Meinung: Darf man über den gefallenen Helden Bernt Lüchtenborg berichten?

"Hexenjagd" beendet?

Bernt Lüchtenborg polarisiert. Keine Frage. Der Mann hat gelogen, betrogen. Die großen Zeitungen nahmen sich seines Themas an. Viele, die er von sich und seinem Projekt überzeugt hatte, mussten ihr Urteil revidieren. Selbst engste Vertraute waren vor den Kopf geschlagen.

Uwe Röttgering erklärt, wie er selbst geschockt war: Zum Bericht. Er schrieb einen Artikel für die österreichische Zeitschrift Yacht Revue: Zum Artikel. Und er führte ein Interview mit der lange verheimlichten Mitseglerin Zum Interview.

Das ist alle schon einige Monate her. Der Mann ist gefallen, seine Lügen wurden aufgedeckt. Und nun? Normalerweise taucht man nach so einem Skandal ab, wartet bis Gras über die Sache wächst und begibt sich dann wieder vorsichtig aus der Deckung.

Die entsprechenden Techniken kennt man von Politikern. Gibt es eigentlich Spezialisten, die genau ausrechnen können, wann man sich wieder zu Wort melden darf? Wann Verfehlungen vergessen sind? Es ist unglaublich, welche Schandtaten aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden.

In unserer Redaktions-Diskussion kam das Thema Lance Armstrong auf den Tisch. Der Mann ist zwar nicht als Doper überführt, dennoch gibt es kaum Zweifel, dass er Beschleuniger genommen hat. Es wird wieder über ihn berichtet. Er gilt als Heilsbringer der gefallenen Tour de France. Ist genug Gras über die Sache gewachsen?

Bernt Lüchtenborg kann sich nicht verstecken. Er segelt. Und angesichts brutaler Brecher im Süd-Atlantik – die gibt es tatsächlich da unten, die kann man nicht erfinden – dürfte für ihn die Welle der Entrüstung im fernen Deutschland kaum stark genug sein, um den Bug seiner Yacht anzuheben.

Darf man über den Mann noch berichten? Darf man ihm eine Bühne geben? Wann hat er seine Strafe abgesessen? Wann darf der böse Junge wieder aus seinem Zimmer kommen?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Das Thema hat auch in unserer kleinen Redaktion heftige Diskussionen ausgelöst.

Generell habe ich das Gefühl, dass eine Spur zu heftig auf den Mann eingeschlagen wurde. Er hat niemanden ermordet! Selbst die großen deutschen Segelzeitschriften bekamen sich über die Verhältnismäßigkeit der Schlagstärke in die Haare. Von „Hexenjagd“ war die Rede.

Die Segeljournaille hat Schwierigkeiten beim Umgang mit so einem Thema. Wir müssen nicht alle paar Wochen dazu aufrufen, einen Trainer zu entlassen oder einen Politiker zum Rücktritt zu bewegen. Skandale sind selten. Gott sei Dank. Deshalb lieben wir unsere schöne heile Segel-Welt. Mord und Totschlag gibt es da draußen genug.

Vielleicht ist ein Wilfried Erdmann auch deshalb so gnädig mit Lüchtenborg. Er zeigt Größe, indem er auf seiner homepage www.wilfried-erdmann.de schreibt: „Mir ist die einhellige Verurteilung Lüchtenborgs zu einfach. Er tut mir leid. Er segelte vermutlich in Abgründe, die bisher niemand vor ihm auf einer Nonstoproute erlebte. Allein der Zwiespalt, als Nonstopsegler zu starten, es jedoch nicht vorzuhaben, nonstop und allein unterwegs zu sein, muss ihn förmlich zerrissen haben.“

Dennoch verspüre auch ich eine vielleicht unverhältnismäßig tiefe Abneigung zu dem Mann, der die Segelgemeinde so schamlos belogen hat.

Es mag damit zusammenhängen, dass er nach anfänglicher Skepsis – der Plan einer doppelten Einhand-Weltumseglung wirft Fragen nach dem Geisteszustand auf – in den Kreis der Segelfamilie aufgenommen wurde. Aber wenn man das Vertrauen innerhalb einer Familie enttäuscht, hat das eine andere Wertigkeit, als wenn man einfach nur die Unwahrheit gegenüber Fremden sagt.

Die Abneigung mag auch damit zusammenhängen, dass dieser ganze Rummel exzellente Promotion für das nächste Buchprojekt ist. Auch ich werde mich dem Lesestoff nicht entziehen können, wenn sich BL mit Abstand zu dem Thema äußert. Menschen funktionieren so. Die Neugierde ist berechenbar. Medien schüren sie. Sie leben davon. Sie werden benutzt.

Wie auch immer. Wir werden ein Auge darauf haben, was der Mann auf den Ozeanen treibt. Da draußen kann sich niemand verstecken. Wind, Wellen und Wetter sind nicht zu betrügen. Irgendwann wird aus dem Törn eine echte Leistung.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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