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Bootsbau: 90 Fuß Scow Konzept von Reichel/Pugh für das Transpac Race

Für die große Raumschots-Sause

Reichel/Pugh entwickelt eine 90 Fuß Scow für die 2000 Meilen des Transpac Races von Los Angeles bis Hawaii. Es wird zu 95 Prozent raumschots gesegelt.

90 Fuß Maxi Scow

Fängt breit an und hört breit auf: die 90 Fuß Maxi Scow für den flott absolvierten Raumschotskurs von Los Angeles nach Hawaii © Reichel/Pugh

“Der zwei Prozent-Anteil von Am-Wind-Kursen bei dieser Regatta kann für die Optimum-Konstruktion eigentlich vernachlässigt werden“ meint Ioannis Moatsos vom kalifornischen Konstruktionsbüro Reichel/Pugh. „Eine möglichst lange Wasserlinie, frühes Angleiten, geringes Gewicht und Formstabilität sind interessant“.

Deshalb haben die Kalifornier für die große Raumschots-Sause einen 90 Fuß Maxi mit Scow-artigem Vorschiff entwickelt. „Ein herkömmlicher Bug mit scharfem Wassereintritt wird raumschots bei einer Böe erst mal tief rein gedrückt. Mangels Auftrieb schiebt sich das Vorschiff dann recht lange durch das Wasser.

RP Scow

Sieht gewöhnungsbedürftig aus, hat raumschots aber seine Vorteile. Der 90 Fuß Maxi mit scowartigem Vorschiff © Reichel/Pugh

Das Boot muss geschickt gesteuert werden und gleitet später als wünschenswert. Außerdem ist der Ritt eine nasse Angelegenheit. „Eine Scow bleibt dagegen auf dem Wasser und setzt die Energie leichter in Gleiten um“ wirbt Moatsos für das Konzept.

Plattbug Mini zeigt das Potenzial

Den Einwand, dass sich Scows mit ihrem flachen Vorschiff nur für Binnenreviere mit glattem Wasser eigenen, lässt er nicht gelten. David Raisons Erfolg mit „Team Work Evolution“ beim Mini Transat 2011 zeige, welches Potential in der Form stecke.

„Man kann sich das vielleicht schwer vorstellen, wenn man den gewöhnungsbedürftig plumpen Bug sieht. Aber die Form hat mehrere Vorteile. Weil eine Scow vorn so breit anfängt, weist sie neben mehr Formstabilität eine vorteilhafte Wasserlinie bei Krängung auf.

Schwenkbarem Bugspriet

Dank seitwärts schwenkbarem Bugspriet läßt sich raumschots gezielt tiefer fahren © Reichel/Pugh

Eine Scow segelt dann nämlich nicht mehr „bergab“ wie ein keilförmiger Rumpf“ so der Reichel/Pugh Konstrukteur. Dank der größeren Formstabilität der Scow-Form soll das Boot mit weniger Ballast und weniger Tiefgang auskommen. Beides würde, sollte das Boot gebaut werden, den Wasserwiderstand mindern.

Fliegende Untertasse für den nächsten Rekord

Das Konzept ist für den nächsten Streckenrekord für Teilnehmer mit unbeweglichem Ballast und komplett von Hand (ohne Motorwinschen) gesegelte Boote und den Sieg der sogenannten „Barn Door Trophy“ gedacht. Dieser eigenwillige Pokal, eine geschnitzte Holztafel, wurde 2011 vom Reichel/Pugh 74-Füßer „Belle Mente“ in 6 Tagen, 19 Stunden und 44 Minuten – zugleich einem Rekord – gewonnen.

Reichel/Pugh Scow Konzept

Die generöse Besegelung soll gemeinsam mit dem formstabil-leichten Scow-Konzept auf dem 2.225 sm Kurs nach Hawaii raumschots ordentlich Power bringen © Reichel/Pugh

Die Bestzeit für Boote mit beweglichem Ballast stellte zwei Jahre zuvor der R/P-Entwurf „Alfa Romeo“ (ex. „Shockwave“) in 5 Tagen, 14 Stunden und 36 Minuten auf. Die Kalifornier sind mit ihren sogenannten „Sleds“ (Schlitten), besonders leichten Raumschotswundern, schon länger im Thema.

Der 90-Füßer bleibt deutlich unter dem vorgeschriebenen 100 Fuß Limit der Regatta. Das ist ein Kompromiss zugunsten etwas handlicherer Tücher, die sich an manuellen Winschen von einer kleineren Crew trimmen lassen sollen.

Mit Scows kennt sich Reichel/Pugh seit 2004 aus. Damals wurde die Melges 17 entworfen. Natürlich hat die Form auch Nachteile: Bei schnell gesegelten Am Wind Kursen in bewegtem Wasser wird das Boot schlagen. Entsprechend groß werden Aufwand und auch Gewicht zur Aussteifung des voluminösen Vorschiffs.

Wohin mit der fliegenden Untertasse?

Der seitwärts drehbare Bugspriet auf dem Plateau-artigen Vorschiff soll helfen, die fliegende Untertasse an der Schwachwindzone des stationären Hochdruckgebiets auf halber Strecke entlang nach Süden zu drücken.

90 Fuß Maxi Scow Reichel/Pugh


Arbeitsplatz für fünf bis sechs Tage: Die große offene Plicht der 90 Fuß Maxi Scow. Reichlich Auftrieb vorne dürfte das Boot früher gleiten und Welten trockener Segeln lassen als Boote mit üblicher Bugform © Reichel/Pugh

Das funktioniert, wenn der Bugspriet wie ein weit vorn angesetzter Spinnakerbaum nach Luv geschwenkt wird. Die Rechnung, welche die innovativen Yachtarchitekten, von denen die Yachtwelt schon manches schnelle Boot gesehen hat, könnte bei der großen Sause von Kalifornien nach Hawaii aufgehen.

Es bleibt die Frage, was Eigner und Crew nach dem Sieg der „Barn Door Trophy“ mit der fliegenden Untertasse machen. Gut möglich, das sie in San Diego bei Reichel/Pugh anrufen und sagen: „Prima Jungs, hat geklappt! Wir fliegen mit dem Pokal zurück. Könnt ihr die Raumschotsrutsche jetzt bitte für uns nach Kalifornien segeln?“ Die Ochsentour zurück geht gegenan.

Team Work Evolution mit Scow-artigem Bug

Auf dem Atlantik bewährt: Die Team Work Evolution mit Scow-artigem Bug © Bruno Bouvry/TeamWork

 

Technische Daten

90 Fuß Transpac Maxi Scow Reichel/Pugh Nr. 224
Länge 27,55 m
Länge Wasserlinie 19,36 m
Breite 6,36 m
Tiefgang 4,80 m
Verdrängung 20,9 t
Am Wind Besegelung 454 qm
Raumschots Besegelung 965 qm

Das kalifornische Konstruktionsbüro Reichel/Pugh ist eine weltweit führenden Adresse für den Entwurf von Regattabooten und schnellen Cruiser/Racern. Reichel/Pugh hat Serienboote wie fünf verschiedene Melges-Typen, America’s Cupper, Einzelbauten für die Regattabahn und große Cruiser-Racer gezeichnet.

Melges 17 Scow

Das Konstrukionsbüro ist seit der 2004 vorgestellten Melges 17 im Scow-Thema © Melges Boat Works

Der gebürtige Brite Jim Pugh gründete das Büro 1983. Partner John Reichel bekam nach seinem Studium während eines Praktikums Anfang der achtziger Jahre bei Doug Peterson Einblick in den Entwurf erfolgreicher (IOR) Regattaboote. In den neunziger Jahren trieb das ideenreiche Duo Reichel/Pugh die Entwicklung der Neigekieltechnologie maßgeblich voran und löste damit den bei Regattabooten üblichen Wasserballast ab. „Es ist besser, den Kiel unter dem Rumpf nach Luv zu neigen, als tonnenweise Meerwasser mitzuschleppen“ meint Jim Pugh.

 Reichel/Pugh Entwürfe werden bei Werften wie Baltic (beispielsweise die innovative „Super Baltic 5“, Hasso Plattners ultraleichter 45 m Renner „Visione“ oder Otto Happels Riesenketsch „Hetairos“), bei der südafrikanischen Werft Southern Wind oder dem italienischen Komposit-Newcomer Advanced Yachts gebaut.

Das Büro war an der Konzeption des erfolgreichen Amerika Pokal Verteidigers „America3“ für 1992 beteiligt und entwirft erfolgreiche Maxis wie die regelmäßig erneuerte „Alfa Romeo II“, „Rambler“ oder „Wild Oats XI“. Weitere namhafte Reichel/Pugh Boote sind Hasso Plattners „Morning Glory“ oder die Wally „Highland Fling XI“. Das Büro beschäftigt heute sechs Konstrukteure.

Das Transpacific Race wird seit 1906 ausgesegelt. Ziel ist Diamond Head bei Honolulu an der Südküste von Hawaii. Berühmte Schiffe wie „Ticonderoga“ oder „Windward Passage“ segelten in den sechziger und siebziger Jahren Rekorde. Nach dem Sprint des 68-Füßers „Merlin“ in 8 Tagen, 11 Stunden und einer Minute 1977 belebte sich die Transpac-Szene mit konsequent auf Raumschotskurse zugeschnittenen Leichtbauten (ULDBs), den sogenannten „Sleds“.

Die Entwicklung der kalifornischen Raumschotswunder löste sich von damals üblichen Regattabooten. Es entstand ein spezieller „Fast is Fun“ Typ für diese Regatta. Diese Nische füllt Lokalmatador Reichel/Pugh seit 1999 mit Roy Disneys „Pyewacket“ mit notorisch erfolgreichen Transpac-Booten bis heute.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
http://stickl.com/Stickl_Sportcamp_Gardasee___Se-1-172.htm

10 Kommentare zu „Bootsbau: 90 Fuß Scow Konzept von Reichel/Pugh für das Transpac Race“

  1. avatar Rififi sagt:

    … genau wie in alter Zeit der Flipper, fehlt nur noch die orange Farbe.

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  2. avatar SR-Fan sagt:

    Vielleicht habe ich da ja ein falsches Verständnis von Erfolg. Aber wo liegt denn der Reiz, wenn ich ein Boot speziell für eine Wettfahrt (bzw. einen Kurs) bauen lasse und dann gegen Allrounder antrete, die letztlich schon technisch nicht mithalten können.
    Zudem ist die Gewinn-/Verlust-Rechnung eher eine Katastrophe. Sobald sie nicht gewinnen, lacht doch jeder über den Eigner?!

    VG

    Heisse Debatte. Was meinst du? Thumb up 7 Thumb down 8

    • avatar Stefan sagt:

      …wenn man sich die Jachten aus den letzten 20 Jahren, die am Transpac teilgenommen haben, anschaut, wird einem klar, dass die allermeisten dieser Yachten nur für dieses Rennen, bzw. diese Art von Rennen konstruiert und gebaut wurden. “Allrounder” gibt es da so gut wie nicht.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Thumb up 5 Thumb down 1

    • avatar Einer sagt:

      Der Reiz liegt in zweierlei Dingen: Erstens geht es um die technische Weiterentwicklung-vielleicht auch mit Misserfolgen behaftet- und darüber hinaus geht es darum, viel Geld für etwas Anerkennung des Eigners auszugeben. Ist doch schön, wenn ein paar Bootsbauer und einige bezahlte Segler davon ihre Familien unterhalten können und für den Filius einen Opti kaufen.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Thumb up 6 Thumb down 0

    • avatar Stefan sagt:

      …ach ja, auch die hier in den letzten Jahren immer so gehypten TP52 haben ihren Ursprung in den genannten Event. (TP = TransPac).

      …diese Schiffen haben also mehr Potenzial als nur raumschots von Kalifornien nach Hawaii zu glitschen. Und auch Hasso Plattner hat mit seiner damaligen MaxZ86 auf dem einen oder anderen Event hier in Europa Spass gehabt

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  3. avatar Einer sagt:

    Warum nicht gleich ein überdimensioniertes Surfbrett mit Neigerigg nach Luv und Foils? Zum Angleiten und zum normalen Wasserglitsch mag die Rumpform taugen – aber dann?
    Da braucht’s wohl – auch weit vorn angeordnete – Foils um dem Unterschneiden vorzubeugen. Bei dem Bug ohne Foils wäre ein Nosedive wohl eher stark bremsend…
    …oder schlimmer.

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  4. avatar J.B. sagt:

    Wahrscheinlich ist es die Zukunft.
    Nach vorn Keilartig abflachen dann schneidet es bestimmt, mit Lage gesegelt, auch am Wind.
    Foils? kann mir keine Konstruktion mit noch mehr Auftrieb, vorne, kaum vorstellen.
    Wenn man sich das lange genug anschaut, solche Dinger ständig gewinnen, findet es man womöglich auch noch schön.

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  5. avatar T.S. sagt:

    Ein Opti in groß nur ohne Knick im Rumpf.
    Ach was sind die alten Schüsseln doch schön ;-)

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    • avatar Stefan sagt:

      …nun, was das mit nem Opti zutun haben soll, entzieht sich mir. Aber wenn man nur Optis kennt, mag der Rückschluss funktionieren.

      …ansonsten sollte man das Konzept eher mit den Scows vergleichen, die es nun auch schon seit langem gibt. Die Klasse E-Scow besteht seit 90 Jahren.

      http://www.e-scow.org

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      • avatar SR-Fan sagt:

        Das is doch völlig klar. Auch der Opti hat vorne ne platte Nase, damit er schneller ins gleiten kommt ;-)

        VG

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