Digger’s Blog: Aus der Vendée Globe Begeisterung wird großer Ärger nach Stamm-DQ

"Einen auf Wichtig gemacht"

Die Vendée Globe hatte den eingefleischten Fahrtensegler Stephan Boden alias Digger Hamburg wider Erwarten gepackt. Aber der Ärger über die Stamm-Disqualifikation verdirbt ihm den Spaß.

Digger Hamburg  im Regen auf seiner Varianta 18

Digger im Regen auf seiner Varianta 18. © Digger Hamburg

Regatta? Welche Regatta? Ich muss noch das Unterwasserschiff malen, und das ist viel wichtiger als irgendwelche hochgezüchteten Boote, die um die Welt jagen. Ausserdem segle ich nicht um Zeit zu sparen, sondern um Zeit zu haben.

Segeln als Rennsport hat mich noch nie interessiert. Admirals Cup, Volvo Ocean Race und Co gehen mir immer am Arsch vorbei. Diese ganzen olympischen Klassen sowieso. Da kenne ich weder die Bootstypen noch weiss ich beim Ansehen, wer gerade in Führung liegt.

Mit dem VOR hab ich‘s auch mal mal probiert, die haben ja eine App und da kann man verfolgen, wo sie sind. Aber nach 2 Wochen war die App bereits wieder gelöscht. Irgendwie ist mir das alles viel zu weit weg. Und irgendwie hat mich die ganze „Verpackung“ der Regatten nie davon überzeugen können, das mal intensiver zu verfolgen.

Zwei Wichtigmännchen mit Klemmbrett

Oft ist es auch so, dass mir dieses ganze Funktionärsgedrösel drumherum von vornherein den Spaß daran nimmt. Als ich meinen Conger vor Jahren an die Alster stellte, wurde ich direkt eingeladen, an den Mittwochsregatten teilzunehmen. Irgendwie reizvoll.

Aber einen Monat später kam ich aus dem Büro zum Boot – die Regatta war gerade vorbei – und wollte noch ne kleine Runde drehen. Da sah ich zwei Wichtigmännchen mit einem Klemmbrett am Steg stehen. Sie sprachen über die Regatta. Eine Stimme, scharf wie ein Damast-Messer: „Das was Erwin da heute gemacht hat, das ist nicht in Ordnung! Darüber wird zu reden sein!“ Ich bin nie mitgefahren.

Dann sitze ich vor 54 Tagen zuhause und lese vom Start der Vendee Globe. Ein Link verweist mich auf einen Livestream. Und Pow! Innerhalb von Minuten bin ich begeistert. Das ganze Konzept, die Aufbereitung, die Jungs auf ihren saugeilen Booten. Hammer.

Die Vendée Globe hat mich gepackt

Seither verfolge ich jeden Tag dieses atemberaubende Rennen. Ein spannender Zweikampf an der Spitze, einige Ausfälle am Start, tolle mediale Präsentation. Mein Französisch reicht meistens nicht, aber ich höre mir die Audiostreams dennoch an. Die Vendee Globe hat mich gepackt.

Ich habe mich in den vergangenen fast 2 Monaten wesentlich mehr mit diesem Rennen als mit Fussball beschäftigt. Und das ist ungefähr so, als würde ein Orc mit Barbiepuppen spielen. Und irgendwie denke ich ständig: „Die Franzosen, die können es irgendwie.“ Über die Feiertage lese ich passend dazu ein Buch über Bernard Moitissier. Auch einhand. Auch Regatta. Auch um die Welt. Nur langsamer.

Dann kommt diese Geschichte mit Bernard Stamm. Technische Probleme. Der Hydrogenerator der “Cheminées Poujoulat” zickt rum. Er entscheidet sich für eine Reparatur, segelt nach Neuseeland und ankert dort vor einer Insel. Allein das ist für mich Minifahrtensegler schon beeindruckend. Und irgendwie so nah dran. Ich lese alles, was ich darüber finden kann. Die beiden Führenden verfolge ich auch, aber Bernard Stamms Geschichte fesselt mich. Ich bin ein richtiger Fan der Vendee Globe gewor…

Verknöcherte Jury

Und dann reisst mich eine verknöcherte Jury aus meiner Begeisterung. Plötzlich und unerwartet. Die eben noch so coole Veranstaltung wird durch ein paar alte Männer, die irgendwo in Frankreich auf weichen Sesseln sitzen, zu einer Conger-Mittwochsregatta.

Ich denke an Klemmbretter und messerscharfe Stimmen. Bernard Stamm die arme Sau wird disqualifiziert. Nicht weil er an einem russischen Forschungsschiff festmacht, um seine Haut und sein Boot zu retten, nicht weil er so ehrlich ist, darüber zu berichten. Nein, weil irgendwo immer Menschen sitzen, die einen auf Wichtig machen und denen jedes Gefühl fehlt. Seit jeher kotzen mich unflexible Funktionäre ohne Fingerspitzengefühl an. Rudi Völler wurde bei der WM 90 auch für ein Spiel gesperrt, weil ihn ein Holländer angerotzt hat. Oder wie Carsten schrieb, rote Karte und Elfmeter – geht gar nicht.

Was nun? Das eben noch zarte Pflänzchen Begeisterung wird welk. Ich wusste es – Regatten sind nicht mein Ding. Ich mache jetzt einen auf Moitissier – ich verlasse die Regatta, kurz nachdem das Hoorn gerundet wurde.

Schade.

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Digger Hamburg

Kleiner segeln – größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 “Digger” jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. “Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details.” Zu seinem Blog geht es hier

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17 Kommentare zu „Digger’s Blog: Aus der Vendée Globe Begeisterung wird großer Ärger nach Stamm-DQ“

  1. avatar EB sagt:

    Digger alles richtig kommentiert Danke un weiter so

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  2. avatar SR-Fan sagt:

    Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt unbeliebt mache: Ich finde den Beitrag eher überflüssig.

    Zu dem Thema habe sich ja hier schon weitaus berufenere Personen geäußert. Das hat jetzt etwas von “trittbrettfahren” oder “Lehrer ich habe auch noch etwas zu sagen”. So was kann man natürlich in einem PRIVATEN Blog veröffentlichen aber als Unterrubrik von Segelreporter finde ich es schlicht unnötig.

    VG

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    • avatar Digger sagt:

      Kann Deine Meinung verstehen. Allerdings finde ich, dass auch das Fussvolk, zu dem ich mich zähle, seinen Eindruck zu so einer Geschichte mitteilen darf. Schliesslich wird ja auch versucht, uns Nicht-Regatta-Szene-Kenner von solchen Rundfahrten zu begeistern. Sonst würden die Sponsoren gar nicht zu packen sein.
      Aber so, wie ich das schreibe, denke ich halt. Ist auch nicht stellvertretend für irgendwas.

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    • avatar Uwe Liehr sagt:

      Überflüssig finde ich den Beitrag keinesfalls. Neben der Vendee-Abhandlung sehe ich vor allem das Nachdenken über die Bedeutung des Segelsports für jeden Einzelnen. Das muss auch jeder für sich beantworten. Wer im Funktionärs-Verein seine Erfüllung findet – großartig. Wer außerhalb dessen – auch gut. Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden. Freiheit, Individualität, Auseinandersetzung mit den Naturgewalten.

      Es gibt in diesem unserem Lande noch genügend Leute (hier: meist die besagten älteren Männer), die der alten Zeit des Hochdienens nachtrauern. Das ist für den Nachwuchs oder Interessierte natürlich absolut attraktiv! Eben das Funktionärsgedröhsel (geile Wortschöpfung, Digger!). Aber auch im “Fussvolk” ist manchmal noch der Kaiser drin 😉 Und wehe, wer sich da nicht unterordnet: Bavaria, iPad und Mustohose 😉

      @Digger: weiter Attacke

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  3. avatar Jan-X sagt:

    Selten passte eine Überschrift so gut.

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  4. avatar doubletrouble sagt:

    Mal angenommen Stamm wäre nicht bestraft worden und könnte mit Können und durch Ausfälle aufs Podium segeln. Wie würde es ankommen, wenn im Internet Fotos kursierten, die von der Crew oder den Passagieren der Professor K. gemacht wurden, die zeigen wie jemand AUF seinem Boot hilft?

    IMHO hat die Jury zu hart bestraft. 36h Penalty hielte ich für i.O. Vor allem haben die Jury-Members hier einen Präzedenzfall in Richtung ZERO-TOLERANCE geschaffen unter dem der Spirit der VG auch in Zukunft leiden wird.

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  5. avatar mika sagt:

    hey stefan, guter artikel… die letzte vendee vor vier jahren hat schwer dazu beigetragen warum ich aufs segeln gekommen bin. die typen und insbesonders die frauen haben einfach nen richtigen arsch in der hose und das herz am rechten fleck. und dann wartet man vier jahre und hängt seit zwei monaten tag für tag am tracker und aouf einmal machts nur noch pfffffffffffffffffffffff…. luft raus!

    aber muss man noch nich aufgeben alleine die reaktion seiner “konkurennten” ist unglaublich, darum ist der ac für mich nichts wert. und stamm wird egal was passiert nach hause segeln, sie werden ihn dort gebührend empfangen und er wird teil dieses rennen bleiben. und die vendee globe ist um eine legende reicher…

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  6. avatar Klaus sagt:

    Ein bisschen dünnhäutig ist das schon Stefan, wenn du aus verständlichem Frust über die sture Jurientscheidung nun plötzlich ganz das Interesse für dieses spannende Rennen verlierst. Hat es je einen so packenden Zweikampf an der Spitze dieser oder anderer Langstreckenregatten gegeben? Verdienen die anderen Kämpfer nun keine Beachtung mehr?

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    • Hast ja recht. Ich schaue auch noch weiter. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack, der die vorher so leckere Veranstaltung irgendwie auch ein wenig versaut.

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  7. avatar Sailor78 sagt:

    Ja Digger, die Jury besteht sicher nicht aus verknöcherten Funktionären! Es sind Leute, die eine umfangreiche Ausbildung bei ihrem nationalen Verband und beim internationalen Verband absolviert haben. Solch eine Ausbildung dauert einige Jahre lang und wir alle können uns freuen, wenn diese Leute eigene Erfahrung als aktiver Regattasegler mitbringen.
    Hast Du mitgerechnet? Bevor man 45 Jahre alt ist, wird das selten funktionieren!

    Die Teilnehmer investieren unermessliche Summen in die erfolgreiche Teilnahme an solch einer Regatta. Diverse Regeln werden vom Veranstalter und den entsprechenden Verbänden aufgestellt. Die Segler verlassen sich darauf, daß der schnellste das Rennen gewinnt, sofern er alle Regeln eingehalten hat und eventuelle Strafen absolviert hat. Das ist ihr gutes Recht!
    Die Jury muß mit den vorliegenden Regelungen arbeiten. Nicht mehr – nicht weniger.
    Dafür wird sie eingesetzt! Das erwarten Teilnehmer, Veranstalter und Segelverband von der Jury.

    Wir alle wissen, das die Regelung mit dem Abseits etwas einfacher zu verstehen ist, als die Regeln beim Segeln! Wir wisssen, daß Segeln mehr unbedarfte Zuschauer begeistern könnte, wenn die Regeln nicht so verflixt kompliziert wären. Aber dafür lieben wir unseren Sport!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 9 Daumen runter 9

  8. avatar Andreas Lindlahr sagt:

    Da die Hilfeleistung nicht gewollt war, außerdem der Sicherheit diente, ist die Strafe gemessen an der tatsächlichen Gesamt-Leistung dieses großartigen, ehrlichen Typen, völlig überzogen und einfach kompletter Schwachsinn. Sie wird weder dem Rennen, den Protagonisten noch dem Publikum gerecht. Ich beantrage daher, die Jury sofort zu entlassen und eine neue einzusetzen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 5

  9. avatar Christian1968 sagt:

    Digger hat völlig recht. Aber vielleicht wird die Entscheidung ja noch revidiert.

    Auch wenn Bernhard bei diesem Rennen keine Chance auf den Gesamtsieg mehr hat: Er hat ja damals das Velux 5 Oceans überlegen gewonnen und das Bild seines Bootes wurde zum Sportfoto des Jahres gewählt.

    Für uns alle nochmal zum Genießen, was bei mir zuhause überm Sofa hängt 🙂
    http://www.sail-world.com/photos_2010/Med_VELUX_BEST_OF_0607_10000.jpg

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