Herrmann genervt. Fast 1000 Meilen Rückstand für “Neutrogena”

"Wir agieren bisher etwas unglücklich"

Boris steuert mit Hut aus der Flautenzone. © FNOB

Mit der Einfahrt ins Südpolarmeer scheint sich am 26. Tag der Hochseesegelregatta Barcelona World Race die Spreu vom Weizen zu trennen. Das Spitzenduo mit der „Virbac-Paprec 3“ (Jean-Pierre Dick/Loïck Peyron) knapp vor der „Foncia“ unter Michel Desjoyeaux und François Gabart hat am Dienstag das erste Eisgate passiert und Verfolger „Mapfre“ 500 Meilen abgehängt.

Der Deutsche Boris Herrmann kämpft mit Ryan Breymaier aus den USA an Bord der „Neutrogena“ auf Platz acht der 13 im Rennen verbliebenen Teilnehmer. Er liegt mehr als 900 Seemeilen zurück. Unterdessen müssen die Zehnten, Juan Merediz und Fran Palacio mit der spanischen „Central Lechera Asturiana“, zu einer Notreparatur Kapstadt/Südafrika anlaufen.

Karte am 25.1. Das Führungsduo hat das erste Tor passiert und liegt fast 1000 Meilen vor "Neutrogena" auf Rang acht.

Bis ins Ziel der Nonstop-Regatta rund um die Welt zurück nach Barcelona sind allerdings noch mehr als drei Viertel der 24.000 Seemeilen langen Strecke zurückzulegen. Ende März werden die ersten Boote in Spanien zurückerwartet.

„Willkommen aus dem Fahrersitz unser Rennziege“, begrüßte Boris Herrmann am späten Dienstagvormittag mehr als hundert Besucher im Segelcenter der Halle 17 auf der 42. Internationalen Wassersportmesse boot 2011 in Düsseldorf sowie viele tausend auf www.barcelonaworldrace.org.

Über Satellit und Internet war er live zugeschaltet und berichtete von den jüngsten Wetterentwicklungen an Bord: „Der Wind hat leider wieder abgenommen, nur noch 14 Knoten. Es sieht so aus, als wenn wir den Anschluss an das Tiefdruckgebiet verpasst haben, nach dem wir zunächst noch die gute Brise des letzten Zipfels spürten. Das ist wirklich frustrierend. Wir agieren bisher auch etwas unglücklich.“

Schaurig, schöne Begegnung mit einem Wal. Bei stärkerem Wind können die Open60-Piloten auf eine solche Nähe zu den Meeressäugern verzichten. © FNOB

Die „Neutrogena“-Crew war seit dem Start Silvester in Barcelona bereits dreimal von Flauten „gefangen“ genommen worden und hatte im Vergleich zur Konkurrenz Boden eingebüßt. Als die Temperatur an Bord von 30 Grad am Vortag schnell auf nur noch 15 Grad gefallen war, schnupperten Herrmann und Breymaier schon ein wenig lang ersehnte Polarluft.

„Wir können es kaum erwarten, endlich in den Southern Ocean zu kommen und richtig Gas zu geben“, heißt es immer wieder unisono von der Mannschaft. Nach einer „traumhaften Nacht“ mit Mondschein und frischem Wind wurde die Mannschaft jedoch erneut zu Geduld gezwungen.

Immerhin gab es auch etliche schöne Momente an Bord. So fotografierte und filmte die Crew einen riesigen Wal, der unweit der „Neutrogena“ erst seine Wasserfontäne senkrecht in die Luft blies und dann die Schwanzflosse majestätisch aus dem Wasser hob. „Die ersten Albatrosse haben wir auch schon gesehen“, so Herrmann, „und der Spaß kommt auch nicht zu kurz.“ Ohne Humor sei so eine Strapaze gar nicht erfolgreich zu überstehen. Und das oberste Ziel bleibe, heil und unbeschadet nach Barcelona zurückzukehren.

Schöne, hässliche Optik. Das nette Stimmungsbild kann über den Frust in der Flautenzone nicht hinweg täuschen. © FNOB

Das ist auch die Maxime der Spanier Juan Merediz und Fran Palacio, die am Dienstagnachmittag schweren Herzens den Positionskampf mit der „Hugo Boss“ von Wouter Verbraak und Andrew Meiklejohn (Die Niederlande/Neuseeland) aufgaben und den Hafen von Kapstadt ansteuerten.

„Ein Hydraulikzylinder am Schwenkkiel hat ein Leck, das wir mit Bordmitteln nicht reparieren können“, meldete die Crew der Central Lechera Asturiana“, „und da wir sicher durch den Southern Ocean kommen wollen, bleibt uns keine andere Wahl.“ Der Stopp solle zwar nur wenige Stunden dauern, dürfte aber angesichts der Position mitten auf dem Südatlantik in der Endabrechnung wesentlich mehr Zeit kosten.

ONSAILCTM
Derweil grübelt die Konkurrenz immer noch über die Taktik der beiden Führenden, den westlichen Kurs gewählt zu haben. „Ich ziehe meinen Hut vor deren Entscheidung, so weit nach Westen zu gehen“, sagte Boris Herrmann. “Unsere Wettermodelle haben diese Strategie nicht hergegeben.“ Die einzigen, die halbwegs die gleiche Route wählten, sind die Spanier Iker Martínez und Iker Fernández auf der „Mapfre“. Im Zwischenklassement liegen die 49er Olympiasieger, „nur“ gut 500 Seemeilen hinter den Besten.

Unabhängig von der unbefriedigenden Position im Feld werde weiter ununterbrochen um jeden Meter gekämpft, berichtete der 29-jährige gebürtige Oldenburger weiter, „je weniger Wind wir haben, desto weniger Schlaf kriegen wir, weil ständig getrimmt wird.“ Auch das habe bei ihm und dem 35-jährigen Amerikaner zu einer Art dauerhaften Hungergefühl geführt. Herrmann: „Wir haben genug zu essen an Bord, kauen aber schon Kaugummi, um die Magennerven zu beruhigen.“

Als boot-Moderatorin Celine Maywald aus Düsseldorf den so genannten Geist-Modus anspricht, bei dem man sich mehr als einen Tag von allen Positionsreports verschwinden und vor den Gegnern verstecken kann, war der Skipper skeptisch. „Wir rätseln noch, wo dabei ein Vorteil für uns liegen könnte. Derzeit ist keine Überholspur in Sicht. Wir müssten zunächst dichter an die ‚Mirabaud‘ herankommen, um dann vielleicht ‚aus dem Windschatten‘ vorbeizuziehen“, meinte Boris Herrmann augenzwinkernd.

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