America’s Cup Neapel: Bruch und Überschlag bei Italien-Premiere

Außer Kontrolle

In der America’s Cup Zentrale hatten sich die Organisatoren lange Zeit Gedanken gemacht, wie man es schaffen könnte, die erste Auflage der World Series im notorisch flauen Neapel nicht langweilig aussehen zu lassen. Man erfand extra einen Flügelaufsatz, um die Segelfläche zu vergrößern.

Terry Hutchinson wirft vor Neapel seinen Artemis Kat um. © Carlo Borlenghi / Luna Rossa

 

 

 

Aber diese Teile konnten beim Auftakt der AC45 Serie in Neapel getrost wieder vom Topp abgeschraubt werden. Denn es wehte mit bis zu 23 Knoten und eine massive Welle rollte auf die Küste der italienischen Hafenstadt zu.

Solche Bedingungen sind laut Statistik auf dem Revier nur mit einer sieben prozentigen Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Deshalb waren die Teams offenbar nicht besonders gut darauf vorbereitet. Häufig gerieten die Multihulls außer Kontrolle. Andererseits sind das genau die Voraussetzungen, mit denen die Crews in San Francisco zurecht kommen müssen.

Zweimal rasten die Katamarane über den Parcours, und nur selten sah es aus wie eine Regatta. Zu groß waren die Abstände auf der Bahn, zu selten kamen sich die Teams ins Gehege.

Es ging mehr um den archaischen Überlebenskampf auf See. Faszinierend, wie die Crews auf den Geschossen um Kontrolle kämpften. Erstaunlich, dass sie sich überhaupt in die Welle trauten. Unglaublich, dass nicht mehr passierte.

Als spektakulärer Abflieger musste sich nur Terry Hutchinson vom Artemis Team trösten lassen. Er lag sicher auf Platz zwei, verpasste dann die Anliegelinie zur Luvtonne, verpatzte die Wende, ließ Energy durch und versuchte übervorsichtig das Abfallmanöver bei Extrembedingungen. Es ging in die Hose.

Team New Zealand Coach Rod Davis sagt: “Es war fast sicherer zu puschen als zu versuchen konservativ zu segeln.” Er musste sich allerdings Gedanken über den Speed seiner Schützlinge machen. Im ersten Rennen war Dean Barker besonders am Wind extrem langsam. Dazu trieben sie Minuten lang nach einer Wende auf der zweiten Kreuz rückwärts und fielen auf Rang neun zurück. Erst nach einigen haarigen Vorwind-Ritten verholten sie sich wieder auf Rang drei.

“Nach Änderungen beim Setup war es im zweiten Rennen mit dem Speed besser”, sagt Davis. Aber dennoch mussten sie sich am Wind wie Schulbuben von Spithill überlaufen lassen. Der verpatzte dann allerdings seinerseits eine Wende rutschte auf Rang zwei zurück und ließ mit unkontrollierter Defensiv Taktik auf den letzten Vorwind-Metern auch noch Korea passieren.

Aber sein Zweikampf mit den Kiwis zweiten Rennen war das Beste, was der Segelsport zu bieten hat. Packende Bilder der hart ausreitenden Crews auf ihren bockenden Kats. So muss Segeln im Fernsehen aussehen. Die alten Cupper wären bei solchem Sturm auseinander gebrochen.

Zwar war das Leistungsgefälle extrem, auch weil die beiden neuen Luna Rossa Teams schlechter als erhofft segelten. Und es ist nach wie vor nicht schön, den Hochgeschwindigkeits-Maschinen bei den Zeitlupenwenden inklusive rückwärts Treiberei zuzusehen. Aber die Urgewalt der Elemente verbunden mit großem Fehlerpotenzial und der ständiger Kentergefahr sorgte für permanente Spannung.

Viel mehr geht allerdings nicht. Im zweiten Rennen fehlten schon drei Kats an der Startlinie und schließlich gingen nur fünf von neun ins Ziel. Artemis hatte sich den Flügel nach der Kenterung zerstört, China stieg mit kleineren Wing-Problemen aus und Bundock (Oracle) befürchtete einen Rumpfschaden nach einem harten Aufprall in ein  Wellental.

Das Limit scheint erreicht. Aber wie soll das erst mit 72 Fuß Katamaranen werden?

Um 14 Uhr werden die Live-Übertragungen aus Neapel fortgesetzt.

Ergebnisse

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Carsten Kemmling

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9 Kommentare zu „America’s Cup Neapel: Bruch und Überschlag bei Italien-Premiere“

  1. avatar Christian sagt:

    Zum Saisonaftakt ging es ganz schön zu Sache. Bemerkenswert ist, wie Neuling Nathan Outterridge sein Team Korea ins Spiel brachte. Was kann der Mann eigentlich nicht in Sachen Schnellsegeln?

    Das mit den langsamen und riskokreichen Wenden finde ich nicht schlimm. Erstens relativieren sie die großen Abstände zwischen den Booten. Zweitens kann man schön mitfiebern, ob die Teams die Wende einigermaßen verlustfrei hinkriegen oder ob sie desaströs wird…

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    • avatar uli_s sagt:

      Wenn ich mit die Artemis-Crew anschaue, frage ich mich was die Jungs eigentlich für Klamotten tragen?

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  2. avatar Ballbreaker sagt:

    Ich bin relativ offen in den “neuen” AC gegangen, bin aber mittlerweile ziemlich enttäuscht. Hätte heute lieber tolle Manöver in den Monos vom 32. AC 2007 gesehen.

    2007 war meiner Meinung nach das beste AC- bzw Louis-Vuitton Format was wir bis dahin hatten. 12 Herausforderer, spannende Manöver, taktisches Segeln, Fleet- und Matchracing auf höchstem Niveau.

    Jetzt, spektakuläre, da nasse Bilder, Manöver werden eigentlich nur gezeigt wenn was passiert, und ja, schnell ist es, wenn es mal in eine Richtung geht. Naja, schade……..

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 21 Daumen runter 8

    • avatar Uwe (Finn) sagt:

      Ganz meine Meinung. Je schneller die Boote, desto unattraktiver wird es für den fachkundigen Zuschauer. Es geht nur noch darum, die Luvtonne mit möglichst wenig Wendemanövern zu erreichen, da diese viel Zeit kosten.
      Das aufgeregte Rumhopsen auf dem Trampolin reicht nicht, um ein Regattafeeling aufkommen zu lassen. Man fühlt sich stattdessen an ein Flottillensegeln erinnert.

      Boots-Technik: Können die Flügelsegel eigentlich wie ein Segel geborgen werden ? Dem Zuschauer bringen die Flügelsegel rein gar nichts, treiben aber die Kosten unnötig in die Höhe.

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      • avatar Christian sagt:

        Uwe, dann müsste die AC World Series für dich aber attraktiv sein…

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  3. avatar Holger sagt:

    49er Nathan kanns einfach ! der wird sicher seinen Spaß gehabt haben
    @Carsten Nathan ist nächste Woche Dienstag hier und holt seinen 49er ab
    deine Chance für Interview bevor er wieder weg ist nach Hyeres

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