America’s Cup: Neuseeland liegt 2:1 vorne – Wie Outteridge ins Wasser fallen konnte

Mann über Bord

Artemis Steuermann Nathan Outteridge fällt über Bord, und sein Team verliert die Führungsposition. Ein ärgerlicher Fehler, der die Schweden beim America’s Cup Herausforderer-Finale in Rückstand bringt.

Nathan Outteridge bei einem seiner Sprints über das Trampolin. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Es ist die wichtigste Wende in diesem Rennen. Sie kann über Sieg und Niederlage in diesem Rennen entscheiden. Artemis könnte beim Herausforderer-Finale mit 2:1 in Führung gehen. Aber was macht Steuermann Nathan Outteridge? Er fällt über Bord.

Dieser genau 8,47 Meter lange Sprint vom Steuerbord- zum Backbord-Schwimmer ist hunderte Male geübt. Wing-Trimmer Ian Jensen nimmt das Rad, und Outteridge die Beine in die Hand. Die letzten Meter rutscht er mit den Füßen voran über das Trampolin. Wie bei einer Blutgrätsche.

Er ploppt in seine geschützte Steuermulde, übernimmt das eiernde Steuerrad mit den silbernen Drehgriffen für die Höhenkontrolle und versucht das Schiff auf Kurs zu bringen.

Es macht Platsch

Diesmal lässt die Ablösung für Ian Jensen aber auf sich warten. Outteridge rutscht an seiner Luke vorbei. Es macht Platsch, und weg ist er. Geistesgegenwärtig übernimmt Taktiker Ian Percy das Ruder. Er klettert weg von seiner Kurbel nach hinten.

Artemis rast kurz nach dem Start in Luv über das Kiwi-Boot. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Denn die Aufmerksamkeit muss sich nach vorne wenden. Da rasen gerade die Neuseeländer mit Vorfahrt auf das schwedische Schiff zu. Bloß keine Kollision. Und vielleicht ist das Rennen ja doch noch zu gewinnen. Percy versichert sich, dass Outteridge im Wasser wieder auftaucht, und beordert den Grinder Luke Parkinson nach hinten zum Steuer. Der 25-jährige Australier hat immerhin vor zwei Jahren das Volvo Ocean Race mit Abu Dhabi gewonnen. Da sollte er doch auch so einen kleinen Kat bewegen können.

“Eigentlich wollten wir wieder innen an der linken Marke rein”, sagt Ian Percy. Es wäre das Manöver gewesen, mit dem sie den Japanern eine Strafe angehängt hatten. Ob es geklappt hätte? Die spannende Situation bahnt sich an.

Wie konnte das passieren?

Aber ohne Steuermann ist es schwierig. Parkinson steuert hinter den Neuseeländern her, rundet die entgegengesetzte Tonne, aber dann ist auch nichts mehr zu machen. Die Kiwis liegen klar vorne und Artemis lässt das Rennen austrudeln.

Wie konnte das passieren? Outteridge ärgert sich mächtig. “Diese Boote drehen wirklich schnell, und wir sprinten auf die andere Seite. In dem Moment, als ich rüber rannte drehten wir das Schiff gerade, und dadurch bin ich raus gerutscht.”

Glenn Ashby bespricht mit Altmeister Murray Jones – fünfmaliger America’s Cup Sieger – die Strategie für den Rennkurs. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

 
Er weiß, dass am hinteren Ende des Katamarans die G-Kräfte in der Wende besonders groß sind. Im Training sind auch seine Steuer-Kollegen schon vom Schiff gefallen. Auch Burling und Spithill mussten tauchen. Aber im Rennen ist es noch nicht passiert.

Liegt es daran, dass diese AC50 Katamarane immer radikaler durch die Wenden drehen? Das Team New Zealand hat diese Technik vorgemacht, die anderen ziehen nun nach. So geht Artemis ein Punkt verloren.

“Wenn ich nicht ausgerutscht wäre…”

Ob der Sieg allerdings wirklich zum greifen nahe war, ist fraglich. Outteridge behauptet zwar: “Wenn ich nicht ausgerutscht wäre, würde es jetzt 2:1 für uns stehen. Deshalb ist das etwas enttäuschend.” Aber so klar ist das längst nicht.

Denn die Schweden waren in einer schwierigen Position. Sie hatten zwar ganz knapp den Start gewonnen, waren in Luv über die Gegner gerutscht und verteidigten ihre knappe Führung…

Ein geringfügiger Vorsprung am Start und ein Knoten mehr Speed reicht aus für die Führung an der ersten Tonne.

Höherer Speed auf dem ersten Reach bei Artemis.

…Aber dann steckt Artemis kurz vor der Leetor-Rundung den Luvschwimmer klatschend ins Wasser und der Vorsprung ist dahin.

Artemis klatscht vor dem letzten Leetor mit dem Rumpf ins Wasser

So steht die letzte Kreuz auf Messers Schneide. Der erste Cross wird schon haarig. Traut sich Outteridge vor den heranrasenden Kiwis zu passieren? Zweimal gelingt es ihm noch.

Knapper Cross von rechts.

Aber beim letzten Aufeinandertreffen würde er nicht mehr vorbei kommen.

Artemis Vorsprung ist aufgebraucht, aber beide Boote liegen das Luvtor an.

Dann taucht der Steuermann ab. Er hätte den Drei-Längenkreis vom linken Fass noch zuerst erreicht und wäre für die Wende geschützt gewesen. Aber er hätte im Manöver viel Fahrt verloren.

Wo wären die Kiwis ausgekommen? Hätten sie genug Höhe gehabt, um den Gegner mit höherer Geschwindigkeit in Luv zu überholen? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es geklappt hätte. Aber wer weiß? In solch engen Situationen hat Burling bisher nicht immer sicher gewirkt.

Er muss sich zumindest Gedanken machen, dass nun dreimal der Gegner an der ersten Tonne vorne war, also die Starts verloren gingen. Im ersten Rennen fehlten ihm fast fünf Längen zum Gegner.

Start zum ersten Final-Rennen. Neuseeland liegt klar hinten.

Der Wind wehte eher schwach um 8 Knoten, und es schien so, dass Artemis mit den größeren Leichtwind-Foils die bessere Wahl getroffen hat als die Kiwis. Die hatten am Morgen gegen 9 Uhr, wenn sich das Zeitfenster für den letzten möglichen Wechsel schließt, die Medium-Tragflächen angebaut. Das sind die Speed-Profile, die aber offenbar mit etwas längeren Spitzen versehen werden können.

Eigentlich sollte Artemis also schneller sein. Aber dem war nicht so. Die Kiwis kamen immer näher heran waren im Durchschnitt mehr als einen Knoten schneller und schafften das Überholmanöver, als die Schweden eine Deckungswende nicht exakt genug platzierten.

Artemis versucht eine enge Deckungswende, lässt dem Gegner aber zu viel Luft…

…Die Kiwis können noch freien Wind behalten…

…und sich etwas Platz nach Luv verschaffen…

Die Führung ist damit schon verloren. Es macht keinen Unterschied mehr, dass Outteridge noch die Bande berührt, und einen Penalty erhält. Er muss volles Risiko gehen, um nach der Wende vielleicht auch etwas Luft nach Lvu zu bekommen. Aber er hat keine Chance.

Outteridge reißt den Schlag nach links aus, um etwas Luft nach Luv zu bekommen. Der Penalty macht nicht mehr viel aus.

In diesem Rennen ist Artemis einfach schneller. Die Wenden klappen besser, und Burling kann mächtig Druck aufbauen. Das Überholmanöver hätte vielleicht verhindert werden können, aber dann wäre irgendeine andere Attacke erfolgreich gewesen. Man konnte sich schon auf ein langweiliges Finale vorbereiten.

Höherer Durchschnitt-Speed bei den Kiwis

Die rote Linie liegt fast durchgehend über der blauen.

Der Speedverlust in den Wenden ist bei den Kiwis geringer.

Das zweite Rennen verlief vor diesem Hintergrund dann überraschend. Der Wind wehte stärker, und nun sollte Artemis eigentlich noch größere Probleme haben mit seinen langen, schweren Leichtwind-Foils.

Aber wieder gewinnt Outteridge den Start…

Outteridge puscht seinen Gegner von hinten früh zur Linie. 28 Sekunden sind noch eine lange Zeit…

…Burling muss deshalb sogar wenden, um wieder Abstand zur Linie zu bekommen…

…So hat Artemis die starke Leeposition…

…und ist auch früher an der Linie.

…und das reicht schon aus um dieses Rennen zu gewinnen. Denn Artemis ist diesmal anders als nach dem ersten Rennen erwartet absolut gleich schnell. Taktiker Ian Percy verteidigt die Position geschickt mit klassischer Match-Race-Strategie. Die Kiwis bleiben zwar dran, haben aber keine Chance zum Überholen.

Fast gleiche Leistungsdaten im zweiten Rennen.

Die Ausschläge nach unten in den Manövern sind über das ganze Rennen fast gleich.

Dieerste Kreuz zeigt, wie ähnlich sich die Boote bewegen.

Als Fazit dieses ersten Tages bleibt die Erkenntnis, dass sich beide Teams absolut auf Augenhöhe bewegen. Outteridge liefert die besseren Starts ab, und Burling segelt sein Schiff wohl etwas schneller. Diese Kombination hat schon für drei spannende Rennen gesorgt.

Morgen soll wieder ähnlich guter Wind herrschen. Dann könnten die Kiwis den Sack schon mit drei Siegen zumachen um die erforderlichen fünf Punkte zu bekommen. Aber so weit ist es noch lange nicht. Um 19 Uhr geht es weiter im Livestream.

Die Pressekonferenz:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „America’s Cup: Neuseeland liegt 2:1 vorne – Wie Outteridge ins Wasser fallen konnte“

  1. avatar pl_holger.kleinschmidt sagt:

    Sehr gute Berichterstattung und tolle Analyse.
    Insbesondere gefallen mir auch die vielen Bilder und Graphiken zur Illustration gut. Weiter so.
    Hat sich im Bericht zum ersten Rennen (Absatz unter dem Bild mit dem Penalty) ggf. ein Fehler eingeschlichen? In dem Rennen war doch New Zealand das schnellere Boot, oder?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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