America’s Cup: Neue Boote für Kiwis und Franzosen – 46 Knoten Speed bei 16 Knoten Wind

Die Boote der Nachzügler

Drei Wochen nach den Neuseeländern haben nun auch die Franzosen ihren ersten America’s Cup-Foiler zu Wasser gelassen. Ein Deutscher spielt eine maßgebliche Rolle.

Mit großer Anteilnahme der segelbegeisterten Bevölkerung hat das französische America’s-Cup-Syndikat Groupama Team France in Lorient seinen ersten Cup-Foiler zu Wasser gelassen.

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Die ersten Foil-Meter des neuen Emirates Team New Zealand Geschosses. Die Ruder hängen an einer Verlängerung. © Chris Cameron/TNZ

Die Franzosen sind diesen Schritt als letztes der sechs Teams gegangen. Oracle dagegen arbeitet schon mit seiner dritten Test-Version. Die Franzosen aber versuchen das Beste aus dem kleinsten Budget aller Teilnehmer zu machen. Es soll etwa 20 Millionen Euro betragen.

Flügel-Papst Martin Fischer

Verantwortlich für das Design-Team zeichnet der geniale deutsche Flügel-Papst Martin Fischer, der unter anderem den GC32 Foiler entwickelt hat und zu den Konstrukteuren von Luna Rossa gehörte, bevor die Italiener aus dem Wettbewerb ausstiegen.

America's Cup Groupama Team France

Groupama Team France vor dem markanten Bunker in Lorient. © Groupama Team France

Die Personalie Fischer macht besonders viel Sinn, weil er als absoluter Spezialist in Sachen Tragflächen gilt. Und auf diesem Gebiet werden die größten Fortschritte erwartet. Hier können sich die Designer austoben. Es wird auf die Formgebung der Profile ankommen wie auch auf die Bedienbarkeit der verschiedenen Elemente.

Den Rümpfen kommt dabei eine geringere Bedeutung zu. Denn sie befinden sich überwiegend außerhalb des Wassers. Außerdem dürfen die 50 Fuß langen Schwimmer, die später tatsächlich im Rennen eingesetzt werden, erst ab dem 27. Dezember 2016 zum Einsatz kommen.

America's Cup Groupama Team France

Große Begeisterung bei den Franzosen. © Groupama Team France

Der Katamaran, den die Franzosen vorgestellt haben, ist nur 45 Fuß lang aber schon mit den vorgeschriebenen One Design-Elementen wie Beams, Plattform und Segelflügel ausgerüstet. Es handelt sich laut Aussagen der Franzosen also schon zu großen Teilen um das Rennboot, das 2017 auf den Bermudas antreten wird.

Bug-Sektionen im eigenen Land

Die eigentlichen Rümpfe der Cupper werden für alle Teams in Neuseeland bei Core Builders Composites hergestellt, nur die Kiwis selber lassen bei der Cookson-Werft bauen. Die Vorgaben der America’s Cup Stiftungsurkunde, dass die Boote im Herkunftsland des herausfordernden Clubs gebaut werden müssen, haben die Regel-Erfinder mit der skurrilen Auflage erfüllt, dass nur die 10 Fuß langen Bug-Sektionen von den Teams laminiert werden muss.

Diese Teile können dann ohne viel Aufwand mit dem 40 Fuß langen Hauptteil der Konstruktion verbunden werden. Der schlaue Nebeneffekt: So passen die Katamarane ohne die Bugteile in normale 40 Fuß Container. Die Transportkosten werden signifikant verringert.

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Emirates Team New Zealand versucht, seinen neuen AC45 Turbo in den Griff zu bekommen. © Chris Cameron/TNZ

In technischer Hinsicht ist deshalb die Vorstellung des französischen Experimental-Cuppers relativ unspektakulär. Allerdings scheint es durchaus Verbesserungsmöglichkeiten durch mehrere Neubauten zu geben. Sonst stünden die Briten wohl nicht kurz vor der Vorstellung ihres vierten AC45.

Japaner sind schnell in Bermuda

Artemis und Oracle haben in Bermuda jeweils zwei 45er in Betrieb und segeln intensiv  gegen die Japaner, die eine Zeitlang das schnellste Boot auf dem neuen Cup-Revier gewesen sein sollen.

Dabei werden die Cupper immer schneller. Bei 16 Knoten Wind erreichen sie 46 Knoten Speed. Die AC72 von 2013 sind dagegen langsamer zumal ihre kleineren Nachfolger schon ab neun Knoten Wind stabil am Wind foilen und auch schon bei diesen Bedingungen die Wende auf Kufen immer besser hinbekommen.

In diesem Bereich werden die größten Fortschritte erwartet. Kritisch ist die Entwicklung der Kontroll-Systeme, mit denen die Tragflächen und der 23 Meter hohe Segelflügel zueinander bei komplexen Manövern wie Wende und Halse verstellt werden. Dabei kommt der Hydraulik eine besondere Bedeutung zu. Die Energie wird von den Grindern aufgebracht, die fast über den gesamten Zeitraum eines Rennens in Aktion sein müssen.

7 Millionen Dollar Baukosten

Die Kosten des Designs eines AC50 sollen im Vergleich zum Vorgänger 50 bis 75 Prozent betragen. Dabei wird der reine Bau des Katamaran mit etwa 5 Millionen Dollar beziffert und der Segelflügel mit etwa 2 Millionen. Da mag man sich wundern, dass es nur fünf Herausforderer gibt. Aber zu den Baukosten kommen eben die Arbeiten an Hydraulik und Elektronik, die zu hohen Entwicklungskosten führen.

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Der erste Experimental-Cupper aus Neuseeland. © Chris Cameron/TNZ

Deshalb hat Ben Ainslie für sein BAR-Team ein Budget von 95 Millionen Euro zusammengestellt. Und von Oracle wie auch Artemis wird erwartet, dass sie erneut darüber liegen werden.

Durch diese Vorgaben der Konkurrenz ist der Einstieg in den Cup-Zirkus also nicht entscheidend einfacher geworden. Die zusätzlich erwarteten Meldungen von weiteren Herausforderern haben sich nicht ergeben. Und so wird sich zeigen müssen, ob die Franzosen in Bermuda auf Augenhöhe segeln können.

Gelingt den Kiwis die Revanche?

Wahrscheinlich ist das nicht. Und das gilt auch für die Neuseeländer, die kaum früher mit ihrer Entwicklung dran sind und gerade erst die ersten Segelstunden mit ihre ersten eigenen AC45 Neubau in Auckland absolviert haben. Nach den bisherigen Gesetzmäßigkeiten des America’s Cups ist es schwer vorstellbar, dass die Kiwis unter diesen Voraussetzungen eine Chance haben, sich für die knappe Niederlage 2013 zu revanchieren.

Aber es scheint so zu sein, dass bei den Rennen in Bermuda die seglerische Komponente eine größere Rolle spielen könnte als bisher. Der Wind ist nicht so stabil wie in San Francisco, Winddreher geben Raum für taktische Varianten, und wenn alle Teams sicher eine Foiling-Wende mit wenig Speed-Verlust beherrschen, dann könnten das die Zutaten für eine spannende Regatta sein, bei der Raum für Überraschungen bleibt. Dafür müssten aber alle Teams über eine ähnliches Geschwindigkeitspotenzial verfügen.

 

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „America’s Cup: Neue Boote für Kiwis und Franzosen – 46 Knoten Speed bei 16 Knoten Wind“

  1. avatar Manfred sagt:

    Glückwunsch an Martin Fischer für eine tolle Karriere!

    Ich sehe ihn “eben noch” auf der Alster mit seinem A-Cat trainieren und war selbst mit einem DIV II (Turbo, von einem anderem, begnadetem HH Designer unterwegs). Kinder, wie die Zeit vergeht. Seit über 30 Jahren AC Fan und immer noch begeistert.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

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