Letzter Teil der “Blauwasser Allergie”-Story

"Ich will es nicht wahrhaben..."

Von Michael Köhler

Fortsetzung von Teil eins und Teil zwei:

"SiriLuka" eine Feltz Skorpion 2, 12m lang, Stahl mit Deckssalon. Ständig geht etwas kaputt. © M. Köhler

…In kleinen, netten Etappen segeln wir die spanische Westküste runter, und etwas Seltsames passiert. Eigentlich haben wir die Biscaya und die Schlechtwetter-Zone hinter uns, und das Urlaubs-Segeln sollte losgehen. Wo ich sonst immer gleich am nächsten Tag weiter wollte, zögere ich das Lossegeln jetzt hinaus.

Ich merke es erst nicht, will es nicht wahrhaben. Wir haben ja Zeit. Bis zum ARC ist ja noch lang hin. Und es ist schön hier. Aber als andere Segler, die wir kennengelernt haben, einen Ausflug zu vorgelagerten Inseln machen, bleibe ich lieber im Hafen. Segeln wird immer mehr zu etwas, was mir ein mulmiges Gefühl verursacht.

Jetzt bin ich schon tagsüber nervös, sobald wir draußen sind. Einigermassen wohl fühle ich mich nur noch am Steuer, also bleibt der Windpilot arbeitslos und ich steuere selber. Da hab ich alles halbwegs unter Kontrolle. Ausrede: Der Wind dreht ständig.

So geht es dann, bis wir zum nächsten Übernacht-Törn: Bayona (Spanien) – Nazare (Portugal). Gleiche Geschichte: Nervös, kein Schlaf, mulmiges Gefühl, ständig unter Strom, nix essen. Und das, obwohl kaum Wind herrsch und wir ziemlich viel motoren.

Irgendwann nimmt dann so langsam der Gedanke Formen an, dass das mit der ‘Blauwasser-Allergie’ (so nenne ich das jetzt in Gedanken) durch mehr Segeln nicht besser wird, wie ich eigentlich angenommen hatte, sondern immer schlimmer. Das baut sich immer mehr auf. Und ich beginne ganz langsam zu realisieren, dass ich so nicht nach Gran Canaria komme; und nach St. Lucia schon mal gar nicht!

Nazare gefällt uns sehr gut, wir bleiben ein paar Tage. Und nach einer hässlichen Auseinandersetzung mit meiner seefesten Crew Birgitta (ich bin die letzten Tage sehr gereizt und ungerecht und gehe bei jeder Kleinigkeit an die Decke) finde ich endlich den Mut, mit der Wahrheit herauszurücken. Tschüss Atlantik! Das war’s. Ich kann nicht!

Michael Köhler in der Biskaya. Da hat er noch Spaß am Segeln. © M. Köhler

Sie ist froh, endlich zu wissen, was mit mir die letzte Zeit los ist. Sie ist enttäuscht (na klar, wer wäre das nicht, und ich erstmal!) aber zieht voll mit. Neuer Plan. Wir segeln „SiriLuca“ runter zur Algarve, ganz langsam.

Dann suchen wir uns ein gutes Winterlager und einen guten Makler, stellen das Schiff zum Verkauf und hängen die Segelei an den Nagel. Radikal? Vielleicht. Man könnte es auch konsequent nennen! Alles andere wäre nur eine Art von Selbstbetrug.

Die Entscheidung war genau richtig, wie sich bald herausstellt. Ich war am Schluss nervlich nicht mal mehr in der Lage, SiriLuca von Vilamoura nach Portimao zu segeln. Das macht unser guter Freund Pierre von SY Manati zusammen mit Birgitta, während ich mit seiner Crew Madeleine in Portimao beim Bier warte.

Ich war natürlich beim Arzt und hab mir professionellen Rat geholt. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes chronisches Stress-Syndrom, ein Teufelskreis im Kopf, der sich immer weiter steigert, und der von allein nicht zu durchbrechen ist.

Meine eigene Meinung dazu: Ich hab die Dinge gern im Griff, unter Kontrolle. Das geht auf dem Meer nur begrenzt, bzw eigentlich gar nicht. Wenn man also erkennt, und für sich annimmt, dass man keine Kontrolle hat, also quasi ausgeliefert und in diesem Sinne unfrei ist, und wenn das im Innersten mit einem OK ist, dann, und nur dann, kann man die Freiheit auf dem Meer wirklich erleben. Das klingt jetzt paradox, aber, wie eben gesagt, ist ja nur meine Meinung.

In diesem Sinne, Mast- und Schotbruch

Teil eins

Teil zwei

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „Letzter Teil der “Blauwasser Allergie”-Story“

  1. avatar Backe sagt:

    Lieber Michael Köhler,

    Hut ab vor diesem ehrlichen, sicher nicht einfachen Bericht.
    Bei all den “Luftpumpen” und Pseudo-Rekordseglern der letzten Jahre (Von A wie “aufgeblasener Lüchtenborg” bis Z wie “zahnlos gescheiterter Engel”…) tut es gut, einmal von einem zu lesen, der seine Grenzen erkennt – und nichts beschönigt.

    Nochmals Danke für den Artikel.
    Und gerne mehr davon, Segelreporter!

    Backe

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  2. avatar Carsten sagt:

    Respekt!

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  3. avatar Michael Koehler sagt:

    Erstmal Danke fuer die Veroeffentlichung an Carsten Kemmling vom Segelreporter. Warum das allerdings als Mehrteiler passiert ist… muss wohl journalistische Gruende haben.
    Wer die ganze Story in Langfassung lesen will, hier ist ein Link zu unserem Blogbuch von der Reise… http://www.birmic.com/SY_SiriLuca/Sailing/logbook.htm

    Mast- und Schotbruch,
    Michael Koehler

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    • avatar Carsten sagt:

      zum thema mehrteiler gibt es verschiedene meinungen. die eine dagegen wurde hier jetzt zweimal geäußert. die andere dafür ist uns auf anderem wege mehrfach übermittelt worden: wer im internet liest, hat normalerweise nicht genug zeit, eine solch lange geschichte in einem stück zu konsumieren. diese meinung teile ich bisher auch. deshalb halte ich die aufteilung gerade bei einer lesegeschichte für legitim. aber vielleicht werde ich eines besseren belehrt.

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  4. avatar Michael Koehler sagt:

    …nochwas, leider. Die Bildunterschrift oben ‘staendig geht etwas kaputt’ finde ich unfair dem Schiff gegenueber. Das hab ich zwar gesagt, aber ich finde das ist ein ‘aus dem Kontext genommenes Zitat’ und erweckt den Eindruck, als ob das Schiff unzuverlaessig sei. Das ist ganz und gar nicht der Fall. SiriLuca war bei weitem das staerkste Glied in der Kette und ist absolut zuverlaessig. Beim Segeln geht halt immer staendig etwas kaputt, wie wir alle wissen, und entweder kann der Skipper damit leben oder nicht.

    Mast- und Schotbruch,
    Michael Koehler

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