Goldene Sportpyramide: Jochen Schümann in einer Liga mit Steffi Graf und Beckenbauer

Die Krönung

Jochen Schümann steuert hier die "Esimit Europa 2" immer noch auf Weltniveau.

Jochen Schümann steuert hier die “Esimit Europa 2” immer noch auf Weltniveau. © Vicent Bosch

Höchste Auszeichnung des deutschen Sports geht erstmals an einen Segler. Dreimal Olympia-Gold und zwei America’s Cup-Siege haben „Schümi“ unsterblich gemacht.

Deutschlands erfolgreichster Segler aller Zeiten steigt endgültig in die oberste Reihe der Sportstars auf. Jochen Schümann erhält die Goldene Sportpyramide und wird in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Damit ehrt ihn der Stiftungsrat der Deutschen Sporthilfe als herausragende Sportlerpersönlichkeit. Gewürdigt wird das Lebenswerk des 59-Jährigen aus dem oberbayrischen Penzberg, der vier Olympiamedaillen, davon drei goldene, gewann und mit dem Schweizer Syndikat Alinghi zweimal den America’s Cup holte.

Als einziger der bisher Geehrten ist der Skipper und Steuermann nach wie vor auf Weltniveau selbst aktiv. „Schümi“ siegt mit der slowenischen Maxi-Yacht „Esimit Europa 2“ als Botschafter für die Einheit Europas wie am Fließband: In 27 Rennen hatte er bis heute 27 Mal den Bug vorn.

Die Goldene Sportpyramide der Stiftung Deutsche Sporthilfe

Die Goldene Sportpyramide der Stiftung Deutsche Sporthilfe. © Kay Herschelmann

„Das ist eine große Ehre, die mich persönlich sehr überrascht hat“, reagierte Schümann in einer ersten Stellungnahme, „damit hätte ich niemals gerechnet.“ Es erstaune, dass damit auch die Segelwelt im Allgemeinen so eine Anerkennung erfahre.

Die Goldene Sportpyramide, die es seit 2000 gibt und nur einen Preisträger pro Jahr hat, wird am Freitag, dem 16. Mai, auf einer Benefiz-Gala im Berliner Nobelhotel „Adlon“ überreicht. Die Laudatio hält Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Das Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro wird der Geehrte an ein wohltätiges Sportprojekt weiterreichen. Diese Auszeichnung stellt Schümann in eine Liga mit Steffi Graf (2008), Franz Beckenbauer (2006), Max Schmeling (2005), Uwe Seeler (2002), Rosi Mittermaier-Neureuther (2001) und neun weiteren Topathleten.

Wollte lieber Physik oder Medizin studieren

Geboren im Ost-Berliner Stadtteil Köpenick begann der Stern Jochen Schümanns vor mehr als 40 Jahren unter der Flagge der DDR zu leuchten. Bereits im Alter von 22 Jahren gewann er 1976 überraschend im kanadischen Kingston sein erstes Olympia-Gold im Finn-Dingi. Die politisch begründeten Olympiaboykotte 1980 und 1984 hätte seine Karriere beinahe frühzeitig beendet.

Das Multitalent, das eigentlich Physik oder Medizin studieren wollte, war schlicht genervt von den Absagen. Vereinskameraden aus dem bis heute überaus erfolgreichen Yachtclub Berlin-Grünau (YCBG) mussten ihren Besten überzeugen, doch weiterzumachen.

Jochen Schümann, hier mit Kindern an Bord der TP52 "All4One" engagiert sich auch für benachteiligte Kinder.

Jochen Schümann, hier mit Kindern an Bord der TP52 “All4One” engagiert sich auch für benachteiligte Kinder. © Guido Trombetta Studio Borlenghi

Im Soling mit Mittelmann Thomas „Flade“ Flach und Bernd „Jäki“ Jäkel folgte der zweite Olympiasieg 1988 in Pusan/Südkorea, für den sich der Steuermann damals einen Lada kaufen konnte. Auf die damalige Sportförderung ließ der Diplom-Sportlehrer, der seinen Abschluss an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig machte, nie etwas kommen.

Die breite Förderung junger Talente sowie die gezielte und konzentrierte Vorbereitung der Spitzenathleten auf besondere Wettkampfhöhepunkte seien nachahmenswert gewesen. Schümann: „Dass mit der Mauer auch einige Werte gefallen sind, die mir wichtig waren, ist bedauerlich.“

“Grausamste Niederlage” gegen Jesper Bank

1996 in Savannah/USA inzwischen für die gesamtdeutsche Mannschaft, stach der „Grand mit dreien“, so einer ihrer Bootsnamen, wieder alle aus. Die Silbermedaille vier Jahre später mit neuer Crew Ingo Borkowski und Gunnar Bahr in Sydney/Australien nach Final-Aus gegen seinen großen Widersacher und Freund Jesper Bank aus Dänemark war eine der „grausamsten Niederlagen überhaupt“.

Zu dem Zeitpunkt hatte Schümann aber schon längst das nächste große Ziel vor Augen, den America’s Cup. Nach teurem Lehrgeld mit dem Schweizer Projekt FAST2000 holte ihn der Genfer Biotech-Milliardär Ernesto Bertarelli als Sportdirektor und Strategen zu Alinghi. Seine Präzision, Ausdauer und Organisationstalent wurden im Team besonders geschätzt.

Seite an Seite mit dem kongenialen neuseeländischen Steuermann Russell Coutts, der dem Deutschenbescheinigte  „zuweilen ein besseres Bootsgefühl als ich“ zu haben, entführten sie die bodenlose Kanne 2003 aus Auckland/Neuseeland.

Schümann (halb hinter der Kanne) nach dem Sieg beim 32. America's Cup mit Alinghi

Schümann (halb hinter der Kanne) nach dem Sieg beim 32. America’s Cup mit Alinghi. © Thierry Martinez

Vor Cupverteidigung selbst ausgebotet

Vor der legendären Cupverteidigung 2007 im spanischen Valencia fällte Jochen Schümann eine folgenrichtige, aber die wohl schwerste Entscheidung in seinem Sportlerleben. Er nahm sich selbst zurück und gehörte nicht mehr zur Stammbesatzung an Bord. Gleichwohl trug der Triumph der Eidgenossen in weiten Teilen auch seine Handschrift.

Beim 33. AC wollte der Ausnahmesegler seinem Heimatland zu mehr Ruhm verhelfen, als den kläglichen vorletzten Platz bei der Premiere des United Internet Team Germany. Aber es folgte der unsägliche Rechtsstreit zwischen Alinghi und dem US-Herausforderer Oracle Racing von Softwaretycoon Larry Ellison („unermesslicher Imageschaden“), der letztlich die traditionsreichste Regatta überhaupt zu Mehrrumpfbooten führte. Doch die seitdem pfeilschnellen, auf Tragflächen übers Wasser fliegenden Katamarane lehnt Schümann als unkontrollierbar und gefährlich ab.

Prinzipientreu trotz Kritik

"Schümi" immer auf der Suche nach deutschen Segeltalenten - hier mit Boris Herrmann (rechts) auf der "Esimit Europa 2" beim Welcome Race der Kieler Woche 2013.

“Schümi” immer auf der Suche nach deutschen Segeltalenten – hier mit Boris Herrmann (rechts) auf der “Esimit Europa 2” beim Welcome Race der Kieler Woche 2013. © Heinrich Hecht

Er kritisierte die Nachwuchssegler um Erik Heil und Philipp Buhl, die beim Red Bull Youth America’s Cup 2013 teilnahmen, obwohl „sie sich besser auf ihre Olympiakampagnen konzentrieren sollten“. Dafür erntete der Übervater auch viel Kritik. Seinen Prinzipien blieb er jedoch treu. Als einer von vier Köpfen des Sailing Team Germany arbeitet der Denker und Lenker mit an dem Anschluss Deutschlands an die Weltspitze und sucht die Medaillenaspiranten für Rio 2016.

Als lebende Legende wird „Schümi“ nun auch in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen, wo bislang Willy Kuhweide der einzige Segler war. Der ehemalige Lufthansa-Kapitän und Pilotenausbilder war über Jahrzehnte der bekannteste deutsche Segler, obwohl er nur einmal Olympia-Gold, ebenfalls im Finn-Dingi holte.

Ein paarmal sind beide sogar gegeneinander angetreten damals, obwohl sie fast eine Generation trennt. „Wir kennen und schätzen uns“, so Schümann, der nun mit der Goldenen Sportpyramide unangefochten die Nummer eins der deutschen Segelgeschichte werden dürfte.

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