Boris Herrmann berichtet über einen “großen Tag auf See” im Zweikampf mit “Mirabaud”

"Solche Sternstunden..."

"Die Sonne geht hinter dem Heck unter. Ein Albatross erscheint..." © FNOB

Während „Neutrogena“ gegen den direkten Gegner „Mirabaud“ Meter um Meter aufholt und nur noch 11,6 Meilen zurück liegt, ist die Zeit für große Gefühle gekommen. Boris Herrmann fasst in einem Eintrag auf seiner Homepage eloquent seine Euphorie in Worte.

„Und wieder ein großer Tag auf See; Tag 34. Manche Tage sind grau, namenlos, gesichtslos, fliegen dahin ohne besondere Vorkommnisse: inneres und äußeres Fasten (…) Aber manche Tage auf See sind einfach fantastisch. Eher müsste ich sagen “Momente”, denn an einem guten Tag auf See passiert so viel: heute zum Beispiel: Über Nacht Meilen gewonnen, beim zweiten Positionsreport Meilen verloren, wie die verrückten das Schiff geprügelt, um mit “Mirabaud” mitzuhalten.

Boris Hermann genießt den Moment. Und die Frisur hält... © FNOB

Wir haben draußen alles gegeben, uns massiv duschen lassen von dem 10 Grad kalten Wasser. Doch auch, wenn wir trotzdem nicht an sie heran kamen – wenn das Schiff so abgeht wie heute ist einfach alles okay. Wie mit einem schweren, kraftvollen Truck geht das hier voran, den ganzen Tag. Die Energie des Windes und des Schiffes überträgt sich auf einen. Dazu kommt die Sonne raus und die Albatrosse.“

Die Beschreibung solcher Momente machen die Besonderheit von Boris Herrmann aus. Klar ist der Mann Profi-Segler.

Karte vom 4.2. Der Vorsprung von "Virbac" ist auf 416 Meilen gesunken. "Neutrogena" (rot) und "Mirabaud" (blau) sind im Duell verstrickt.

Aber man nimmt es ihm auch ab, dass er gerne da draußen ist. Dass er den Drang zur See in sich verspürt. Dass er dieses Abenteuer nicht wegen des möglichen Ruhms oder Reichtums unternimmt, sondern wegen der Liebe zum Element.

Ellen MacArthur hat im richtigen Moment geheult, wenn sie von schönen Momenten überwältigt wurde. Boris beherrscht die deutsche Sprache und den Umgang mit der Kamera. 

Wellenberge im Southern Ocean schwappen an der Sonne vorbei. © FNOB

Er schreibt weiter: „Abends geht die Sonne genau hinter dem Heck unter. Mein Lieblingsfotomotiv: Durch den Wellenkamm hindurch die untergehende Sonne fotografieren. Sie scheint sogar ins Schiff und wärmt es ein wenig auf.

Ich sitze kurz da und frage
mich, ob dieser eine Moment und dieser Ausblick über die See nicht ausreicht, um 90 Tage Stress, Flauten und graue Kälte auf sich zu nehmen. Ich glaube schon.

Es ist feucht im Cockpit der "Neutrogena" aber das Schiff kommt gut voran. © FNOB

Nein, na klar, keine Frage! So sind wir: Alles ist vergessen, wenn wir am Gipfel stehen. Wir können noch so geflucht haben, uns 1000 Mal für blöd erklärt haben, uns geschworen haben, es nie wieder zu tun (habe ich!) und doch: manche Momente radieren alles aus, sie brennen sich ein und man macht es dann doch wieder – auf der Jagd nach solchen Sternstunden.“

Es ist der einzelne Moment, der die Stimmung an Bord belebt aber besonders die Geschwindigkeit.

Der Southern Ocean züngelt an der "Neutrogena"-Bordwand hoch. © FNOB

Die beiden Newcomer sind euphorisiert, weil sie sich an den direkten Gegner „Mirabaud“ herankämpfen. Dabei sind die Aussichten im Vergleich mit der Spitze nicht rosig.

Das Duo auf Platz sechs und sieben wird zum Eistor noch einmal halsen müssen und viele Meilen verlieren. Außerdem droht es von einer Leichtwindzone gefangen zu werden.

Doch für Herrmann zählt der Moment. „Wir leben auf, wenn das Schiff loslegt und der Wind die See aufwühlt; wenn die Sonne die weißen Schaumkronen aufblitzen lässt wie weiße Zähne beim Lachen. Dann spüren wir keine Kälte mehr, nicht die Länge des Rennens und den Druck des Wettbewerbs. Bin gespannt auf den nächsten großen Tag.

"Central Lechera Asturiana" ist zum Pitstop in Kapstadt angekommen, um die leckende Hydraulik der Kiel-Ramme zu reparieren. Die ex "Ecover 2" liegt damit abgeschlagen auf dem letzten Platz. © FNOB

Für morgen weiß ich schon einen wichtigen Tagespunkt: Das gefriergetrocknete Essen ist aus meinem Lieblingssortiment. Der Tag fängt also gut an. Und wenn wir dann auch noch “Mirabaud” überholen … Dann sind wir nicht mehr zu stoppen!“

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Boris Herrmann berichtet über einen “großen Tag auf See” im Zweikampf mit “Mirabaud”“

  1. avatar Jan sagt:

    Wow! schöner, sehr passender Text. Boris hat wirklich auch ein Talent zum schreiben.
    Sie sind wirklich sehr nahe dran an M. Schade nur, dass sie nicht mal die Chance genutzt haben den Tracker auszuschalten… das wäre mal ein richtiger Moment gewesen und Mirabaud hätte dann vielleicht nicht diesen Bogen nach unten so extrem mitgemacht, oder zumindest wären sie reichlich nervös geworden, was schon manchmal ausreicht.

    grüße jan

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  2. avatar Ostnordost sagt:

    Danke an Boris, der so gut schreibt, dass man es ruhig dreimal lesen kann.
    Und danke an Carsten & Team, die es täglich schaffen, dass ich mich fast wie auf dem Wasser fühle.

    Ono

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