Diskussion: Wenn sich Cruiser und Racer unterhalten, kann es bösartig werden

"Idiotischer Kram" - "Bekloppte Segler"

Der Spaß hört auf, wenn Boote kollidieren. Das haben einige Segler vermutlich aus dem Fahrtensegler-Lager in einer Facebook-Diskussion über einen Match-Race-Crash deutlich gemacht.

“Finde den Fehler :-)”, hieß es nur vom Verfasser des obigen Video-Posts auf der Segeln-Fanseite. Und es war nicht ganz klar, was er denn nun meinte. Die Antwort auf die Vorfahrt-Frage?

Die ist auf den ersten Blick nicht so klar ersichtlich. Das einfache von Kommentatoren genannte “Backbord vor Steuerbord” greift genauso wenig wie der Hinweis auf die “Kurshaltepflicht” oder die Kollisionsverhütungsregeln (KVR).

Ainslies Kollision mit Richard. Die Pinne des Franzosen zeigt geradeaus. Er tut nicht alles, um auszuweichen. © wmrt

Ainslies Kollision mit Richard. Die Pinne des Franzosen zeigt geradeaus. Er tut nicht alles, um auszuweichen. © wmrt

Sicher ist, dass Schwarz  durch die Scheinwende versucht, Gelb in eine Falle zu locken. Vermutlich um einen eigenen Penalty auszugleichen, der durch eine gelbe Flagge auf dem Schiedsrichter-Boot angezeigt wird. Schwarz täuscht also eine Wende an, um dann weiter auf dem alten Kurs zu steuern und hofft auf eine Regelverletzung des Gegners.

Strafe für Schwarz

Das geht allerdings daneben. Zu 90 Prozent würde Schwarz die Strafe erhalten, denn es greift insbesondere die Regel 16.1 , der zufolge ein vorfahrtberechtigtes Boot, das seinen Kurs ändert, Raum zum Ausweichen geben. Die Frage ist also, ob Gelb eine ausreichende Chance zum Reagieren hatte. Die Schiedsrichter werden beurteilen, ob Gelb rechtzeitig die Pinne gelegt und alles Mögliche zur Kollisionsverhinderung getan hat. Das scheint der Fall zu sein.

Die Regel mag also klar sein. Schwarz hat vermutlich einen Fehler begangen. Für Regattasegler wäre die Sache damit erledigt. Fehler passieren, das Regelwerk greift, Schwarz erhält die Strafe, beim nächsten Mal wird sich der Skipper anders verhalten.

Aber für die Segel-Community hat das Video offenbar eine andere Tragweite. Es soll symbolisieren, wie weit die Welten des Regatta- oder Match-Race-Segelns und des Fahrtensegelns auseinander liegen. Es sei schließlich selbstverständlich, auf dem Wasser alles zu tun, um einen Crash zu vermeiden.

Krasse Reaktionen im Netz

Die Reaktionen auf die gut gemeinten Erklärungsversuche eines regelkundigen Kommentators sind krass:

…Idiotischer Kram für, wasweissich, für ne Zielgruppe. Völlig an Segeln vorbei sorry. Die Butschies sollten sich lieber in der heimischen Badewanne austoben. Da sind die Platzverhältnisse ja ähnlich…

…Aber so ein Dreck ist mir selten untergekommen. Sich permanent auf nem Seegebiet so gross wie mein Laken runzutreiben und ausser protestieren nix zu machen hat m.M. nach nichts mit segeln zu tun sondern ist wohl was spezielles für Leute in einer analen Phase…

…Hab mir eben nochmal ein paar dieser bekloppten Rennen angeschaut. Welch ein Geschreie, ständig umringt von Schlauchbooten! Auf engstem Raum Boote ruinieren. Wie so ein Unsinn Freude machen kann, erschließt sich mir überhaupt nicht. Das ist für mich die abartigste Form des Segelns !…

“Zwei bekloppte Segler”

…welch ein hahnebüchener Unfug! Zwei Boote, in wunderschöner Natur, völlig alleine kollidieren wegen eines Matschrennens? Sag jetzt nix mehr , bin besser raus!…

…Zwei bekloppte Segler haben massenhaft Platz und fahren sich gegenseitig in die Boote. Und darüber wird hier stundenlang philosophiert. Ich finde die Aktion einfach nur dämlich und kindisch!…

…gelb hat noch einen Kardinalfehler oben drauf gelegt. Das Manöver des letzten Augenblicks wird IMMER nach steuerbord ausgeführt….

…interessant was da herumgeeiert wird: Backbordbug vor Steuerbordbug. PUNKT. Kurshaltepflicht bei einem Race *gnnnnnnnn*…

…wenn der Kurshalter wirklich Kurs und Geschwindigkeit gehalten hätzte, und keinen Nahezuaufschießer fabriziert, wäre die Sutiation klar gegangen. Regel 12 KVR gilt auch bei Regatten…Auf irgendwas muss sich der Ausweichpflichtige ja wohl auch verlassen können…

…Dieses ganze Match Gehabe geht einem echt auf den Senkel! Sich die Boote zu demolieren ist idiotisch! Punkt!…

Geringes Verständnis

Das Verständnis für die Segel-Profis ist offenbar gering. Dabei kommt es bei einem Segel-Duell sicher zu weniger Bootskontakten als bei der durchschnittlichen Mittwochsregatta. Das Regelwerk bestraft nachträglich oft auch denjenigen, der im Recht war, wenn er eine Kollision billigend in Kauf genommen hat. Und mögliche Schäden muss der Segler sofort bezahlen, wenn er im Wettbewerb bleiben möchte.

Dennoch kommt es hin und wieder zu Crashes. Ein schönes Beispiel ist dieses Manöver von Ben Ainslie, mit dem er den Franzosen Richard auf dem falschen Fuß erwischt. Der tut zu wenig, um auszuweichen und wird bestraft:

Auch bei den modernen Duellen mit Katamaranen kommt es zu solchen so genannten Dial Down-Manövern. In diesem Fall wird Blau bestraft, weil Grün nicht genug Raum zum Ausweichen erhielt:

Solche Crashes sind extreme Situationen. Die Regeln wurden gemacht, um Kontakt zwischen Booten zu verhindern. Das funktioniert meistens ziemlich gut. Kollisionen sind immer die Ausnahmen. Sie taugen nicht dafür, die Segelwelten zu spalten. Denn die meisten Regattasegler verbringen ihre Freizeit ebenso beim Fahrtensegeln auf dem Wasser, wie Cruiser, die vom Wettberwerb nichts wissen wollen. Alle eint die Liebe zu Wind, Wellen und Wasser. Es ist eigentlich schwierig, etwas Trennendes zu finden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Diskussion: Wenn sich Cruiser und Racer unterhalten, kann es bösartig werden“

  1. Ich persönlich finde es gerade toll, wie facettenreich unser Sport ist. Einige mögen das eine lieber und andere eben das andere.

    Bei einer “Internetdiskussion” fehlt leider der komplette Respekt gegenüber anderen und eben auch gegenüber den Profis, die diesen Sport betreiben.

    Ich finde es gerade toll, auf welchen schönen Revieren, mit was für tollen Booten man Regatten oder fahrtensegeln kann.

    Ich muss ganz erlich sagen, dass mir die Diskussion zwischen Fahrten – und Regattasegeln dabei echt nicht erklärlich ist. Ich kenne keinen Regattasegler, der das Fahrtensegeln komplett ablehnt, im Gegenteil, ich persönlich habe großen Respekt vor Touren die ich mir in der Crewzusammensetzung nicht zugetraut hätte.

    Trotzdem liegt mir das Fahrtensegeln nicht. Es ist mir zu langweilig.

    Trotzdem habe ich akzeptanz und Respekt vor denen, die dieses Hobby ausüben und freue mich über jedes Boot auf dem Wasser.

    Im Internet geht der Respekt komplett verloren, aber evtl. sollten sich einige auch mal bei der Diskussion im Segelclub an die Nase fassen und nicht einfach “alles was anders ist doof” finden…..

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  2. avatar Friedrich sagt:

    Ja ja, die wahre Lebenskunst liegt im Lassen. So lassen wir denn den Fahrti Fahrten und hoffen, dass er und alle die anderen uns weiter Regattasegeln lassen und nicht irgendwann ein Politiker um die Ecke kommt und meint, das sei ja alles viel zu gefährlich und zwangsweise Bilder von Wasserlaichen auf Regattaprogramme drucken lässt…

    So beruhigend, dass garantiert jeder von diesen hitzköpfigen Facebook-Kommentatoren sofort hektisch anfängt, an seinen Schoten zu reißen, wenn man mit ihm auf gleichem Kurs segelt.

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    • avatar Rabarber sagt:

      “So beruhigend, dass garantiert jeder von diesen hitzköpfigen Facebook-Kommentatoren sofort hektisch anfängt, an seinen Schoten zu reißen, wenn man mit ihm auf gleichem Kurs segelt.”

      @Friedrich: Ich kenne ein paar solcher Kommentatoren persönlich. Das Schlimme ist, dass sie häufig überhaupt nicht segeln (und noch weniger segeln können) sonder nur darüber quatschen, am besten im Netz. Und deshalb kommt da auch oft so ein Mumfitz raus.

      Aus dem Grund habe ich persönlich bspw. mittlerweile sämtliche Segelforen und Segel-FB-Seiten verlassen….

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  3. avatar Telefonhörer sagt:

    Cool, mich würde interessieren, was die gleichen Kommentaroren zu einem Boxkampf, zum Fechten oder zum Ringen sagen 😀

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  4. avatar lauterbach sagt:

    wer nun hier recht hat bzw vorfahrt ist nebensächlich, entscheidend ist, daß die isaf-wettfahrtregeln dafür gemacht wurden, strategisch mit ihnen umzugehen, aber nicht ständig kollisionen zu riskieren. noch vor 30 jahren war das nicht so und die, die es drauf anlegten, wurden geschnitten und sanktioniert, …heut gibt es rechtsanwälte und versicherungen. bestimmt 70-80% aller regattasegler sind auch fahrtensegler, nur umgekehrt ist die beteiligung von fahrtenseglern an regatten wohl eher bei 20-30 %, insofern können wir davon ausgehen, daß bei letzterem das verständnis für solch gefährliche mannöver (und eine angetäuschte wende ist in diesem fall zumindets fahrlässig und gefährlich) eher gering ausfällt. im internet in vielen seglerforen treiben sich sicherlich wenig profis rum, daher nehme ich die meisten beiträge nicht so ernst, einfach lassen ist wohl das beste!

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