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Eissegeln: Faszination des DN-Schlittens und seine Geschichte

Brettern bis zum Abwinken

Die Eissegelsaison in den USA ist wieder einmal deutlich ergiebiger als hierzulande. Im Video rasen zwei DN Schlitten über den spiegelglatten Lake Megunticook im US Bundesstaat Maine. Geschichte der Klasse

Start der 15er Eisschlitten auf dem kurischen Haff in den dreißiger Jahren

Start der 15er Eisschlitten auf dem kurischen Haff in den dreißiger Jahren. © Archiv Prof. Dr. Hans Behrbohm

Der Winter gilt als grausam segelfreie Zeit, lässt sich aber bei stabiler Ostwindwetterlage und sibirischen Permafrost-Bedingungen mit einem Segelschlitten überbrücken. Wenn Anlasser die Autobatterie matt nudeln, im öffentlichen Nah- und Fernverkehr Türen, Weichen oder ganze Züge klemmen, wenn alles hustet, motzt und niest, dann geht für Eissegler die Sonne auf.

Hardware in der Garage

Spätestens Donnerstag ist für den Insider anhand der absehbaren Eis- und Wetterlage klar, wo am Wochenende was geht. Seine Hardware hat er allzeit in der Garage parat. Ein handlicher DN-Schlitten im Format einer verlängerten Seifenkiste ist flott auf den Gepäckträger gebunden. Die Seen des Voralpenlandes empfehlen sich mit extra Minusgraden.

Bewährte Eissegelreviere Norddeutschlands sind das Steinhuder Meer, der Wittener See, die Schlei, die Boddengewässer Mecklenburg-Vorpommerns oder beispielsweise der Scharmützelsee im Südosten Berlins. Wenn es sein muss wird nach Schweden, Finnland, Estland, Polen oder an den Baikalsee ausgewichen. Man kann auch auf dem Genfer See oder in Italien auf dem Reschensee Eissegeln.

Das Nirwana ist blankes Eis

Die Eissegelsaison ist für die Szene eine Art Ausnahmezustand, weil nur bei passenden Bedingungen etwas geht. Das Nirwana ist glattes, blankes Eis, Wind und Temperaturen bis minus 20 Grad Celsius. Dieses Bedingungen finden die beiden Amerikaner in ihren DN Schlitten auf dem Megunticook See. Da wird dann gebrettert bis zum Abwinken und es steht oder geht wirklich keiner mit dem üblichen Fragen auf dem Eis herum. Ein paar Mal wird es diesen Winter an den richtigen Spots noch gehen. Dann ist es aber Zeit für das Frühjahr und den Sommer.

Geschichte des Eissegelns

Sie beginnt wie auch der Segelsport selber in Holland mit dem Fischfang. Zunächst nutzen die Holländer ihre zugefrorenen Grachten und Binnengewässer für erste Experimente. Später geht es im winterlichen Ostpreußen mit sogenannten Fischerschlitten auf’s Kurische Haff, wo durch freigehackte Löcher im Eis gefischt wird. Für die lange Anfahrt hinaus und Rückkehr eignen umgebaute Kähne mit Kufen. Gesegelt wird mit schweren und nachgiebigen Flachs- oder Baumwolltüchern.

Die Anfänge

Weil Wettkampf gleich welcher Art, auch die Jagd um erste Plätze auf dem Eis, erst organisiert Sinn macht, gründet Erik von Holst (1894 – 1962) die Europäische Eissegel Union. Vier Jahre später entwirft er die XV Eisyacht mit 15 Quadratmetern Segelfläche als Einheitsklasse, 1937 den sogenannten „Volkseissegler“ mit 12 qm. In den dreißiger Jahren kommen Regatten mit beeindruckend vielen Teilnehmern zustande. Die Schlitten sind mit bis zu 130 km/h schneller als damalige Autos. Im Amerika fährt 1935 ein Chevrolet mit einem Eissegler um die Wette

 Der DN Schlitten

 Dem entscheidenden Schub kriegt das Eissegeln mit einer Ausschreibung der Detroit News, die Enthusiasten gleich Platz zum Eigenbau der ersten fünfzig Exemplare des Siegermodells bietet. Es heißt zunächst „Blue Streak 60“, wobei die Zahl für die Segelfläche in Quadratfuß (etwa sechs qm) steht. Bald heißt der Segelschlitten nach den Initialen der Tageszeitung kurz und bündig DN. Die handliche Größe und die Möglichkeit zum günstigen Eigenbau sind das Erfolgsrezept des weltweit beliebtesten Schlittens.

Der DN Schlitten heute

Der Blue Streak 60 von damals hat bis zur meisterschaftstauglichen DN-Rennmaschine von heute eine rasante Entwicklung durchgemacht. Flexible Masten federn Böen automatisch ab und sorgen dafür, das sämtliche drei Kufen überwiegend auf dem Eis bleiben. Der eigenwillig in der unteren Hälfte gekrümmte Mast zieht das Profil aus dem Tuch und reduziert so den Windwiderstand. Da Kohlefaser die erhebliche Kompression der arg gebogenen Masten nicht verträgt, werden die DN Eissegelmasten aus nachgiebiger Glasfaser laminiert.

DN Eisschlitten: Länge 3,60 m, Mittelplanke 2,40 m, Mastlänge 4,70 m, Segelfläche 6,50 qm, Rumpfgewicht mindestens 21 kg, Geschwindigkeit circa 100 km/h. Werft Bopp & Dietrich, 31515 Wunstorf/Steinhude. Telefonische Eissegelwetter-Vorhersage ab Donnerstagabend: 06979 – 124 35 98. Deutsche DN Klassenvereinigung.
Eissegelmuseen: Darß-Museum, 18375 Prerow, Waldstraße 48, Tel: 038233 – 69750
Förderverein Europäisches Eissegelmuseum e.V. Am Strand 1, 15834 Rangsdorf, Tel. 0170 – 16 11 410

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „Eissegeln: Faszination des DN-Schlittens und seine Geschichte“

  1. avatar g-123 sagt:

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