America’s Cup: Oracle beginnt Aufholjagd – aber einen Punkt durch Penalties verloren

"Das ist erst der Anfang, mein Freund."

Oracle Team USA hat beim America’s Cup den ersten Sieg eingefahren. Die Amerikaner sind deutlich schneller geworden. Ein Penalty kostet sie den Sieg im ersten Rennen. Es steht 1:4

Endlich den ersten von sechs Starts gewonnen, endlich auf Augenhöhe mit den Kiwis, endlich nach der ersten Kreuz komfortabel mit 12 Sekunden Vorsprung in Führung, und doch passiert es wieder: Die Gegner rasen vorbei.

Burling beim Sprint gegen die Fliehkraft über das Trampolin © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

“Haben wir eine Chance, das Tor zu treffen?” ist von Bord den neuseeländischen Bootes zu hören und dann ein zweifelnder Ton von Steuermann Peter Burling. Aber wie aus dem Nichts weht die perfekte Böe über den Rennkurs, der Kiwi-Foiler steuert 20 Grad tiefer und erwischt tatsächlich die linke Tor-Marke.

Eine Frechheit. Oracle-Taktiker Tom Slingsby hat solide für den vorherrschenden Wind eine sichere Anliegelinie angepeilt und geht davon aus, dass der Gegner noch einmal halsen muss. Aber diese Böe ändert das Spiel vollkommen. Haben die Kiwis beim US-Team das Fünkchen Hoffnung nun endgültig gelöscht? Wie sind sie zu schlagen, wenn jetzt sogar die Windgötter auf ihrer Seite sind? Das sollte nun wirklich das Ende für Oracle sein.

Oracle ist schneller geworden

Aber das ist es noch nicht. Oracle Team USA ist in der fünftägigen Regatta-Pause definitiv schneller geworden. Die Technik-Abteilung hat den Katamaran leichter gemacht und unter anderem den Rad-Grinder-Mechanismus, auf dem Taktiker Slingsby vor dem Wind hinter Spithill kurbelte, von Bord geworfen. Außerdem wurden die Ruder ausgetauscht.

Knapper Vorwind-Cross für Oracle. © ACEA 2017 / Photo Sander van der Borch

Die  Folge ist ein klarer Speed-Zuwachs, allerdings offenbar auf Kosten der Stabilität. Im ersten Rennen fiel der US-Kat spektakulär spritzend von seinen Kufen, als Spithill die entscheidende Halse zum Angriff ausführen wollte. Es gingen hunderte Meter verloren und damit auch das Rennen.

Aber schon in diesem Lauf hatten die Australier auf dem US-Boot gezeigt, dass sie deutlich verbessert aus der Box gekommen sind. Ein dummer Frühstart brachte sie ins Hintertreffen. Spithill führt ihn erneut auf einen Software-Fehler zurück, was ziemlich erstaunlich ist nach fünf Tagen Pause und Möglichkeiten zur Analyse. Schließlich war ihm schon am ersten Wochenende ein solcher unforced-error-Frühstart unterlaufen.

Groupama Team France Coach Bertrand Pacé hielt gegenüber SR schon bei diesem unbedrängten Fauxpas die von Spithill zitierten “falschen Zahlen” auf der Anzeige seines Start-Computers, der ihm die Zeit und Beschleunigung zur Linie anzeigt,  für eine Ausrede.

Dial Down, das Standard Manöver

Aber anders als vermutet kam Oracle trotz frühem Rückstand wieder zurück, schaffte das Überholmanöver und sah sich dann aber den direkt auf ihn zurasenden roten Bugspitzen gegenüber. Dieser sogenannte Dial Down ist zum Standard-Manöver geworden bei diesem America’s Cup.

Dial Down von Neuseeland. Oracle bekommt dafür einen Penalty. © ACEA 2017 / Photo Sander van der Borch

Ziel ist es, dem ausweichpflichtigen Gegner das kontrollierte Abfallen hinter dem Heck – den sogenannten “Duck” – zu erschweren und ihn zu scharfen, bremsenden Kursänderungen zu zwingen. Im Idealfall wird der Kontrahent so überrascht, dass er sogar wenden muss.

Deshalb fällt das Wegerecht-Boot ab, darf aber nur maximal 90 Grad zum Wind herunter drehen (deshalb “Dial Down”) und muss seinen Kurs lange halten, bevor es selber alles tut, um eine Kollision zu vermeiden.

Bei dieser Begegnung sind die Schiedsrichter in ihrer Schaltzentrale an Land offenbar davon überzeugt, dass Spithill nicht ausreichend seinen Kurs geändert hat, um auszuweichen. Das Manöver sah aus wie die vielen anderen, die bisher in Bermuda zu bestaunen waren, aber erstmals blinkte danach die blaue Lampe auf.

Bauchplatscher des US-Kats

Ein wirklich ärgerlicher Moment für Oracle. Spithill hatte mit seinem Team schon das Überholmanöver vollzogen, als die Strafe überraschend ausgesprochen wurde. Eine harte Entscheidung, und sie kostete ihn diesen fünften Punkt in Folge. Zumal danach besagte Bauchplatscher des US-Kats alle weiteren Angriffe im Keim erstickten.

Spihthill springt auf die neue Luvseite. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

So rieben sich viele Cup-Fans verwundert die Augen, als das folgende sechste Rennen  dann wider Erwarten doch noch zum echten Thriller wird. Bei den 10 bis 11 Knoten Wind, die Larry Ellisons Team bisher nicht zu bewältigen waren im Speed-Vergleich mit den Kiwis schlugen sie doch noch einmal zurück.

Die Kiwis rutschen zwar auf dem Vorwindkurs nahezu mühelos in Luv vorbei. Aber diesmal verdanken sie die Wendung der Dinge nicht ihrem vermeintlich überlegenen Boot, sondern dieser schnöden Böe, so wie sie auf allen Segelrevieren dieser Welt vorkommt.

Dramatischer Schlagabtausch

Danach entwickelt sich ein dramatischer Schlagabtausch, bei dem es um das Nutzen von weiteren Böen auf dem Kurs und dem Vermeiden von Löchern geht. Tom Slingsby findet den entscheidenden Beschleuniger in der linken oberen Ecke des Rennkurses.

Oracle Coach Philippe Presti vermittelt seine Erkenntnisse mit erhobenem Zeigefinger. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Mitte der Kreuz baut er eine zusätzliche Wende ein, und Burling verzichtet auf eine enge Deckung. Vielleicht ist er ein wenig zu selbstsicher geworden. Aber ganz plötzlich sind 120 Meter Vorsprung aufgebraucht. Burling muss den bekannten Dial-Down-Move ausführen, so nahe ist das US-Boot wieder herangekommen. Mit je 31 Knoten halten die irren Kat-Piloten aufeinander zu, und Spithill lässt sich diesmal nicht überraschen.

Er minimiert die Ruderbewegung bei seinem Ausweich-Schlenker und passiert das Heck von Burling mit maximalem Speed. Bei der nächsten Annäherung liegt er vorne und kann das gleiche Manöver beim Gegner anbringen.

Big Point für den Sieg

Diesmal ist es aber noch effektiver, da Spithill die Kiwis von der Anliegelinie zur rechten Marke abhalten kann. Im Idealfall verzögert er so sehr, dass sein junger Widersacher noch eine zusätzliche Wende einbauen muss. Es klappt nicht ganz. Allerdings muss Burling so sehr zur Tonne hochquetschen, dass der Speed auf unter 17 Knoten absackt, während Spithill konstant mit 24 Knoten das Rundungsmanöver absolviert. Es ist der Big Point in diesem Rennen, der Oracle den ersten Sieg beschert.

Kann das der Wendepunkt in diesem Duell sein? Ist es der Start einer Aufholjagd wie in San Francisco? Sicher ist, dass Oracle seinen Katamaran tatsächlich schneller gemacht hat. Er ist allerdings nicht so überlegen wie das Vorgänger-Modell 2013. Bei beiden Rennen spielten die Winddrehungen und Böen eine große Rolle. Aber auch die Instabilität des Oracle-Kats im ersten Rennen war nicht zu übersehen.

Slingsby und Spithill bringen ihr Gewicht nach Luv. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Wird das US-Team die Leistung von dem sechsten Rennen bestätigen können? Technisch scheinen Spithill und Co nun auf Augenhöhe agieren zu können. Wenn dann Spithill seine Starts verbessert, mag die Leistung von Tom Slingsby noch mehr in den Fokus rücken.

Seine Entscheidungen im Duell mit Burling mögen den Unterschied ausmachen. Im letzten Rennen dürfte er viel Selbstbewusstsein getankt haben. Und es gibt jetzt wieder viele Oracle Fans, die an die Wiederholung des Comebacks glauben.

Vertrauen in das Werkzeug

“Wir vertrauen jetzt unserem Werkzeug”, sagt Spithill.  Kein Wunder, dass er den Geist von  2013 beschwört. “Das erinnert mich an San Francisco. Wenn die Jungs sehen können, dass das Boot schneller ist, können wir neuen Schwung aufbauen. Ich glaube sogar, dass wir noch mehr Speed im Tank haben.”

Der Kiwi-Wunder-Flügel mit dem Knick. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

 

Dabei hilft es längst nicht mehr, die Neuseeländer zu beobachten. Zu unterschiedlich sind die Herangehensweisen an den Trimm des Bootes. Das wurde auch an diesem dritten Renntag wieder deutlich. Wenn eine Böe einfällt, nimmt Oracle klassische den Druck aus der Segel-Tragfläche, indem Trimmer Langford die Schot öffnet. Die Neuseeländer öffnen dagegen mit ihren Wing-Elementen den Twist. Das ist so, als würde man auf einem konventionellen Kielboot mit dem Achterstag den Mast biegen.

Dieser Desig-Pfad ist genial. Allerdings muss sich nun zeigen, ob er weiterhin dazu führt dem neuerlichen Ansturm des Oracle Teams erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Das Duell ist wieder spannend.

Der nächste Teil folgt Sonntag Abend ab 19 Uhr auf Servus TV. Es steht 4:1. Der Sieg geht an das Team, das zuerst 7 Rennen gewinnt. Zwei Rennen pro Tag sind geplant. Es wird also sicher auch noch am Montag gesegelt.

Wing-Trimmer Glenn Ashby duckt sich hinter den Rad-Grindern. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

“Schön zu sehen, dass sich die Jungs nun etwas wehren”, sagt Peter Burling und erntet Gelächter und empörtes Rumoren in der Pressekonferenz. “Spithill antwortet: “Das ist erst der Anfang, mein Freund.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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10 Kommentare zu „America’s Cup: Oracle beginnt Aufholjagd – aber einen Punkt durch Penalties verloren“

  1. avatar Firstler sagt:

    Tut mir leid, aber ich kann einfach nicht glauben, dass monatelang mit gigantischen Teams an den Booten designed, getestet und gepimpt wurde und man jetzt innerhalb von 5 Tagen mitten im Rennen noch mal eben schnell und völlig überraschend den Kahn substantiell leichter und schneller machen kann.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 3

    • avatar Sailingbeat sagt:

      Ja, kaum zu glauben…

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    • avatar stefan sagt:

      Der Unterschied zwischen minimum Gewicht und Maximum sind 100 kg in der Vermessung. Oracle hatte ihr Boot auf das Maximum ausgelegt um dem Schiff die max. Festigkeit zu geben, zumal die Segelbedingungen in den letzten Wochen sehr unterschiedlich waren.

      Jetzt, wo klar ist, dass die kommenden Tage nur leichte Winde bringen, haben sie Strukturen entfernt, die bei leichten Winden nicht notwendig sind. Das hat in der Summe aber auch nur 100 kg ausgemacht, weil mehr wegen der Vermessung eh nicht geht.

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  2. avatar Jörg sagt:

    Gibt es irgendwo ne Wuelle, die die Foil Designs anhand von Challenger Serie Aufnahmen / Finalserie vergleicht?
    Mir kamen die Oracle Foils extrem lang vor und ev hatten Sie ja Foils verglichen, vorher etliche Versionen auf Lager gelegt und sind mit etwas Risiko (ohne ausführliche Testserie) mit den ‘neuen’ ev den Kiwi ähnlichen Foils gestartet….
    Aber ist DAS plausible, bei DEN Entwicklungsmillionen?

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    • avatar stefan sagt:

      Es sind nur eine geringe Anzahl verschiedener Foils erlaubt. Es kann sich also niemand “etliche Versionen auf Lager” legen.

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  3. avatar Jörg sagt:

    Ich vermute Spithill will auf 1:8 warten und sein Plan ist die Wiederholung von 2013…

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  4. avatar Tom sagt:

    Einfach ähnliche oder die gleichen foils wie die Kiwis nehmen wird Oracle nichts nützen. Die Kiwis können die schnelleren schmälern foils nur benutzen weil sie Wegen der fahradgrinder mehr Energie zum verstellen zur Verfügung haben. Die schmalen foils müssen viel häufiger verstellt werden als die breiteren von Oracle.

    Außerdem werden die foils bei Oracle vom Steuermann bedient. Bei den Kiwis kann der foil trimmer sich voll auf die foils konzentrieren. Sprich Einfach foils nachbauen bringt wegen der grundlegenden Unterschiede der Boote nichts. Und die kurze Zeit reicht sicher nicht für einen komplettumbau des Bootes. Außerdem bleiben noch die unterschiede bei den segeln.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  5. avatar Backe sagt:

    #MakeAmericaSmallAgainMrTrump

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