Farrallon-Katastrophe im April: Warum fünf Segler sterben mussten.

Die Todeswellen

Die Low Speed Chase kurz nach dem Start beim Farrallon Full Crew Race, April 2012©privat

Die Low Speed Chase kurz nach dem Start beim Farrallon Full Crew Race, April 2012 © privat

Eigentlich wollten sie mal so richtig zeigen, was sie draufhaben. Der 41jährige Bradford, Eigner der 11-m-Yacht „Low Speed Chase“ (Sydney 38), heuerte für die Traditionsregatta „Farrallones Full Crew“ vor San Francisco den Profi-Skipper Cahill (36) an, der wiederum seinen Regatta-erprobten Kollegen Chong (38) als Großsegel-Trimmer an Bord brachte. Diese drei und fünf weitere Crew-Mitglieder, alle erfahrene Segler auf der Low Speed Chase, hatten an diesem Tag nur eine Mission: Sieg.

Schlechte Vorzeichen

Doch schon vor dem Start lief alles schief: Cahill berechnete die Ebbeströmung falsch und die Low Speed Chase wurde bei den zunächst vorherrschenden leichten Winden einfach mal eben über die Linie geschoben – vor dem Start. Höchststrafe für jeden Regattasegler in der Bucht von San Francisco: Sie mussten jenseits der Startlinie ankern und auf mehr Wind warten, um wieder zurück zu segeln und einen neuen Start hinzulegen. Verspätung: 1 Stunde. Worauf  die Low Speed Chase-Crew das Tagesziel etwas korrigierte: Von „Sieg“ auf „bloss-nicht-Letzte-werden“.

Die Farrallones-Regatta wird seit Anfang des letzten Jahrhunderts gesegelt und vom St. Francis-Yachtclub ausgerichtet. Sie führt über 60 sm rund um die unbewohnten südöstlichen Farrollone-Inseln; Start und Ziel liegen vor dem Yachtclub. Noch nie in der langen Geschichte der Regatta gab es lebensbedrohliche Situationen für teilnehmende Segler.

Sechzig Schiffe hatten gemeldet, wobei die Low Speed Chase eigentlich in der ersten Gruppe starten sollte.

Doch nun trieben sie ihre Konkurrenten vor sich her, was aber offenbar nur wenigen an Bord die Stimmung vermieste. Man freute sich auf einen tollen Segeltag und als sie unter der Golden Gate Bridge fuhren, frischte wie vorhergesagt der Wind auf 20-23 kn auf.

Die Crew trug Seebekleidung und Rettungswesten, von denen wiederum 5 mit Lifebelt und -line versehen waren, aber zu keinem Zeitpunkt der Regatta eingehakt waren.

Die Low Speed Case konnte mit einem Anlieger auf die Farrallones zuhalten und machte gegenüber einigen Konkurrenten bereits wieder Meilen gut. Steuermann Cahill hatte in seinem GPS einen Wegepunkt südöstlich des nordöstlichen Inselzipfels gesetzt.

Als sich das Schiff der Insel näherte, frischten Wind und Seegang auf und die Crew beobachtete mehr und mehr weiße Wellenkämme. Ab dem Wegepunkt North Ledge gilt es, in einem kleinen Bogen um eine bekannte Untiefe zu fahren.

Route der LSC. Auffallend: ein weiteres Schiff (grün) ist problemlos über die Untiefe gekommen©US Coast Guard

Route der LSC. Auffallend: ein weiteres Schiff (grün) ist problemlos über die Untiefe gekommen © US Coast Guard

5° führen zur Katastrophe

Die meisten Yachten steuerten an diesem Tag ca. 240° um mindestens 15m Wassertiefe unterm Kiel zu wissen – Cahill hielt mit 235° ziemlich genau auf seichte Gewässer mit höchstens 8 m Tiefe zu.

An Bord der Low Speed Chase herrschte bereits eine gewisse Vorbereitungsstimmung für den bald anstehenden Spikurs, fünf saßen auf der Kante, Cahill und Chong etwas tiefer, der Vordeckmann bereitet bereits den Spibaum vor. Chong schätzte die Entfernung zu den brechenden Wellen an der Insel ca. 10 Bootslängen, als eine sehr hohe Welle – offenbar die höchste, die sie bisher an diesem Tag sichteten – auf das Schiff zurollt, es anhebt, aber erst ein paar Meter weiter bricht. Ein Raunen geht durch die Crew, aber keiner scheint sich wirklich Sorgen zu machen.

Augenblicke später, sehen sie eine weitere, noch höher auftürmende Welle auf sich zurasen. Der Kamm bricht bereits, die „Rolle“ ist deutlich zu erkennen. Chong wird später erzählen, dass er in diesem Moment zum ersten mal Angst bei seinem langjährigen Freund Cahill verspürte.

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Michael Kunst

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8 Kommentare zu „Farrallon-Katastrophe im April: Warum fünf Segler sterben mussten.“

  1. avatar T.K. sagt:

    Eigentlich ist die Geschichte zu traurig um sie noch zu kommentieren. Dennoch: Wenn man sich im Originalbericht die Wetterbedingungen anschaut, kann einem schon vom Lesen grausen wie hoch der Schwell (weniger der Wind) lt Vorhersagen an diesem Tag gehen konnte:

    Es war für diesen Tag ein NW-Schwell von 15 Fuss vorhergesagt, die maximal erwartete Wellenhöhe für diesen Tag wurde mit 30 Fuss verhergesagt. 2 bis 3 Wellen pro Stunde wurden mit 25 Fuss vorhergesagt. Nur mal die 25 Fuss angenommen (immerhin alle 20 min!) entspricht das einer Wellenhöhe von 7,50Metern!!!!!

    Unfassbar finde ich, dass quasi ALLE Teilnehmer auf dem Plot oben (Foto)
    in haarstreubender Lebensgefahr waren! Ich kann es kaum lauben, bei einer so hoch vorhergesagten Welle soooo nah (besser über) einer Untiefe und dazu noch in Legerwall zu segeln. Die anderen haben alle echt Schwein gehabt!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

    • avatar Ketzer sagt:

      Ich sehe auf der Karte um die Insel herum nur ~20 m Tiefe max. Da wären 7,5 m hohe Wellen schon recht radikal, egal wo man segelt. Erscheint mir daher etwas unschlüssig, dass diese Wellen dort auftauchen sollten, aber weniger reicht ja auch schon, wie man sieht. Die waren alle knapp dran…

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      • avatar o.h. sagt:

        Nun, nach Adlard Coles Heavy Weather Sailing reichen brechende Wellen von 30% der Rumpflänge um eine Yacht zum kentern zu bringen. Bei 38 Fuss sind das brechende Wellen von 3,86m. Er schreibt, dass man das nur verhindern kann, indem man brechende Wellen vermeidet. Muss also nicht mal 7,50m sein, wenns von der Breitseite kommt…

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    • avatar Manfred sagt:

      Danke für den guten und lehrreichen Kommentar.
      Mehr wollte ich Angesichts des traurigen Ereignisses auch nicht sagen.

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  2. avatar o.h. sagt:

    Also wenn ich mir die Karte ansehe, muss ich gestehen, dass ich da nicht unbedingt Brecher erwartet hätte. Allerdings ist die Dünung schon ein ordentliches Brot. Der Fehler hätte mir auch passieren können, gerade wenn man versucht aufzuholen.

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    • avatar Wilfried sagt:

      das ist vor San Francisco und nicht die Ostsee. Lange Dünung und Anstieg der Wassertiefe von 17 auf 4 m. Wo, wenn nicht da, sollte man Brecher erwarten? Bei der Ostsee hättest wohl recht gehabt.

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      • avatar o.h. sagt:

        Nun, bisher hatte ich das Vergnügen Pazifik noch nicht. Und ein anderes Boot hat die gleiche Stelle ja völlig ohne Probleme passiert.

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  3. avatar Stumpf sagt:

    Eigentlich wollte ich noch was zu langer Dünung und steil ansteigendem Meeresboden im Pazifik schreiben, aber…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

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