BWR: 49er-Champs basteln sich auf “Mapfre” ein neues Schwert

"Gefühl wie nach einem Satzball"

Iker Martinez freut sich über die geglückte Schwert-Reparatur. © FNOB

Boris Herrmann lässt auf seiner Seite vermelden „Keine Sorge, der kurze Flautenstop von heute Morgen, ist vorüber. Verfolgungsjagd geht weiter. Wir holen aus zum nächsten Ansturm.”
Der nächste Eintrag hört sich weniger euphorisch an: „Diese 100 Meilen Rückstand auf “Mirabaud” rufen mir auf einmal in Erinnerung, wie weit unser Weg noch ist, und dass wir hier nichts geschenkt bekommen. Wie lange dauert es, hundert Meilen aufzuholen, wenn wir, wie momentan, zwei Zehntel schneller laufen? Mit etwas Glück schaffen wir es bis zur Cook Strait … ;-(

Deutlich zufriedener mit sich und der Welt sind die zweitplatzierten Iker Martínez und Xabi Fernández auf „Mapfre“. Die beiden Spanier haben offensichtlich ein Meisterstück der Bootsbaukust absolviert. Tage lang hatten sie Meilen verloren, und nun ist auch klar warum.

Die neu aufgebaute Schwert-Spitze von "Mapfre". © FNOB

Bei einer Kollision mit Treibgut vor knapp einer Woche ist ein 1,5 Meter großes Stück ihres Backbord-Schwertes abgebrochen. „Wir knallen immer mal wieder gegen Teile im Wasser, aber diesmal gab es einen größeren Schaden“, erzählt der 49er Gold-Steuermann Iker Martinez.

Bei den vorherrschenden Amwind-Bedingungen auf dem Kurs zum nächsten Tor hätten sie das Problem nicht lösen können. Erst nach dem Gate auf einem Vorwindkurs sei es sinnvoll gewesen, das Schwert aus seinem Kasten zu holen und den Schaden zu beheben.

„Wir hätten damit auch bis Cap Horn segeln können, ohne zu viel Boden zu verlieren“, sagt Martinez. „Aber danach … vergesst es.“ Bei den erwarteten Kreuzkursen wäre „Mapfre“ nicht konkurrenzfähig gewesen.

Das Schwert wird an einem Fall wieder aus der Kajüte gezogen. © FNOB

Also hoben sie das 100 Kilo Schwert mühevoll aus seinem Kasten und versuchten, das abgebrochene Stück auf dem Deck wieder aufzubauen. Die Spanier benutzten Schaum aus dem Steuermann-Sitz, um einen neuen Kern herzustellen. Dann laminierten sie um ihn herum.

„Im Schiff sah es schlimm aus. Überall lag Müll rum. Schleifpapier, Harz, Kleber, Lappen. Bei 20 Knoten Wind begann das Schiff seinen Bug in die Wellen zu stecken und es wurde nass. Außerdem war es nur fünf Grad warm, eigentlich zu kalt. Trotzdem hofften wir, dass das Harz am nächsten Morgen trocken sein würde. Aber es klappte nicht. Ein Desaster!

Also versuchten wir, das Schwert näher zum Kabineneingang zu bekommen, um es dort besser schützen zu können. Die Zeit lief uns davon, weil wir bald auf den anderen Bug halsen mussten. Dafür benötigten wir das Schwert.

Situation am 11.2. Neuseeland liegt voraus. "Mapfre" holt auf "Virbac" auf. "Hugo Boss" (l.) hat die Frauencrew auf "Gaes" überholt.

Wir schafften es, die Spitze ins Boot zu bugsieren. Aber auch zehn Grad im Schiff reichten nicht zum Trocknen.“ Martinez erzählt, sie hätten einen kleinen „Ofen“ gebaut und Wärme über die Maschine eingeleitet.

Aber die äußeren Harz-Schichten seien immer noch nicht getrocknet. Sie hätten sie abgeschabt und mit schnelltrocknender Spachtelmasse weiter gearbeitet, weil die Zeit bis zur Halse immer knapper wurde. Aber auch dieser sei erst getrocknet, als sie den „Ofen“ und „komische Ideen aller Art“ benutzt hätten, um die Temperatur zu erhöhen.

„Estrella Damm“ und die Halse sei immer näher gekommen. Schließlich seien sie ohne Schwert gehalst und der Wind habe schon auf 25 Knoten zugenommen. „Mit Wasser auf dem Deck war es unmöglich, das Schwert wieder einsetzen zu können. Zu gefährlich.“

So seien sie erst einmal nur mit der Schwertführung im Wasser gesegelt und hätten den Wetterbericht studiert, um einen ruhigen Moment für die Operation “Schwert-ins-Wasser“ abzuwarten. Aber der Bericht sagte einen Sturm an, der bis Neuseeland dauern könnte.

ONSAILCTM
„Also warteten wir einen ruhigen Moment mit etwa 20 Knoten Wind ab, lifteten das Schwert am Fall und schoben es in den Kasten. Es lief sehr gut. Und das Beste: „Estrella Damm” hatte uns nicht überholt. Sie lagen noch zehn Meilen zurück. Wir fühlten uns, als wenn wir einen Satzball gewonnen hätten.“

Inzwischen hat „Mapfre“ wieder richtig Gas gegeben und war zuletzt das schnellste Boot im Feld. Der Rückstand auf „Virbac“ beträgt jetzt 454 Meilen und der Vorsprung auf „Estrella Damm“ ist auf 66 Meilen angewachsen. Operation geglückt.

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „BWR: 49er-Champs basteln sich auf “Mapfre” ein neues Schwert“

  1. avatar stefan sagt:

    …na, da werden ja Erinnerungen an Yves Parlier im 2000er Vendée Globe, der tagelang in einem neuseeländischen Fjord mit bordmittel seinen Mast repariert hat.

    http://www.voilesetvoiliers.com/portraits/photo/1057/yves-parlier-macgyver-du-60-pieds-open

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    • avatar Carsten sagt:

      da habe ich auch dran gedacht 🙂 der typ wickelte eine lichterkette um die maststücke um auf die nötige temperatur für das zusammenzukleben zu kommen. legendär!

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  2. avatar Christian sagt:

    tja, wer 49er oder andere Skiffs segelt, ist basteln gewohnt 😉 Allerdings auch höhere Temperaturen.

    Iker und Xabi waren im 49er deshalb so oft ganz vorne, weil sie unglaubliche Kämpfernaturen sind, gerade wenn es aussichtslos aussieht. Ich traue ihnen den Gesamtsieg beim BWR zu, auch wenn es im Moment (noch) nicht danach aussieht.

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  3. avatar stefan sagt:

    …allerdings schaut es für mich so aus, als wenn die lediglich die Bruchstelle zu einem ordentlichen Profilende aufgebaut haben und nicht die verlorenen 1,5m neu aufgebaut haben.

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    • avatar stefan sagt:

      …trotzdem eine irre Arbeit unter den Bedingungen. Ich kann mich nur an meinen Trip unter solchen Bedingungen erinnern und hätte da nicht auch noch Laminier- und Spachtelarbeiten machen wollen.

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