BMW Yachtsport: Was die Kooperation für Boris Herrmanns Vendée-Kampagne bringen soll

Grenzen der Physik ausloten

Für Boris Herrmann soll der Partner BMW mehr als ein klingender Name sein. Wie die Bayern dem Hochseesegler bei der Vendée Globe Kampagne helfen wollen.

Die Geschichte von BMW im Yachtsport auf höchster Ebene begann 2002 durch die Kooperation mit Larry Ellisons America’s Cup Team 2002. Der Amerikaner gehörte nicht gerade zu den Lieblingen der Szene, und das wurde mit dem Skipper Chris Dickson nicht besser. So verfolgte die Szene mit einer gewissen Schadenfreude, dass Ellison trotz des Einsatzes von massiven finanziellen Mitteln erst einmal nicht die begehrte Trophäe gewinnen konnte.

Boris schiefer Arbeitsplatz. © Boris Herrmann Racing

Aber für BMW war das Engagement hilfreich. Die Münchener Autobauer konnten ihre Ressourcen und die Erfahrung beim Bau leichter und leistungsfähiger Fahrzeuge gewinnbringend in den Segelrennsport einbringen. Die Rede vom “Technologietransfer” war nicht nur ein PR-Gag. 

Als Larry Ellison mit seinem Rechtsstreit gegen Alinghi endgültig zum bösen Buben der Szene wurde, weil damit die Profi-Segelszene über Jahre im Stillstand verharrte, war auch der Abgang von Partner BMW erwartet worden. Der befürchtete Image-Schaden im Schlepptau von Ellison drohte zu groß werden zu können.

Aber BMW blieb dem US-Team treu. Und schließlich war gerade 2010 das viel gescholtene Match der 90 Fuß-Segelungetüme ein dankbares Spielfeld für die Spezialisten im Konzern. Denn die Regeln waren so frei wie nie. BMW konnte seine Technologie insbesondere mit einem speziellen Motor einbringen, der zum Trimmen der riesigen Segel-Tragfläche benötigt wurde. Am Sieg des Oracle-Traimarans über Alinghis Kat in Valencia waren die Bayern maßgeblich beteiligt.

Neubauten für die Konkurrenz

So viel Einfluss können sie bei Boris Herrmanns Kampagne schon allein wegen des engen Regel-Korsetts nicht nehmen. Dennoch gibt es Möglichkeiten, die knapp 20 Meter lange Rennyacht der Open-60-Klasse, bis November 2020 für die Vendée Globe zu optimieren.

Pierre Casiraghi re + Boris Herrmann im BMW-Windtunnel

Boris Herrmann mit Partner Pierre Casiraghi im BMW Windtunnel. © Boris Herrmann Racing

Das wird auch nötig sein, denn “Malizia” gehörte zwar bei der vergangenen Um-die-Welt-Regatta als „Edmond de Rothschild“ zu den schnellsten Designs, bis Sébastien Josse mit einem Schaden ausfiel, aber die Konkurrenz baut neue Yachten. Und die werden die 2017-Generation übertreffen, da noch viel Potenzial in der Foiling Technologie steckt. Spezialisten glauben, dass die neuen Boote mindestens zwei Tage schneller um die Welt segeln. Ganz so einfach ist es allerdings auch nicht. Die optimierten Nicht-Foiler segelten nahezu gleichschnell.

Deshalb ist es notwendig “Malizia” zu optimieren, wenn Boris Herrmann hoffen will, bei seiner Vendée-Premiere auf Augenhöhe mit den Besten segeln zu können. Dafür wäre primär die komplizierte Weiterentwicklung der seitlich aus dem Rumpf stehenden Tragflächen wichtig. Aber BMW soll sich offenbar um andere Themenbereiche kümmern.

Laut Pressemitteilung wolle man erst einmal “gemeinsam mit den BMW Entwicklungsingenieuren die wichtigsten Themenfelder identifizieren, in denen der Automobilkonzern beispielsweise mit Leichtbau- und Elektroantriebskompetenz unterstützen kann”. Die Grundlagen dafür solle die BMW i Technologie liefern.

Aerodynamik und Gewicht

Dr. Robert Irlinger, der Leiter in diesem Bereich sagt dazu: „Sowohl BMW i Fahrzeuge als auch die Rennyacht ‚Malizia’ sind nahezu bis an die Grenzen der Physik ausgereizt und stehen vor ähnlichen technologischen Herausforderungen. Jedes kleine Detail kann große Auswirkungen haben. Bei der Entwicklung des BMW i8 Roadster haben wir im Bereich Aerodynamik um den geringstmöglichen cx-Wert und zudem um jedes Gramm Gewichtsersparnis in der CFK-Zelle gekämpft, um Verbrauch und Leistung zu optimieren. Bestmögliche Aerodynamik und intelligenter Leichtbau ermöglichen eine höhere Bootsgeschwindigkeit, somit sind dies auch entscheidende Erfolgsfaktoren für eine Rennyacht.“

Navigator-Sitz, Boris Herrmann

Entwurf des Navigator-Sitzes für Boris Herrmann. © BMW Yachtsport

Ein erstes Ergebnis dieser technologischen Zusammenarbeit ist der aus Karbon gefertigte Navigatorsitz, in dem Herrmann bei der Vendée Globe viel Zeit verbringen wird. „Wir wollen mit unserer CFK-Kompetenz hier eine Gewichtsoptimierung erzielen. Zudem werden wir den Sitz im Hinblick auf Ergonomie und Komfort weiterentwickeln, um für Herrmann auf seiner Weltumsegelung bestmögliche Arbeits- und Entspannungsbedingungen zu schaffen“, sagt Dr. Irlinger.

Navigator-Sitz, Boris Herrmann

Die angepasste Karbon-Sitzschale für Skipper Herrmann. © BMW Yachtsport

Ein erster Prototyp wurde bereits einem Test unterzogen. Auf der Überführung der Yacht von der Werft aus Lorient in der Bretagne (Frankreich) zu ihrem Heimathafen beim Yacht Club de Monaco hat Boris Herrmann wichtige Erkenntnisse gewonnen, die in die Weiterentwicklung des Sitzes einfließen werden. Eine weitere Bewährungsprobe steht auf der Mittelmeerstrecke vom südfranzösischen Marseille nach Karthago in Tunesien an, sobald sich im Mai ein günstiges Wetterfenster für einen Streckenrekord öffnet.

Elektro-Ersatz für die Diesel-Maschine

Ein weiterer Bereich, mit dem sich die BMW Ingenieure hinsichtlich des Technologietransfers für das Team Malizia beschäftigen werden, ist der Antrieb. Ziel ist die Entwicklung einer Alternative für den derzeit rund 380 Kilogramm schweren Dieselantrieb (inklusive Kraftstoff). Der ist aus Sicherheitsgründen an Bord erzeugt unter anderem aber auch die Energie für die Elektronik an Bord.

Torqeedo BMW i Batterie

Die Torqeedo BMW i Batterie für den Bootsmotor. © BMW Yachtsport

Neben der elektrischen Versorgung für die An-Bord-Systeme und den Schwenk-Kiel kann ein Elektromotor als sogenannter Hydrogenerator auch zur Gewinnung von regenerativer Energie durch die Bewegung der Yacht übers Wasser beitragen und bestehende Systeme ablösen bzw. leistungsfähiger machen.

Die neueste Generation BMW i Lithium-Batterien wurden bereits für einige der elektrischen Hightech-Bootsmotoren des Starnberger Unternehmens Torqeedo bootstauglich gemacht. Gemeinsam mit dem BMW i Kooperationspartner wird nun daran gearbeitet, für die „Malizia“ eine zuverlässige und emissionsfreie Antriebsystemlösung zu entwickeln.

„Unter Rennbedingungen die Welt emissionsfrei zu umsegeln und dabei seine eigene Energie zu produzieren, ist eine sehr inspirierende Vorstellung“, sagt Malizia-Skipper Boris Herrmann. „Unser Technologiepartner BMW forscht intensiv an der Batterieentwicklung für Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Wir haben die gemeinsame Vision, diese Batterien auf der ‚Malizia’ zu integrieren. Wir hoffen, dass das System für die Saison 2019 einsatzbereit ist. BMW hat als Technologiepartner im America’s Cup in den vergangenen 16 Jahren eindrucksvoll das Know-how nachgewiesen, Rennyachten selbst im Extrembereich noch optimieren zu können.“

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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