Historie: “Etchells“ verlor 1966 das Olympia-Duell gegen die Soling und lebt immer noch

Fitte alte Dame

Etchells, Australien, Soling

Etchells vor Australien: Ziemlich fitte alte Damen! © Howard Wright

Die internationale One-Design-Regattaklasse „Etchells“ wird weltweit in mehr als 50 Ländern mit mehr als 1.200 Booten gesegelt. Fast überall, nur nicht in Deutschland.

Die „Etchells“ oder bis vor 20 Jahren noch „E22“, ist eine dieser Klassen, die einst beinahe Geschichte geschrieben hätten… und trotz dieses „beinahe“ nicht sang- und klanglos in der Segelhistorie verschwunden sind. Ganz im Gegenteil!

1966, Kieler Bucht. Die IYRU (heute ISAF) war auf der Suche nach einem neuen Kielboot, das bei den Olympischen Spielen 1972 den (mal wieder) nötigen Drive „hin zur Moderne“ bringen sollte. Die 5.5m-Bootsklasse aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hatte ganz offensichtlich ausgedient. Es sollte etwas Frisches, Spritziges aufs Wasser, das zum modernen Segelsport passte.

20 Konstruktionen für Olympia

Am Designwettbewerb zwei Jahre zuvor nahmen insgesamt knapp 20 Entwürfe teil – in der Kieler Bucht trafen sich schließlich 5 Bootsklassen, die es bereits in Serie gab, deren Werften in den „Startlöchern“ standen oder eben Prototypen wie die „Shillalah“ des US-Konstrukteurs Skip Etchells aus Connecticut.

Schließlich segelten in Regatten und direkten Vergleichsfahrten Bootsklassen wie „Conqueror“, „Thrice“, „Ander“ und „Kobold“ gegeneinander – schnell fokussierte die Jury allerdings auf zwei sich schon optisch sehr ähnelnde Klassen: Die „Soling“ (Länge: 8,20m /24,3qm am Wind) und die „Etchells“ (9,20m, 27 qm am Wind).

„Shillalah“ gewann von 10 gesegelten Wettfahrten schließlich acht – und zwar haushoch.

Etchells, Australien, Soling

Etchells im Luvkampf © Howard Wright

 Nochmals von vorn, bitte!

Die Jury überzeugte das ganz offensichtlich nicht und man wollte eine erneute Sichtung vornehmen, ein Jahr später vor Travemünde.

Hierzu erschienen der norwegische Soling-Konstrukteur Jan Linge mit einem nagelneuen Boot aus leichterem GFK, und auch Skip Etchells hatte seinen Holz-Prototypen gegen einen brandneuen Kunststoff-Rumpf ausgetauscht.

Die IYRU lud zwar noch die „5.5er“ und den „Drachen“ zu den Vergleichswettfahrten, doch alle waren wie gebannt vom Duell der „Shillalah 2“ und der „Soling“.

Shillalah gewann von 13 Wettfahrten 10 deutlich, die elfte verlor sie mit einer Sekunde Rückstand.

Warum sich die YRU-Jury letztendlich doch für die Soling entschied, wurde nie öffentlich begründet. Das ist eben so und basta!

 Überzeugend durch Segelspaß

Interessanterweise war dieses „no, njet, non, nein“ für Skip Etchells eine geringere Niederlage, als es zuerst den Anschein hatte. Kaum zurück in der Heimat, wurden für den Long Island Sound 12 „Etchells“ bestellt, bis 1969 entstanden 36 Boote, 1972 wurde die mittlerweile „E22“ genannte Etchells Einheitsklasse und mit festen Messvorschriften versehen, 1974 folgte der Status einer Internationalen Klasse.

Heute wird das offene Drei-Mann/Frau_Kielboot mit mehr als 1.200 Einheiten in  über 50 Ländern gesegelt. Große Flotten starten in den USA, Großbritannien, Neuseeland und Australien – aus diesen Ländern kommen bis auf wenige Ausnahmen auch die Weltmeister. Zurzeit ist besonders die australische Flotte aktiv.

Segellegenden wie Russell Coutts oder Dennis Connor „erholen“ sich vom ganz großen Zirkus gerne bei den anspruchsvollen „Etchells“-Regatten. Coutts soll sogar einmal gesagt haben: „ Die Etchells ist der beste Beweis dafür, dass Funktionäre eben doch keine Ahnung von Segelbooten haben!“

Kleine, ganz “nette” Präsentation der “Etchells”-Klasse:

Etchells Klassenvereinigung

 

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Historie: “Etchells“ verlor 1966 das Olympia-Duell gegen die Soling und lebt immer noch“

  1. avatar andreas sagt:

    Beide Boote haben sicher ihren Reiz.

    Für mich war aber der Soling immer das bessere Boot. Ein gesundes, (leicht untertakeltes) Verhältnis von Segelfläche zu Bootsgröße/Gewicht/Schwerpunktlage machen den Soling bei Windstärken bis ca. 8 Bft. noch gut beherrschbar. Dazu siehe auch das Bild:

    https://www.dropbox.com/s/qa8fsjgvf3bt5ga/G135.jpg.
    (Copyright: Drölf von Bargen)

    8 Bft, ehrlich! In welcher anderen Klasse lassen sich bei solchen Bedingungen noch faire Regatten segeln?

    Bei leichtem und mittlerem Wind ist die Bootsgeschwindigkeit durch diese Untertakelung extrem trimmabhängig. Das tiefere V des Vorschiffs bringt den Soling auch besser durch kurze, steile Wellen, wie z.B. auf dem Stollergrund. Ausserdem hängt man als Vorschoter deutlich komfortabler – meine kurze Etchells Erfahrung resultierte spontan in heftigen Rückenschmerzen.

    Zuguterletzt: Einen Soling (eben über 1t) kann man mit einer alten Mittelklasselimousine prima quer durch Europa Trailern, für eine Etchells (knapp 1,6t) braucht man schon einen amtlichen Spritvernichter. Den hätten wir damals gar nicht betanken können……

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  2. avatar Manfred sagt:

    Einfach Klasse, den “Diamanten Junior” wieder zu sehen. Kuhwillis “Ersatzboot” auf der Alster beim Senatspreis mit der HSC Juniorcrew. Glaube ich bin damals, in der Hammerböe aus dem FD gefallen oder waren wir das einzige Team, welches mit gesetztem Spi wieder aufrichten konnte? Auf jeden Fall ein denkwürdiges Ereignis.
    You made my day!

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  3. avatar Roman sagt:

    Da kann ich Andreas in allen Punkten nur beipflichten. Nach dem Olympia-Aus 2000 wurde die Soling totgesagt, aber sie lebt besser als zuvor; mehr Mitglieder und die Felder wachsen. Sehr familiäre Stimmung und trotzdem hochklassiger Sport.

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