Braschosblog: Wer hat die wahre Schäre? Ärger bei den 30ern

Der 30er Schären-Fight

Länge läuft. Der ungarische Plattensee-Kreuzer. © Ungarische 30er Klassenvereinigung

Nicht nur der Bootstyp selbst, auch die Szene der klassischen 30 qm Schärenkreuzer ist speziell. Sie segelt gut 12 Meter lange Schiffe, die sich an unseren Binnengewässern, speziell dem Bodensee schwer unterbringen lassen. Dort gibt es lange Lulatsch Liegeplätze nur mit vererbter Anwartschaft oder bestens gepflegten Beziehungen zur lokalen Bootsunterbringungsmafia.

In der puppenstubengroßen Kajüte eines 30ers mit ganzen 60 Zentimetern Freibord finden Kinder volle Stehhöhe. Der Erwachsene sollte vor dem Zusammenfalten unter Deck aber auf ein halbes Jahr Joga für Fortgeschrittene zurück blicken.

Im Vergleich dazu bietet eine gleichlange Bavaria 36 Cruiser in kompaktierten Abmessungen vier bis sechs Kojen, eine Kochnische, Naßzelle und natürlich überall volle Stehhöhe. Aber die Entscheidung, ob es sich bei diesem Volumenmodell tatsächlich um ein Segelboot handelt, wird Experten überlassen.

Die ungarische Flotte besteht aus 19 überwiegend überholten Klassikern. © Ungarische 30er Klassenvereinigung

Der 30er dagegen ist mit einem annähernd gleichschenkligen Dreieck als Genua unterwegs, dessen Schothorn ziemlich weit achtern neben dem Steuermann endet. Dieses aerodynamisch ineffiziente, aber von der Vermessung überwiegend unberücksichtigte Tuch hat mit 30 Quadratmetern so wenig zu tun wie die gesamte nominelle Segelfläche eines 30er-Schärenkreuzers.

Wie bei der Steuererklärung gibt es halt einen Unterschied zwischen den deklarierten und realen Verhältnissen. Sind schon gewiefte Burschen, die Dreißigersegler: Mit über 50 qm durch den Lago zischen, aber eine unterstrichene Dreißig im Segel.

Vorsprung durch Oberweite

Wie moderne Mehrrümpfer wird der Vintage Renner mit expanderartig nach achtern gezogenem Schothorn mit möglichst wenigen Wenden über die Bahn gebracht. Es kostet Speed und sich zu Minuten summierende Sekunden, so viel Tuch um die Wanten herum zu zerren und jedes Mal gut sieben Meter Unterliek neu dicht zu holen. Einige solcher Vollbremsungen zu viel und die unterschiedlich geschätzte Konkurrenz zieht vorbei, wie das Geld im Daddelautomaten durchrutscht.

Die 30er Schären auf dem Plattensee segeln wegen limitierter Spibaumlänge mit eher kleinen 85 qm Spinnakern. © Ungarische 30er Klassenvereinigung

Der Dreißiger ist raumschots mit einem  kugelförmigen Spinnaker unterwegs, dessen 125 Quadratmeter beim Bodensee-üblichen Nichts an Wind mit Mühe über dem Schwabenmeer und dem Marlspieker-artigen Bug gehalten werden. Der Steven endet so spitz, dass das empfindliche Nylon mit einem vorn über das Boot gestülpten Ball geschützt wird. Sobald auch nur ein Anflug von Thermik über den See zieht, ragen die Lieken der ausladend breiten Supersize Kugel dann gefühlt gleichzeitig über das Ufer der deutschen und eidgenössischen Seeseite. Vorsprung durch Oberweite.

Besonders ehrgeizige Schwaben wurden schon beim Nahkampf um entscheidende Zentimeter Vorsprung mit der Spüliflasche auf dem Vorschiff liegend gesehen. Per tropfenweiser Zugabe von Geschirrspülmittel sollte – kein Scherz – der den Rumpf entlang streichende Bodensee derart entspannt werden, das es besser läuft. Natürlich sind solche Schweinereien absolute Ausnahmen.

Klassenerhalt vor dem BGH

Die "Einheits-Schären" am Bodensee sind mit riesigen Spinnakern ausgerüstet. © Internationale Vereinigung der 30 qm Schärenkreuzerklasse

Eine Ausnahme, ebenso wie die allen Ernstes bis zum Bundesgerichtshof (Urteil vom 12.03.1990 – Az.: II ZR 179/89) ausgestrittene Frage, ob die gemäß schwedischem Schärenkreuzer Dachverband SSKF regelkonforme Judel/Vrolijk Konstruktion „Contra“ in der süddeutschen Flotte mitsegeln darf, oder nicht.

Auf keinen Fall, meinte die auf den sogenannten „Bijou-Typ“, eine Knud Reimers Konstruktion von 1952 abonnierte „Internationale Vereinigung der 30 qm Schärenkreuzerklasse“. Ihre Sorge, der Neubau könnte als überlegenes Boot die Klasse sprengen, führte erstens zu einer weiteren Verengung der ursprünglichen Konstruktionsklasse zu einem de facto One Design mit wenigen Ausnahmen, zweitens war sie unbegründet. Die „Contra“ war langsamer als befürchtet.

Nun weiß jeder Segler, dass von besonders ehrgeizigen Leuten immer wieder mal um die Modalitäten beim Regattasegeln vor höheren Instanzen gestritten wurde, bevor überhaupt auch nur eine einzige Schot dichtgeholt ist. Beispielsweise anlässlich des 27ten America’s Cup 1988 oder 2010 anlässlich des 33ten AC. Wie im sonstigen Leben auch kommt es da vor, dass Rivalen, die sich eh nicht mögen, gern mit einer pfiffigen Idee eine Abkürzung zum schnellen Sieg nehmen.

Klassiker am Bodensee. Lang, schmal, High-Tech-Tuch. © Internationale Vereinigung der 30 qm Schärenkreuzerklasse

Solche Charakterzüge werden bei so einem Event dann wie unter dem Elektronenmikroskop deutlich. Es ist halt unfair, wenn jemand hinterfotzig eine konzeptionell derart überlegene Tiefflughardware zu einer Regatta meldet, dass der andere gar nicht erst mit raus, aufs Wasser muss, um sich die Packung zu holen.

Segeln gegen Freundfeinde

Nun hat aber der sogenannte Reimers Pokal, die Jahreswertung aller auf dem Bodensee ausgetragenen Dreißiger Regatten (derzeit etwa sieben), oder der alle zwei Jahre abwechselnd in Schweden oder am Bodensee ausgetragene Europa Pokal der Klasse, demnächst vom 27. bis 30. Juli in Nynäshamn südlich von Stockholm ausgesegelt, nicht annähernd die Bedeutung des Amerika Pokal.

Es geht beim Dreißiger auch auf dem Starnberger See eigentlich nur darum, sich in den wirklich lebenswerten, sprich segelbaren Sommermonaten alle paar Wochenenden rechtzeitig mit altbewährten Freunden an Bord und ebensolchen, auf anderen Booten hockenden Freundfeinden zum Regattasegeln zu treffen und die Hackordnung entweder erneut klar zu machen oder endlich mal zu ändern. Es geht darum, mit richtig schönen Booten mal für einige Stunden den Alltag zu vergessen. Diese Art der Tiefenentspannung klappt beim Regattasegeln am besten.

Die Plattensee 30er sind länger, schwerer, haben ein kürzeres J-Maß (Vorsegelbasis), mehr Tuch im Groß und deutlich kleinere Spinnaker. © Ungarische 30er Klassenvereinigung

Nach landläufiger Auffassung, ist alles, was schwimmt, segelt und dabei unübersehbar länger als breit ist, ein Schärenkreuzer. Wenn dann noch eine 30 im Großsegel steht, ist’s halt ein Dreißiger. Falsch, sagen die schwedischen, ungarischen und süddeutschen Dreißiger Segler.

Das Boot muss noch ein paar weitere, nämlich unsere, in bester Absicht formulierten Bedingungen erfüllen, sonst ist es zwar irgendein Dreißiger, aber keiner, der mit uns Regatta segeln darf. Es gibt also streng genommen gar keinen Dreißiger, sondern marginal unterschiedliche drei Klassen, den Schären-, Platten- und Bodenseekreuzer. Es gibt drei Vermessungen und mittlerweile fünf Interessenvertretungen. Eine in Schweden, eine in Ungarn und drei in Süddeutschland – für überschlägig zweihundert aktiv gesegelte Boote.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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6 Kommentare zu „Braschosblog: Wer hat die wahre Schäre? Ärger bei den 30ern“

  1. avatar wm sagt:

    der 30er ist eben ein Boot bei dem das Prozessieren mehr Spaß macht als das Segeln. Trotzdem mit ‘nem Tennisball am Bug – das hat schon was.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 7

  2. Also den Artikel selbst und den Kommentar beurteile ich mal lieber nicht. Da weiß ich zu genau bescheid über die Klasse und Klassen und die Details. Über die Preise meiner Boote weiß ich noch besser bescheid.
    Die genannten Preisbeispiele stammen nicht von mir oder wurden am Telefon falsch verstanden. Die Preise “aus der neuen Form” kenne ich übrigens auch nicht.
    Ein Kunststoff-Rumpf mit Holzausbau kostet bei mir 100 000,00 EUR. Mit Mahagoni-Rumpf 165 000,00 EUR. Beides ohne Segel und Ausrüstung. Aber inklusiv 19% MwSt. Bitte Angebote anfordern.
    Die Beschreibung der Klassenregeln der I.V. ist auch nicht korrekt wiedergegeben. Sie ist auf der Internetseite der I.V. aber zu lesen. Die Neubauten müssen keine Bijou-Typen sein und die „Blithe Spirit“ von 1986 segelt bei den Regatten der I.V. mit. Sie entspricht den Regeln der I.V.
    Also, wenn so viel über etwas berichtet wird, ob falsch oder richtig, dann kanns nur gut sein.
    Am nächsten Wochenende segeln wir den Bodensee-Cup in Radolfzell. Es sind bis jetz 22 Meldungen auf der Liste. Es gibt wieder ein riesiges Seglerfest. Das ist das Gute an der Geschichte.

    Viele Grüße und dass es so weiter geht.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 17 Daumen runter 24

  3. avatar Erdmann sagt:

    Ausweislich Ihrer Mail vom 15.2.12 kostet ein 30er mit Kunststoffschale 98.000 Euro inkl. Mwst, ein formverleimtes Schiff 165.000. Da man mit einem Boot ohne Segel schlecht Regatta segeln kann, habe ich 27.000 Euro (sie nannten 25 bis 30 Tausend Euro für einen Segelsatz) hinzu gerechnet. So kommen die im Artikel erwähnten Preise zustande. Was, Herr Winterhalter, war daran nun falsch?

    Nach Auskunft der SESCA sind die genannten drei Schiffe nicht bei den üblichen Wettfahrten der Internationalen Vereinigung der Int. 30 Klasse zugelassen (vom Europa Cup abgesehen): Schiffe der Baujahre 1925 bis 1984 und Bijou-Typen (=Reimers 1952) oder Neubauten von alten Rissen gehen. Es ist bewußte Politik der IKV, Schiffe, die nicht ihrem Reglement entsprechen, auszuschließen. Ob das richtig ist, darüber kann man streiten oder nachdenken. Letzteres ist Sinn dieses Beitrages.

    22 Meldungen für eine 30er Regatta auf dem Untersee sind schön. Mögen weitere hinzu kommen. Viel Spaß beim Segeln!

    Sollten Sie als Insider = versierter 30er Bootsbauer und Regattafuchs am Bodensee Unschärfen oder Unwahrheiten in meinem Beitrag entdecken, so benennen Sie sie möglichst klar. Als langjähriger Beobachter und Chronist der Szene bin ich für jeden Hinweis dankbar. Es ist durchaus möglich, daß sich durch den Abstand Hamburg – Bodensee Unschärfen ergeben. Ich lerne gerne dazu.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 36 Daumen runter 11

    • avatar mike sagt:

      Als langjähriger Beobachter und selbsternannter Fachmann wäre es angebracht, sich VOR dem
      Schreiben solcher Artikel so zu informieren, daß keine falschen Informationen in Umlauf gebracht
      werden.
      Offensichtlich wurde dieser Artikel nur erstellt um einer völlig unwichtigen und belanglosen
      Vereinigung von Quertreibern (SESCA) eine Stimme zu geben.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 3

      • avatar Erdmann sagt:

        Hallo Mike,

        es würde den “selbsternannten Fachmann”natürlich interessieren, was an meinem Beitrag falsch ist.

        Ich lerne immer gern dazu und vielleicht bringen Deine Hinweise Erkenntnisse, die mir bei meiner weiteren Arbeit helfen.

        Viele Grüße, Erdmann

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

  4. avatar Felix sagt:

    Einige 30er Segler sollten sich vielleicht weniger über die Reglen und streitereien der KV informieren und diskutieren als viel mehr (bestenfalls noch vor dem anstehenden Bodensee Pokal) über die Int. Wettfahrtregeln der ISAF nachdenken und lernen!

    Damit wäre der Klasse ebenso wie dem Regattasport sicher geholfen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 7

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