Historie: Wie der America’s Cup seine Unschuld verlor – vor Gericht und hinter den Kulissen

Kanne für Streithähne

America's cup, historie

Der alles entscheidende, 33. America’s Cup © ac

Wie Regeländerungen, Regeldehnungen und Regelauslegungen den America’s Cup veränderten. Eine Story über Männer mit und ohne Regeln! 

Warum sollte es beim America’s Cup anders sein als bei anderen sportlichen Events? Wenn viel Herzblut, jede Menge Training und richtig viel Geld in einen Wettkampf gesteckt werden, dann wollen die Protagonisten denselben möglichst gewinnen. Dies ist nun mal die essentielle Idee hinter jedem sportlichen Wettkampf – „Dabeisein ist alles“ hin oder her! 

Das gilt erst recht bei einem Rennen, das seit seiner Geburt von dem Mythos „Es kann nur Einen geben“ respektive „Es gibt keinen Zweiten“ geprägt wurde (siehe SR-AC-Historie, Teil 1). Dabei versteht es sich fast schon von selbst, dass man diesen „Drang nach vorne an die Spitze“ mit allen nur möglichen Mitteln unterstützt. 

Nein, von Doping soll nicht die Rede sein. Vielmehr verstanden es die Verteidiger (sehr häufig) und Herausforderer (eher selten) im Kampf um die „hässlichste Trophäe der Welt“ immer wieder, mittels Regel-Änderungen oder -Dehnungen, neuen Statuten sowie vergessenen und wieder neu ausgegrabenen Richtlinien ihre ureigenen Interessen zu vertreten.

Dass es dabei zu handfesten Streits und letztendlich sogar jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen kommen konnte, ist wiederum der Höhe der eingesetzten Gelder geschuldet. Und nicht minder der Exzentrik der Geldgeber (siehe hierzu auch AC-Historie, Teil 2). 

Friedlich und freundlich

Dass grundsätzliche Regeländerungen innerhalb des America’s Cup auch friedlich ablaufen können, zeigte zu Beginn der Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts ausgerechnet ein Franzose. 

Der damals 50-jährige Baron Marcel Bich, der bis heute mit seinen BIC-Einweg-Kugelschreibern und -Feuerzeugen als Begründer der modernen Wegwerfgesellschaft gilt, hatte genügend Kleingeld und seglerischen Enthusiasmus um die erste französische Herausforderung im AC zu finanzieren. 

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Baron Bich, Boss von BIC und einer der ersten erfolgreichen “Regeldehner” beim AC © ac

Als Bich sein Anliegen 1970 beim New York Yacht Club einreichte, wurde ihm jedoch beschieden, dass man bereits eine Herausforderung angenommen habe. Und da man bis dato immer nur einen Herausforderer akzeptiert hatte, winkte man in Richtung Bich ab. 

Doch der französische Querdenker gab sich nicht damit zufrieden und schlug vor, eine Herausforderer-Selektions-Serie vor dem eigentlichen America’s Cup ins Leben zu rufen. Eine Idee, die man beim NYYC durchaus interessant fand, nicht zuletzt, um so dem weltweit wachsenden Interesse am AC den Boden zu bereiten. Also „dehnten“ die Amerikaner erstmals die Regeln an einem entscheidenden Punkt – oberflächlich mit sportlichem „fair play“, weil der Franzose brav darum gebeten hatte. Nicht zuletzt aber, weil es ihren ureigenen Interessen der Vermarktung diente.  

Dass die Franzosen gegen den anderen Herausforderer, Australiens „Gretel“, haushoch verloren, gilt selbst heute noch als Schmach bei unseren Nachbarn. Im letzten Ausscheidungsrennen fand Segellegende und Skipper Eric Tabarly im Nebel vor Newport noch nicht einmal die Ziellinie! 

Drei weitere Kampagnen finanzierte Baron Bich noch (1974, 77 und 80), schaffte es mit seinen „France“-Rennern jedoch nie in das eigentliche Match-Duell gegen die Verteidiger. 

Doch Bich hatte etwas erreicht, an dem sich spätere Herausforderer die Zähne ausbeißen sollten: Die Regeln des America’s Cup wurden „in seinem Sinne ausgelegt“, etwas „gedehnt“ und in Ansätzen sogar geändert.

Flügelkiel? Geht gar nicht!

US-Gerichte wurden erstmals bemüht, als die später siegreichen Australier mit einem neuartigen Flügelkiel an den Start gingen. Der amerikanische Verteidiger Dennis Conner wollte vor und nach nach seiner schmachvollen Niederlage (erstmals in der Geschichte des AC musste „die Kanne“ auf Reisen gehen und die USA verlassen!) den revolutionären Flügelkiel der Australier nicht als regelkonform anerkennen. Die Gerichte sahen das anders und Conner musste klein beigeben. Doch ein ziemlich mieses „Geschmäckle“ bleib nach der als „gerichtliche Schlammschlacht“ bezeichneten Verfahrensserie bei allen Beteiligten hängen. So resümierte der Eigner der australischen Yacht, Alan Bond: „Das ist kein Sport mehr! Das ist Krieg!“ 

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Das Objekt der Begierde © ac

Jahre später, nachdem Conner längst den Cup wieder zurück nach New York geholt hatte, berief sich die amerikanische Segellegende schließlich erstmals auf eine „Präzedenzregeldehnung“, von der auch Baron Bich profitiert hatte. Denn die Amerikaner kamen erneut in Bedrängnis, weil die Neuseeländer sie mit einem riesigen Monorumpfer herausforderten.

Vergleichbares konnte Conner nicht entgegensetzen – also ließ das Schlitzohr seine Rechtsanwälte nach gewissen Lücken in den Statuten des AC suchen. Das Ende vom Lied: Conner trat gegen die Kiwis erstmals in der Geschichte des AC mit einem Katamaran an… und siegte erneut! Auch bei den nachfolgenden Gerichtsverhandlungen (die Neuseeländer fanden das alles etwas ungerecht) behielt der Amerikaner Recht.

Machen wir einen Sprung nach vorne. Nach den ersten gerichtlichen Scharmützeln in den Achtzigerjahren, kam es zum „großen Knall“ in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends: Zwei Milliardäre stritten sich über Jahre hinweg um die älteste Sporttrophäe der Welt wie zwei kleine Jungen um ihr Spielzeug.

Sie versenkten dabei Abermillionen bei Rechtsstreits, ließen Heere von Anwälten für ihre vermeintlichen Rechte kämpfen, legten den gesamten Zirkus lahm und brachten letztendlich den America’s Cup an den Rande des Ruins. Weil sich kaum noch jemand aus dem zuvor millionenstarken Publikum für das ganze Hin und Her interessieren wollte. 

Milliardär gegen Milliardär

Es fing alles so schön an. Das Schweizer Team Alinghi hatte es als erste Süßwassernation geschafft, den Cup zu gewinnen. Angeführt und finanziert von dem Milliardär Ernesto Bertarelli sollte eine neue Ära im America’s Cup beginnen: Mehr Profitum, ganzjährig geführte Teams, die sich rigoros auf den nächsten Cup vorbereiten sollten.

Auch wenn gestern, heute und morgen schwerreiche Segelenthusiasten weiterhin ihre gewichtige Rolle spielen werden, hatte nun alle Welt den Eindruck, dass die Zeiten der etwas spleenigen und teils durchgeknallten Exzentriker vorbei war. Der America’s Cup war auf dem besten Wege zur Formel Eins des Segelsports zu werden. Nicht mehr und nicht weniger. 

Doch Eindrücke können gewaltig täuschen. Denn der smarte, immer cool und eloquent auftretende Ernesto Bertarelli hatte einen gewichtigen Gegenspieler: Den Oracle-Boss Larry Ellison, damals viertreichster Mensch der Welt und ein Amerikaner von der Sorte „mir gehört die Welt“, mit teils wenig zurückhaltendem Auftritt und lautstarkem Durchsetzungsvermögen. Ein Mann, der koste es was es wolle, unbedingt die Kanne zurück haben wollte auf amerikanischem Boden und der es schaffte, Bertarelli aufs Äußerste zu provozieren und „aus der Reserve zu locken“. 

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Endlich wieder königlich: “Kate” gratuliert “Ben” Louis Vuitton Vorlauf © land rover

Ellison finanzierte und organisierte die amerikanische Herausforderer-Kampagne nach der Methode „wir kaufen die besten Segler ein und die werden es dann gemeinsam richten“. Doch dieser „american way of business” ging gehörig in die Hose: Alinghi verteidigte den Cup erfolgreich (wenn auch knapp, im letzten Lauf mit einer Sekunde Vorsprung) gegen Neuseeland. Die USA hatten den Sprung aus der Vorlauf-Serie (Louis Vuitton-Cup) in das abschließende Herausforderungs-Duell nicht geschafft. 

So ließ Larry Ellison nach einem anderen Weg suchen, um „möglichst bald die Kanne in den Händen zu halten“. Lange musste man sich nicht umschauen – die Lösung des Ellison’schen Problems lag mal wieder in den Regeln. In den AC-Stiftungsurkunde des New Yorker Yacht Clubs buddelten die Rechtsanwälte eine Klausel aus, die mehr oder weniger klarstellen sollte, dass ein Yachtclub nur dann als Austragungsort zu akzeptieren sei, wenn er mindestens eine Seeregatta pro Jahr durchführe. „Having for its annual regatta on ocean water“ war der Wortlaut und somit nicht eindeutig klar, ob in der Vergangenheitsform oder im Futur. 

Das schweizerische Alinghi-Team hatte damals mangels eidgenössischem Meer das spanische Valencia für seine Cup-Verteidigungen als Austragungsort ausgewählt und eigens einen Club dafür gegründet. Ellison und seine Rechtsanwälte behaupteten nun, dies sei für die Vergangenheit und Zukunft unrechtmäßig, weil der neu gegründete Club keine Regatten durchgeführt habe. Alinghis bzw. Bertarellis Rechtsanwälte waren der Meinung, dass man den genannten Satz auch im Futur interpretieren könne und gaben an, zukünftig Regatten auf See zu organisieren. 

 

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Bald wird wieder mit harten Bandagen gekämpft © land rover

Es mag sich im Nachhinein tatsächlich wie die Geschichte von der Mücke und dem Elefanten lesen, doch um so einen Kleinkram stritten sich die beiden Parteien sage und schreibe zwei Jahre lang über drei Instanzen hinweg. Das Wort „having“ in einer Urkunde die mehr als ein Jahrhundert alt war, wog somit millionenschwer. In der Zwischenzeit lag das gesamte America’s-Cup-Business brach, weil keiner wusste oder auch nur ahnen konnte, wo und wann die nächsten Rennen ausgetragen werden.

2:1 für Ellison

Die erste Instanz entschied für Ellison, die zweite für Bertarelli, die dritte und endgültige erneut für Ellison. Jetzt war der Amerikaner dort, wo er sein wollte: Auf dem Sprungbrett zum Cup. Er konnte ohne langwierige Ausscheidungswettkämpfe direkt seine Herausforderung aussprechen. Denn nach den Regeln der „Deed of Gift“ muss in solch einem Fall ein direktes Duell zwischen den beiden Widersachern ausgesegelt werden. Dem Sieger gebührt dann wie immer die Entscheidung, wo der nächste America’s Cup stattfinden soll – vielleicht dann in Ellisons Heimatclub vor San Francisco? Als „Sieger“ im Rechtsstreit hatte Ellison zudem die Wahl der „Waffen“, in den Stiftungsregeln war nur vorgesehen, dass die Schiffe nicht länger als 90 Fuß sein dürfen. Ellison  entschied sich für Mehrrumpfboote! 

So ganz nebenbei stritt man sich außerdem darüber – jeweils in voneinander getrennten Gerichtsverfahren – wer überhaupt das Team Alinghi herausfordern dürfe, über Bootsvermessungsregeln und sogar wo die einzelnen Schiffsteile hergestellt werden dürfen. 

Bertarelli war längst so „angefressen“ von der ganzen Wortklauberei, dass er gegen die Mehrrumpfboote – die ja ebenfalls nur mit einer „Regeldehnung“ seinerzeit von Conners eingeführt worden waren – nicht gerichtlich vorging. Pikantes Detail am Rande: für das anstehende Duell verpflichtete Ellison den damals wohl besten Segler, den Neuseeländer Russel Coutts. Der wiederum war der Hauptverantwortliche für die Cup-Verteidigung von Alinghi, hatte sich aber mittlerweile mit Bertarelli heftig zerstritten und bereits mehrere Gerichtsverfahren gegen seinen ehemaligen Boss angestrengt. So kam zu dem kostspieligen Schlagabtausch unter Milliardären noch eine von Revanche-Gelüsten erfüllte Segellegende hinzu.  Coutts war maßgeblich an der Entwicklung des US-herausforderer-Bootes beteiligt und gab nach Aussagen Ellisons „alle maßgeblichen Impulse für einen Sieg ins Team“. 

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Ab morgen soll der America’s Cup wieder die Massen begeistern © ac

Der Rest ist mal wieder Sportgeschichte. Das US-Team schlug mit einem technisch überlegenen Trimaran mit verstellbaren Flügeln den Schweizer Trimaran (mit herkömmlichen Segeln) nach zwei Läufen. Erstmals traten beide Boote ohne Grinder an – der hydraulische Druck für die Winschen wurde von Dieselmotoren erbracht. 

Für die darauf folgende Ausgabe vor San Francisco wurden die Regeln zum Teil völlig neu überarbeitet und ebneten den Weg für den ersten America’s Cup mit Foil-Einsatz. Motoren Waren nach ihrem einmaligen Einsatz an Bord wieder verpönt.

Bertarelli zog sich mit seinem Alinghi-Team angewidert aus dem America’s Cup-Business zurück, nicht ohne vorher die überarbeiteten Regeln abgewartet zu haben . Auch Louis Vuitton machte nach 25 Jahren Cup-Sponsorship einen (vorläufigen) Strich unter die Rechnung. 

Der 34. America’s Cup wurde 2013 schließlich ohne aufsehenerregende Gerichtsverhandlungen vor, während und nach der Regatta vor der Golden Gate Bridge durchgeführt. Es gab einige „interne“ Quereleien, es gab die fast schon übliche Spionage unter den Teams, von denen einige Delikte vor Gericht landeten. Aber davon redet heute keiner mehr. 

Denn dank der faszinierenden neuen Foil-Technik und aufgrund einer spannenden Aufholjagd der Amerikaner (von 1:8 auf 9:8) entwickelte sich der AC mittels einer einzigen Ausgabe wieder zu einem weltweiten Medienspektakel, das Milliarden Zuschauer in seinen Bann zog.

Vielleicht ist der America’s Cup ja jetzt das geworden, was er immer sein wollte: Die Formel Eins unter Segeln. Die nächsten Wochen werden es hoffentlich zeigen – auch wenn das Gerücht umgeht, Dutzende Rechtsanwälte säßen schon in Lauerstellung! 

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Ob die Amerikaner – wiederum gesponsert von Ellisons Oracle – auch diesmal wieder Grund zum Feiern haben werden? © ac

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Historie: Wie der America’s Cup seine Unschuld verlor – vor Gericht und hinter den Kulissen“

  1. avatar jorgo sagt:

    Sehr schöne Zusammenfassung!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar RVK sagt:

    Kurze Frage zu “Having for its annual regatta on ocean water” — Ich hab den Text jetzt so verstanden, als ob das ein Problem mit der Societe Nautique de Geneve (Alinghis Club) war. Ich meine mich aber zu erinnern, dass Oracle gegen den Herausforderer Club der Spanier, die direkt nach dem Cup in Valencia gefordert hatten, geklagt hatte und damit den von Alinghi geplanten Cup nichtig machten.

    Ich mag mich da auch total falsch erinnern, würde mich aber freuen, wenn mir das einmal noch jemand erklären kann…

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    • avatar thorsten sagt:

      Ne, ist richtig – Alinghi hatte sich als Verteidiger von einem spanischen Club herausfordern lassen.. Den Namen hab ich allerdings auch vergessen..

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