht so, es sei denn die Regularien des LVC besagen etwas anderes. Luna Rossa konnte das Übel ja rechtzeitig sehen, warum die auch noch direkt darauf zugefahren sind – who knows?

      Das Segel bei dem Boatspeed runter zu holen ist sicher schon spannend. Viel interessanter fand ich ja, das Ding denn nun auch loszuwerden, ohne noch etwas am Schiff kaputt zu machen. Sah ja teilweise danach aus…

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      • avatar thorsten sagt:

        naja gut, auch wenn luna rossa hier klar achteraus und give-way boot ist – das gilt aber ja nicht für klamotten, die man denen in den weg wirft..
        ansonstenergäben sich ja ganz neue taktische möglichkeiten, wenn man sich die verfolger, wie oben geschildert, per “bananenschale” vom leib halten könnte.. 😉

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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