America’s Cup: Warum die Neuseeländer gekentert sind – Besondere Aufgabenteilung an Bord

Gründe für den Stecker

Am wegen Starkwind ausgefallenen Tag beim America’s Cup wird immer noch die Kenterung vom Team New Zealand diskutiert. Was war wirklich der Grund? Es gibt neue Erklärungen.

Team New Zealand

Links der verwaiste Arbeitsplatz von Blair Tuke mit Bildschirm und Unterarm Aufnahmen. © ACEA 2017 / Photo Ricardo Pinto

Andy Claughton, britischer Technologie-Chef vom Land Rover BAR Team, hat einen Teil der internen Analyse zum gegnerischen Team New Zealand-Überschlag preis gegeben. Er glaubt, dass eine technische Besonderheit bei der Job-Verteilung an Bord des Kiwi-Katamarans verantwortlich war.

Der Brite, der 2000 und 2007 maßgeblich in die America’s Cup Designs der Neuseeländer eingebunden war, sagt gegenüber Yachting World, dass vermutlich Blair Tuke, der hinterste “Radfahrer”, die entscheidende Rolle spielte.

Tuke segelt seit acht Jahren zusammen mit Peter Burling 49er, schaffte mit ihm die unglaubliche Serie von 22 ungeschlagenen Rennen in vier Jahren und ist mindestens genauso genial wie sein Steuermann. Das zeigte er schon mit dem WM-Titel in der Einhand-Jugendklasse Splash und 2014, als er bei der A-Cat-WM 2014 Silber vor seinem Steuermann holte. 

Tuke für Höhenkrontrolle zuständig

Ihm hat die neuseeländische Technik-Abteilung die Einstellung der Tragflächen übertragen. Während auf den konkurrierenden Booten der Steuermann die Flughöhe mit Grip-Shift-Schaltungen am Steuerrad kontrollieren, haben die Kiwis diese Jobs getrennt. Tuke ist quasi für das Höhenleitwerk zuständig.

Claughton glaubt, dass diese Aufgabenteilung bei der Kenterung eine Rolle gespielt hat. Als Burling abfallen wollte, war die Tragfläche in Lee zu stark angestellt. Das Schiff hob sich weit in die Luft, verlor den Kontakt zum Wasser und stürzte aus großer Höhe mit den Bugspitzen nach vorne ab.

kenterung Team New Zealand

Der Moment des Überschlags. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Der Rumpf wollte sich durch die plötzliche Reibung im Wasser nur noch mit etwa 15 Knoten vorwärts bewegen, der Masttopp allerdings mit gut 38 Knoten. Diese Hebelwirkung erzeugte den Impuls nach vorne. Ein Bedienungsfehler von Tuke oder ein Kommunikationsproblem zwischen ihm und Burling mögen zur Schieflage geführt haben.

Neuseeland, Kenterung

Die Ruder-Foils heben sich aus dem Wasser und können die Hecks nicht merh im Wasser halten. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Normalerweise wirken die Ruder diesem “Stecker” entgegen. Die T-Foils werden so angestellt, dass sie wie ein Spoiler beim Formel 1 Wagen wirken. Sie drücken das Heck ins Wasser. Durch die große Flughöhe und etwas Leekrängung kam das Luvruder aber aus dem Wasser. So konnten die Bugspitzen noch weiter abtauchen.

Ainslie baut Druck im Vorstart auf

Eingeleitet wurden die Probleme aber vom gegnerischen Boot. Ben Ainslie machte einen perfekten Job, indem er seine Leeposition ausnutzte, um Burling möglichst weit rechts an der Startlinie vorbei zu schieben. Je weiter er den Kiwi nach Luv schob, umso radikaler musste er danach abfallen.

Ainslies Luvmanöver…

…Die Neuseeländer werden von der Startlinie abgedrängt und müssen deshalb später vor der Kenterung so scharf abfallen.

Allerdings sagt Burling auch an einer Stelle, dass er geglaubt habe, noch einen Penalty ausführen zu müssen, also ohnehin zwei Längen warten musste. Er war als die erlaubten 2:10 Minuten vor dem Start in Vorbereitungsszone eingetaucht. Aber Ainslie widerfuhr das gleiche Schicksal und beide Penaltys hoben sich schließlich auf. Burling mag das nicht mitbekommen haben, aber trotzdem geriet er durch das Luvmanöver mehr in Bedrängnis, als es ihm lieb gewesen ist.

Ainslie brach das Manöver ab, als er selber in Gefahr geriet, nicht mehr kontrolliert Fahrt aufnehmen zu können. Und besonders hübsch sahen auch die Briten beim Abfallen nicht aus. Sie versuchten das kritische Manöver, das jeweils auch an der Luvtonne ausgeführt werden muss, möglichst gefahrlos hinter sich zu bringen und hievten sich gar nicht erst auf die Foils.

Radikale Kiwi-Wenden

Claughton bringt durch seine Aussagen mehr Licht in die Aufgabenteilung der Kiwis. Sie mag auch den positiven Effekt haben, dass ihr Boot bei den Manövern bisher so stabil aussah. So werfen sie ihren Katamaran so radikal in die Wenden wie kein anderes Team.

Das führt aber auch dazu, dass Tuke tatsächlich kaum taktische Aufgaben erfüllen kann, wenn er so intensiv mit der Höhenkontrolle beschäftigt ist. Da ist Burling mehr auf sich alleine gestellt als die Gegner, die jeweils von einem nominellen Taktiker mit Informationen versorgt werden, der auch Entscheidungen trifft.

Burling und Tuke haben da offenbar eher die Aufgabenteilung aus dem 49er übernommen, wo der Steuermann deutlich weniger körperlich arbeitet als der Vorschoter und auch taktisch den Überblick hat. Im Duell mit Ainslie und Taktiker Scott mag das zu Nachteilen gerade bei engen Match-Race-Entscheidungen führen. Und Oracle Coach Philippe Presti geht davon aus, dass zu 80 Prozent der Start über den Rennausgang entscheidet.

Kann Neuseeland den Vorsprung halten?

Bisher hat aber ein kleiner technischer Vorsprung ausgereicht, um den Kiwis Rennsiege auch aus der Überholer-Position zu bescheren. Es muss sich zeigen, ob die Karten nach dem einen Tag Rennpause neu gemischt sind. Der Break hat ihnen sicher geholfen, das Schiff wieder zusammen zu flicken und Teamchef Grant Dalton ist froh, weil das Team gestern auf der 10 Punkte Performance Skala nach den Schäden nur eine 7,5 erreicht hätte, es heute aber sicher wieder bei 9,8 sei.

Allerdings dürften auch die Briten nicht untätig gewesen sein. Sie haben ohnehin technisch in den vergangenen Wochen den größten Sprung gemacht. Wird es aber ausreichen, um den 1:3 Rückstand noch aufzuholen?

Heute sollte eine Entscheidung fallen. Denn je drei Duelle in beiden Paarungen sind geplant. Der Wind soll wieder das obere Limit erreichen, aber längst nicht so stark wehen wie an den vergangenen beiden Tagen. Servus TV überträgt wieder live ab 19 Uhr.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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3 Kommentare zu „America’s Cup: Warum die Neuseeländer gekentert sind – Besondere Aufgabenteilung an Bord“

  1. avatar Backe sagt:

    Gibts einen Mono-Kanal bei Servus?

    Der Co-Kommentator von Steinacher ist eine totale Oberflachpfeife. Der weiß gar nicht was er da schwafelt!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

    • avatar E2nO sagt:

      Dazu habe ich für mich die Lösung gefunden, das Rennen im Virtual Eye in der Americas App auf dem Smartphone (*) mit (englischem) Kommentar laufen zu lassen (ist zumindest für den LVAC bis jetzt noch kostenfrei) und die ServusTV Übertragung stumm zu schalten (was nicht ganz offensichtlich ist, wie das geht, aber “rechte Maustaste” lieferte mir dann den Punkt “mute” – und dann war’s einfach 🙂 ) .

      (* Am Anfang (Qualifiers) lief das Virtual Eye auch noch über die America’s Cup Webseite bei mir parallel auf dem zweiten Monitor, aber irgendwann hat das Virtual Eye für den PC bei mir komplett aufgehört zu funktionieren – daher dann der “Umstieg” auf die App.)

      Gruß Enno

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      • avatar Backe sagt:

        Ich hatte bisher alles auf http://live.robinwidget.org/ gesehen … aber die hatten gestern leider keinen Ton. Sicher ein Streaming-Problem, aber doof.

        Was mir bei Steinacher gefällt ist, dass er ein paar mehr Hintergrund- und technische Infos bietet, z.B. über die Hydraulik-Systeme … Aber der Bonus wird leider von dem in Sachen Segeln bzw. Matchrace leider überhaupt nicht bewanderten, aber umso redseligeren Mit-Kommentator mehr als eleminiert.

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