Barcolana: Bericht aus der Mitte der Masse

From Hero to Zero

Gemeinsam dümpeln – mitten unter 1.800 Konkurrenten © Barcolana

Gemeinsam dümpeln – mitten unter 1.800 Konkurrenten © Barcolana

Heiko Godel und Crew dümpelten auf einer 20 Jahre jungen JOD 35 mitten im Getümmel der 1800 Yachten. Ihr Erlebnisbericht.

Nach ziemlichem Gehetze für letzte Reparaturen, Einkranen, Um- und Ausräumaktionen und 28 nm Überführung von San Giorgio di Nogaro nach Triest sind wir endlich in der Mitte des Geschehens. Konzerte (waren schon mal besser), Buden, Bars und Tausende Schaulustige machen die ganze Stadt zur Partyzone.

Die Regattaorganisatoren haben sich bei der Sponsorenfindung diesmal selbst übertroffen: Im Goodie Bag, das jede Yacht erhält, findet sich neben dem üblichen Werbekram allerlei Brauch- oder zumindest Verzehrbares: neben Slam Tasche und Polo, Prosecco, Marmeladen, Pasta und Minzbonbons sogar eine Espressomaschine von Illy für die ersten 1800(!) registrierten Yachten. Das wandert natürlich alles direkt zu den Schwerwettersegeln ins Auto.

Nächtliche Partystimmung © Ulfs Handy

Nächtliche Partystimmung © Ulfs Handy

Pimp my Ride

Es ist leichter Wind angesagt,  bis zu maximal 7 kts am Samstag zum Training und mickerige 4 kts am Rennsonntag.

Die großen Segel dürfen raus: Fathead Main, Topspi und (in Ermangelung eines echten Code 0) unsere alte 200% Genua.

Es wird open Class gesegelt – wer innerhalb der Klasse als Erster übers Ziel geht gewinnt. „Pimp my Ride“ heißt die Devise. Alles ist erlaubt die Möhre schneller zu machen, Vermessungsbetrüger gibt’s hier nicht…

Das Training läuft trotz reduzierter Crew vielversprechend, ein paar Asy-Wraps bei Halsen mit Spibaum bis wir uns auf die 5er Crew eingestellt haben und ein paar verkackte Wenden mit dem Riesenvorsegel welches über die Spischoten gefahren und gebarbert werden muss und wirklich überall hängen bleibt. Die 7 kts treten ein, und das alles bei schönstem Sonnenschein.

So, und jetzt dann freisegeln… © barcolana

So, und jetzt dann freisegeln… © barcolana

Über die Startlinie… motoren?

Flau ist’s hingegen am Sonntag. Kein Lüftchen regt sich. Dennoch haben sich über 1800 Boote an die 1,8 nm lange Startlinie gewagt um den 13 sm langen Kurs anzugehen.

Mitten drin unsere 20 Jahre alte JOD 35 „Wild at Hear“t, bis aufs letzte ausgeräumt und mit Julia, Kilian, Guggi, Ulf und Heiko ebenfalls auf Leichtwind eingestellt.

Wir haben uns die rechte Seite der Startlinie ausgesucht um gleich aus dem Windloch, das die Riesenflotte selbst bildet, wegzukommen und früh freien Wind zu haben. War das richtig?

Immerhin ist Boa 1 – die erste Wendemarke – von hier 4 Kabellängen weiter entfernt als aus der Mitte der Startlinie und außerdem ist hier außer der IACC Moro di Venezia kaum Prominenz vertreten.

„Esimit Europa 2“ mit Jochen Schümann startet aus der Mitte – kann sie sich auch erlauben mit Ihrem 45m Mast, der alles andere überragt. Zweifel über Zweifel bezüglich unserer Seite aber es ist Südwind angesagt und wir wollen uns den Winkel zur ersten Tonne schön spitz halten.

… und nach dem Start schön spitz halten © barcolana

… und nach dem Start schön spitz halten © barcolana

Los geht’s… sagt zumindest das Startsignal um Punkt 10:00 Uhr, ansonsten ist eher wenig Dynamik im Feld zu verspüren. Außer für eine ordentliche Anzahl (der vornehmlich italienischen) Teilnehmer, für die es traditionell unter Maschine losgeht. „Man werde sich ja wohl noch in freien Wind fahren dürfen oder Ihr könnt doch selbst Eure Maschine benutzen“ ist auf unsere Protestrufe zu hören…

Erstmal (fast) alles richtig

Aus Angst vor der mitlaufenden Strömung starte ich hasenfüßig aus der zweiten Reihe während sich die Konkurrenz mit Maschine auf Position hält – das ist teuer! Nach einer gefühlten Ewigkeit sind wir frei von allen anderen Booten und bewegen uns in Richtung Boa 1. Zumindest bleiben diesmal die Fender zum Abwehren wild gewordener Maschinisten im Cockpit.

Auch wenn es scheint, dass die Fahrt durchs Wasser gleich Null ist, machen wir irgendetwas richtiger als die anderen. Schon bald sind wir weit voraus, vorbei an einer VOR60 und in Steinwurfweite der IACC. Die linke Seite des Starterfeldes ist komplett stehengeblieben und wir befinden uns in Gesellschaft einer RC44 und einer modifizierten ILC40.

Vom angesagten Südwind ist bisher nichts zu spüren und so langsam wächst in uns die Erkenntnis, dass dieser auch nicht die einsetzende Seebrise unter Land verdrängen wird. Die Enttäuschung ist groß als die linke Hälfte der Flotte sich unter Land anfängt zu bewegen und mit spitzem Winkel in Richtung erster Tonne, die nun in Ermangelung von ausreichend Wind gleichzeitig das Ziel bildet, unterwegs ist.

Massenspektakel, im wahrsten Sinne des Wortes © barcolana

Massenspektakel, im wahrsten Sinne des Wortes © barcolana

170 Boote vor der Nase durch

„Esimit“ rettet einen recht knappen Vorsprung vor der RC44 „Illyteca“ und der Drittplatzierten Maxi Jena ins Ziel und gewinnt die 46. Barcolana.

Wir müssen nachsitzen und hadern bei dem leichten Windhauch mit dem VMG ins Ziel während unter Land die Spinnaker bei gutem Windeinfallswinkel stehen und einer nach dem anderen vor uns einläuft wobei wir überflüssigerweise auch noch zwei Halsen basteln müssen um anliegen zu können. Es sind wohl an die 170 Boote die uns vor der Nase noch durch die Lappen gehen und statt einer respektablen top50 Platzierung reihen wir uns schlussendlich um 13:55 Uhr im Feld der bedeutungslosen Finisher ein und werden vermutlich 207. Overall und 13. in der Classe 3 – unsere Platzierung findet sich leider nicht im Internet, wir waren wohl verdeckt von der großen Menge gleichzeitig einlaufender Boote und müssen auf die Auswertung der von jedem Boot zu sendenden Race Declarations warten.

"wild at heart" kann auch anders © sailcon

“wild at heart” kann auch anders © sailcon

Wie eng es bei so vielen Teilnehmern zugeht zeigen die Platzierungen der eben noch knapp in unserem Lee liegenden RC44, die 39. wird, die ILC40, die als 168. ins Ziel geht und der IACC Moro di Venezia als 179.

Zumindest das Klassenziel wird erreicht – wir setzen uns gegen alle sechs teilnehmenden Schwesterschiffe durch und gewinnen damit den nicht nominierten One Design Preis…

Autor: Heiko Godel, sailcon

 

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2 Kommentare zu „Barcolana: Bericht aus der Mitte der Masse“

  1. avatar x-claim sagt:

    Das es bei 1800 Teilnehmern auf einem nur 18sm langem Kurs im Ziel eng wird finde ich wenig überraschend. Aber was um Himmelswillen meinst der Author mit Pimp my Ride?

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    • avatar RMM sagt:

      Das war eine Show auf MTV, in der Fahrzeuge getuned wurden. Er meint “rüste mein Gefährt auf” (so gut es geht, weil die Regeln es nicht beschränken).

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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