Ultim-Trimaran: 100-Fuß-Foiler “Banque Populaire” für Armel Le Cleac’h zu Wasser gelassen

Großes Segel-Kino

Dass „Banque Populaire IX“ fünf wichtige Erfahrungsmonate hinter dem Erzrivalen „Gitana“ hinterherhinkt, interessierte heute nur die „bösen Zungen“. Armel Le Cleac’h freut sich über sein neues Hochsee-Spielzeug.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – manchmal sogar eines von der ignoranten Sorte. Zu Beginn dieses Sommers gab es Jubel, Applaus und entzückte Schreie, als der Ultim Trimaran Gitana/Baron de Rothschild zu Wasser gelassen wurde. Ein „fliegendes“ Monster auf drei Rümpfen: Welch ein Anblick, was für eine Aufregung, was für ein faszinierendes Stück Segeltechnik! 

Heute wurde im bretonischen Lorient Gitanas Pendant, der Ultim Trimaran  “Banque Populaire“ zu Wasser gelassen. Auf 32 Metern Länge und 23 Metern Breite geballte Power, pure Ästhetik, eben ein optisches wie technisches Meisterwerk. Und natürlich standen auch hier Hunderte Zuschauer Spalier, es gab „Ahs“ und „Ohs“ und aus den Reihen der (finanzierenden) Volksbänker (Banque Populaire = französische Volksbank) war sogar für ein paar Sekunden zaghafter Applaus zu hören. Dennoch machten „en gros“ eher Sprüche wie „Was, noch so einer?“ oder „guck an, ein Trimaran!“ und „Bof, schon wieder so ein fliegendes Monster!“ die Runde. 

“Nur” Zweiter?

Vielleicht gilt das letztendlich aber für alle, die „nur“ als Zweite ankommen oder wie in diesem Fall, „erst“ als Zweite mit ihrem Projekt fertig geworden sind. Der Überraschungseffekt ist weg, die „surprise“ haben andere bereitet.… Was danach kommt, wird als kalter Kaffee, buchstäblich sekundär, also zweitrangig bezeichnet. 

Banque Populaire

Der nächster Foiler Tri “Banque Populaire”. © BP

Doch natürlich IST dem NICHT so. Denn dass die beiden Trimarane sich äußerlich und technisch so sehr ähneln, ist vor allem einem geschuldet: Sie sind nach dem neuesten Stand der Technik gebaut worden. Dass Banque Populaire letztendlich seinen Trimaran ein paar Wochen später zu Wasser gelassen hat als Konkurrent Gitana, soll schließlich einer sorgfältigeren und besseren Verarbeitung des Materials geschuldet sein. Und damit so ein geschätzt 15-20 Millionen Euro teures Segelrennschiffchen auch tatsächlich unter allen Bedingungen „hält“,was es verspricht… dafür ist man doch gerne „nur“ Zweiter beim Rennen um die Erstwasserung, nicht wahr? 

Doch ist dem wirklich so? Nicht nur böse Zungen in der französischen Hochseeszene sind mittlerweile davon überzeugt, dass die immer wieder verschobene Wasserung der Banque Populaire eigentlich nur mit den „Flug/Foil“-Erfolgen der „Gitana“ zu tun haben kann. Es wird gemunkelt, dass an Banque Populaire mitunter gravierende Änderungen bzw. Umbauten an und für die „Flugtechnik“ gegeben hat, die immer dann zum Einsatz kamen, wenn Gitana draußen vor den Toren von Lorient wieder mal erfolgreiche „Kurz- und Mittelstreckenflüge“ absolviert hatte. 

Großes Segel-Kino

Doch wie gesagt, das sind alles nur Gerüchte und Unterstellungen. Auffallend ist jedoch, dass eines der besten und innovativsten Teams der Hochseeregatta-Szene, die Wasserung ihrer „Banque Populaire IX“ vier Mal verschoben hat. Und das nicht etwa, weil irgendwelche Zulieferteile fehlten oder unpünktlich geliefert wurden – so entstand etwa der Hauptrumpf der Banque Populaire in England und wurde auf dem Landwege in die südliche Bretagne gebracht –  sondern ohne konkrete Begründung. 

Dass nun Gitana/Baron de Rothschild an der Transat Jacques Vabre teilnehmen wird und dabei (mit sicherlich angezogener, nur manchmal vorsichtig geöffneter Handbremse) von einer Foil-Strecke zur nächsten alles austesten wird, was nur irgendwie geht, dürfte dem Gitana-Team einen fetten Vorsprung gegenüber den „foilenden Volksbänklern“ einbringen. Vorausgesetzt, sie kommen in einem Stück und wohlbehalten auf der anderen Seite des Atlantiks an. 

Banque Populaire

Unspektakuläre Feierstunde für den neuen Maxi-Tri. © BP

Und dennoch: Was heute in Lorient im Fischereihafen mit der Wasserung der “Banque Populaire” geboten wurde, war großes Segelkino!

Allein als das Ungetüm am Haken hing und langsam, passgenau in die Dock-Box hinab gelassen wurde… atemberaubend! Als die „Banque Pop“ (wie alle Volksbank-Boote seit jeher von den Franzosen liebevoll genannt werden) dann im Becken lag, war schnell klar, warum allein dieses Manöver Hochachtung verdiente: Links und rechts passte kaum noch ein Handtuch zwischen Kaimauer und Ausleger. 

Präzisionsarbeiten

Oder als der Mast gestellt wurde. Da werden 38 Meter Karbonmast auf eine Stahlkugel hinab gelassen, die gerade mal die Größe eines Fußballs hat. Kein Anpassen, kein Nachsetzen… Drauf die Palme, noch ein paar beindicke Dyneema-Wanten, ein beeindruckend dünnes Vorstag dicht geholt, befestigt und fertig! Überhaupt war faszinierend, mit welcher Präzision die Shorecrew aus Bootsmännern und Technikern ihre Aufgaben bewältigte. Als würden sie jede Woche so ein Wunderwerk der Segeltechnik zu Wasser lassen, saß jeder Handgriff, gab es nur wenige Zwischenrufe vom Kapo und sowieso wurde viel gelacht. 

Ein ganz offensichtlich erlösendes Lachen. Denn nach mehr als 100.000 Arbeitsstunden allein in der Produktion/Konstruktion und mehr als 40.000 weiteren Stunden im Design, in der Segelmacherei, bei der Elektrik etc. fanden die meisten Beteiligten, dass nun auch „mal genug sei“. Diese ewigen Anschuldigungen, man würde ja sowieso nur bei Gitana nachbasteln, gingen zudem vielen gehörig auf den Zeiger. 

Banque Populaire

Der neue Einhand-Racer. Unglaublich, dass ein Mensch damit alleine segeln soll. © BP

Zwischen alledem ein lächelnder, ziemlich zufrieden dreinschauender Armel le Cleac’h, der ab sofort als Skipper auf dem „Banque Pop-Trimaran“ unterwegs sein wird. Wo anderen vielleicht etwas mulmig zumute wäre – schon allein der Gedanke, dass so ein Ungetüm von einem Einzelnen gebändigt werden soll, verursacht Kopfschütteln — ist BP-Skip und Vendée Globe-Sieger Armel ziemlich locker und gelassen in typischer PR-Manier unterwegs. Wo Sebastien Josse vor Monaten knochentrocken Interviews gab, schüttelt Le Cleac’h diesmal viele Hände, lässt sich mit Zurufen feiern, holt Kinder aufs Trampolin, posiert für die Fotografen und reißt noch ein paar Witze mit Kumpeln, die sich das Schauspiel von der Kaimauer aus anschauen. 

Wie ein Ei dem anderen?

Technisch betrachtet ähneln sich Banque Pop und Gitana tatsächlich wie ein Ei dem anderen. Ob das nun wirklich mit der angeblichen Spioniererei zu tun hat, sei aber dahin gestellt. Denn die Skipper beider Boote sollen und wollen nun mal auf dem höchsten technischen Niveau nach heutigem Wissenstand unterwegs sein, wie das Armel Le Cleac’h gegenüber der anwesenden Presse heute formulierte. Und das bedeutet: Vor allem der mittlere, größte Rumpf des Trimarans muss angehoben werden, damit ein vollständiger Foil-Effekt sicher auch bei hohen Geschwindigkeiten abgerufen werden kann. Das geschieht mit einem zentralen Schwert in T-Form.

Bei der seitlichen Foiltechnik will man sich diverser Formen bedienen können, doch höchstwahrscheinlich werde auf langer Sicht die L-Form zum Einsatz kommen. Auch die Ruder sind ähnlich gehalten wie bei Gitana: man braucht eben für unterschiedliche Einsatzbereiche der Foils auch unterschiedliche Ruder-Höhen. Es sei irre, wieviel Druck letztendlich auch auf den Rudern lastet, wenn so ein 33-Meter-Monster zwei Meter über der Wasseroberfläche scheinbar schwebt, sagte Le Cleac’h kürzlich in einer Pressekonferenz. 

Wie auch immer, Armel Le Cleac’h dürfte heute einer der zufriedensten Menschen in Frankreich gewesen sein. Seit dem Ende der letzten Route du Rhum, also sei 2014, ist das Projekt aus dem Hirngespinst-Stadium heraus getreten. Seit mehr als zwei Jahren wird bereits planerisch an der „Banque Pop“ gearbeitet, mehr als 20 Monate reine Arbeitszeit waren vonnöten, um diesen Trimaran zu bauen. 

Und Armel le Cleac’h schaut nun über sein Schiff wie ein kleiner Schuljunge der weiß, dass nun nach dem ganzen Hausaufgaben-Mist endlich gespielt werden darf. Ob Fußball oder segeln… ist ja eigentlich völlig egal. Hauptsache, es geht endlich los! 

Technische Daten Banque Populaire IX: 

Länge: 32 m 

Breite: 23 m

Verdrängung: 15 t

Masthöhe: 38 m

Materialien: Karbon, Kevlar, Normex

Segelfläche am Wind: 610 qm

Segelfläche raumschots: 890 qm

Designer: VPLP

Foils: Martin Fischer

Werft: CDK Technologie Lorient

Bau der Foils: C3 Tech

Mittelrumpf: Green Marine, Großbritannien

Segel: North Sails

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Ultim-Trimaran: 100-Fuß-Foiler “Banque Populaire” für Armel Le Cleac’h zu Wasser gelassen“

  1. avatar Florian K. sagt:

    Schøner Bericht.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  2. avatar Axel Strauss sagt:

    Miku…die Wangen sind nicht aus Dyneema sondern solid carbon von Carbo-Link.
    So wie auf Gitana 17 und Macif 100.
    Dyneema wäre zu dick…

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 2

  3. avatar oh nass is sagt:

    Ich glaube, ich brauche meine Kieler Volksbank gar nicht erst zu fragen, ob sie mir so ein Ding hinstellen.und das hat wohl noch gar nichts mit meinem seglerischen Unvermögen zu tun… 🙂 WAS für eine Waffe. Allein dieser Traveller. Mann! Und dann finde mal einen Liegeplatz für das Gerät z.B. in Lyø. Ach so, passt ja nicht mal durch die Einfahrt…

    Was auch mittlerweile sehr cool ist: Diese Drohnenaufnahmen. Wo man vor ein paar Jahren mal aufwändig ein Kamerateam am Kran hätte hochziehen müssen – heute: Drohne hoch und *zack* – beste Bilder. Wahnsinn.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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