Bei der ORCi Weltmeisterschaft wurde die Unsportlichkeit-Regel 69 strapaziert

"Eindrucksvoller Akt sportlicher Fairness..." oder nicht?

Von Carsten Kemmling

In einer Pressemitteilung des Veranstalters zur ORCi Weltmeisterschaft heißt es:

"Bohemia Express" gab nachträglich die Langstrecke auf, weil das Team von einer Untiefe motorte. Aus Fairness oder aus Angst vor einem Unsportlichkeit-Protest?© Christian Beeck/Fotographie CB

„Doch in einem eindrucksvollen Akt von sportlicher Fairness entschloss sich „Bohemia Express“, als Reaktion auf einen früheren Protestes, bei dem es um eine umstrittene Grundberührung ging, die sich am Donnerstag während der langen Offshore Regatta ereignete, von diesem Rennen zurück zu treten. Da nach dem Reglement des ORC das Ergebnis nicht gestrichen werden darf, kostete sie diese Entscheidung den Platz auf dem Treppchen. Sie fielen auf den 4. Platz zurück und verhalfen damit „Beluga“ an die Spitze.”

Die Version in der Pressemitteilung des Siegers „Beluga“ klingt  etwas anders:

„Stärkster Konkurrent war die tschechische „Bohemia Express“ vom Typ Grand Soleil 42 R, die jedoch bei der Langstreckenregatta auf Grund lief und sich bei schwer auflandigem Wind und Wellen nicht ohne Motor befreien konnte. Die Proficrew der Yacht bestritt jedoch den Einsatz des Motors.

Diverse Zeugenaussagen veranlasste die Jury gemäß Regel 69 der Wettfahrtregeln dazu, gegen die „Bohemia Express“ Protest einzulegen. Um eine mögliche Bestrafung wegen unsportlichen Verhaltens zu vermeiden, zog es die tschechische Yacht erst nach der letzten Wettfahrt am Samstag vor, das Langstreckenrennen vom Donnerstag nachträglich aufzugeben.“

Die Geschichte erinnert an den kanadischen Finnsegler Larry Lemieux. Der hatte 1988 bei den Olympischen Segelregatten vor dem koreanischen Pusan Joseph Chan aus Singapur gerettet und dafür unter großer medialer Beachtung die Fair Play Trophäe erhalten. Er wurde für diese Tat sogar in die Alberta Sport Hall of Fame aufgenommen.

Bei 35 Knoten Wind soll er auf dem zweiten Platz liegend abgedreht sein und Kurs auf das 470er Team aus Singapur genommen haben, das gekentert war. Es heißt, er habe seine Chancen auf eine Medaille ohne groß nachzudenken aufs Spiel gesetzt um den armen Asiaten zu helfen.

Man munkelt aber in der Szene, dass ganz andere Gründe als Fair Play  zu der Rettungstat geführt haben. So soll Lemieux, der nicht gerade als Sonnenschein der Finn-Szene galt, durchaus mit der damals relativ neuen Wiedergutmachungsregel spekuliert haben.

Er erhielt jedenfalls wie für einen solchen Fall vorgesehen, den zweiten Platz gutgeschrieben, den er zum Zeitpunkt des Rennens bekleidete. Durch die Rettungstat drohte also nicht der mögliche Verzicht auf die Medaille, die er am Ende auch nicht gewann.

Es mag sein, dass dem Kanadier auf Platz zwei liegend die Puste ausging und dann der 470er vorbei trieb. Vielleicht wollten die Jungs gar nicht gerettet werden. In der Szene wird geredet, dass Lemieux damals zum Helden wider Willen wurde, auch wenn das nicht zu beweisen ist.

Den Jungs von der „Bohemia Express“ bleibt dieses Schicksal jedenfalls erspart.

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Carsten Kemmling

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