IMOCA: Foils sollen bei Vendée Globe vier Tage sparen – Transat als ultimativer Test

Dragster der Hochsee

 

Die Foils an der neuen IMOCA-Generation stehen unter ständiger Beobachtung. Fünf dieser Renner segeln bei der Transat Jacques Vabre „auf dem Prüfstand“. Erklär-Video von Gitana. Michael Kunst hat sich in Lorient umgesehen.

Eigentlich gibt es an den Stegen der „Base“ (“Cité de la Voile”) im bretonischen Lorient schon seit Wochen und Monaten nur ein Thema: Bringen sie’s oder bringen sie’s nicht? Anders formuliert: Werden die Foils an den IMOCA Monorumpf-Rennern und Hochsee-Trimaranen ihren Ansprüchen gerecht? Oder ist das mit dem „Abheben“ auf hoher See alles nur effektvolle Augenwischerei?

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Foils – die unendliche Leichtigkeit des Seins? Oder nur ein Spielzeug? © gitana

Sicher, da sind diese wirklich hervorragend gedrehten, sehr emotionalen Filme in der Atlantikwelle: Wie etwa die Baron de Rothschild, Banque Populaire oder St-Michel Virbac-IMOCA von den Foils über die Welle gehoben werden und kaum noch bremsend über die Wasseroberfläche rasen ist schlicht beeindruckend.

Jeder wird angesichts solcher Bilder nachvollziehen können, dass nun endgültig auch auf der Hochsee das Zeitalter der Foils begonnen hat, die Yachten jeder Größenklasse zumindest „anheben“, damit sie leichter von Welle zu Welle bzw. mit deutlich reduziertem Wasserwiderstand glitschen können.

Besser oder nicht?

„Die Zukunft des Segelns spielt sich über der Wasseroberfläche ab!“ jubeln die einen. „Diese Boote sind die Dragster der Hochsee!“

„Wird alles überbewertet!“ winken die anderen ab. Das sind meistens Skipper, Crewmitglieder und Bootsmänner solcher Rennställe, deren Boliden (noch) nicht mit Foils ausgerüstet sind. Ob aus finanziellen oder tatsächlich aus Glaubensgründen, sei dahin gestellt.

Denn allen Lobhudeleien und visuell perfekt verpackten Eindrücken zum Trotz, gab es bisher noch keine Regatten, bei denen sich die Foiler tatsächlich mit den klassisch aufgebauten Hochseeyachten messen konnten. Der Vergleich scheiterte an mangelndem Wind.

 

„Es gab eigentlich noch keine ernsthaften Vergleichsfahrten,“ sagt dann auch Jean-Pierre Dick, dessen Foil-bewehrte „Virbac-St.Michel“-IMOCA bis vor wenigen Stunden noch von sechs Bootsmännern und Shore-Crew-Arbeitern in Lorient regattafertig gemacht wurde.

„Erst wenn die erste Hochseeregatta beendet wurde, bei der eindeutig die Foil-IMOCA vor den klassischen IMOCA liegen, bin ich von Foils für die See überzeugt,“ sagt etwa Thomas Ruyant, der mit seiner Foil-losen „le Souffle du Nord“ ziemlich optimistisch auf anstehende Vergleichsfahrten blickt.

„Das Gefühl ist atemberaubend, fast schon berauschend, wenn sich so ein IMOCA-Renner bei den richtigen Wellen und dem richtigen Wind aus dem Wasser hebt!“ sind sich alle, die das bereits persönlich erlebt haben, einig. „Aber die Vorteile bleiben eben nur bei idealen Wetterbedingungen auch tatsächlich Vorteile,“ macht Ruyant deutlich. „Bei leichteren Winden – und davon gibt es bei Langstreckenregatten wie einer Transatlantik immer genug – sind kaum Geschwindigkeitsverbesserungen zu erkennen.“

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Letzte Vorbereitungen an den IMOCA – mittlerweile herrscht gähnende Leere im Hafen “La Base” / Lorient © miku

Zwanzig IMOCA am Start

In ein paar Wochen könnten alle Interessierten jedenfalls mehr, vielleicht sogar Endgültiges wissen. Denn die Transat Jacques Vabre (Start 25. Oktober), erfolgreiche Zweihand-Regatta nonstop von Brest/Bretagne nach Itajai in Brasilien, wird nicht nur von den Beteiligten als ultimativer Test für die Hochsee-Foil-Generation bewertet.

Sensationelle zwanzig IMOCA sind für die TJV gemeldet (zum Vergleich: Nur 14 Class 40 sind am Start). Darunter Medienstars wie die „Banque Populaire VII“ mit Armel Le Cleac’h und Erwan Tabarly, „Edmond de Rothschild“ mit Sebastien Josse und Charles Caudrelier, „Hugo Boss“ mit Alex Thomson und Guillermo Altadill, „Safran“ mit Morgan Lagraviere und Nicolas Lunven sowie Jean Pierre Dick und Fabien Delahaye auf „Virbac-St. Michel“.

„Das dürfte die spannendste Transat Jacques Vabre aller Zeiten werden!“ heißt es dann auch aus den Reihen der „Shore-Crews“ in Lorient, die übrigens gestern – nachdem „Gitana Baron de Rothschild“ und „Banque Populaire“ schon vor zwei Tagen losgesegelt waren, auch die letzten IMOCA aus der legendären „La Base“ nach Brest verabschiedeten.

Kurz vor Sonnenuntergang waren die Segel von „MACSF“ (Bertrand de Broc und Marc Guillemot) sowie Thomas Ruyant und Adrien Hardy auf „Le Souffle du Nord“ am Horizont auszumachen.

„Das wird die Generalprobe für die Vendée Globe. Nicht für die Skipper, sondern für die Boote und ganz besonders für die Foils,“ behauptet auch „Keel-Walker“ Alex Thomson, der ebenfalls mit einem neuen Foil Design-IMOCA am TJV-Start sein. „Ich bin viel mehr als sonst gespannt darauf, wer sich wo platzieren wird!“

Vor allem auf Reach-Kursen versprechen sich die „Foiler“ enorme Geschwindigkeitsvorteile. So haben die Gitana-Designer für die „Baron de Rothschild“ einen Zeitgewinn von vier Tagen für die Vendée-Globe-Weltumseglung errechnet: Enorm, bei einem derzeit bestehenden Rekord von 84 Tagen.

Generalprobe für die Vendée Globe

Und dennoch ist dies alles Theorie, gewürzt mit relativ wenig Test-Praxis. Was bereits feststeht: In leichten Winden sind die Foil-IMOCA eher benachteiligt. Das wurde bei kleineren Regatten vor der bretonischen Küste und etwa bei der Artemis Challenge während der Cowes Week und beim Rolex Fastnet Race im Laufe der Saison deutlich.

Zudem ist immer noch nicht klar, welches der derzeit „im Test“ befindlichen Foil-Systeme denn nun das Bessere ist. Noch scheinen die Foils nur in bei bestimmten Windstärken aus der richtigen Richtung höhere Geschwindigkeiten zu generieren – dann aber eklatant.

Vielleicht werden ja die Allrounder, also relativ neue IMOCA-Designs ohne Foils, aus der anstehenden, an Wetterkapriolen sicherlich nicht „armen“ Transat Jacques Vabre als Gewinner hervorgehen?

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Die neue “Hugo Boss” in Action. “Was die Foils tatsächlich bringen, wird sich erst auf der Langstrecke zeigen!” sagt Skipper alex Thomson © hugo boss

Den Seglern auf den vier Foil-IMOCA stehen jedenfalls spannende Wochen bevor. „Es geht auch darum, die Foils auf längeren Strecken zu testen. Was halten die auf Dauer aus? Und: Was halten wir auf Dauer aus?“ gab kürzlich Alex Thomson in einem Interview zu bedenken. Denn der Stressfaktor hat sich für die Segler in der aktuellen Foil-Testphase zunächst einmal deutlich erhöht.

Wenn auch das erklärte Ziel genau das Gegenteil bewirken soll: Erheblich weniger Belastung für Segler und Boot durch deutlich reduzierten Wasserwiderstand und höheren Bootspeed. Doch dafür müssen wohl noch einige (Wellen)Täler bewältigt werden.

„Die IMOCA der neuen Generation erinnern schon rein optisch an einen Wal und gleichzeitig an einen fliegenden Fisch,“ sagen die Designer des Gitana Teams über die „Baron de Rothschild“ Und ab sofort haben eben manche dieser Boote auch noch einen „Pilot-Hai“ als ständigen Begleiter an ihrer Seite – der aus dem Wasser ragende, obere Bereich des Lee-Foils sieht tatsächlich wie die Rückenflosse des Meeresräubers.

Website Transat Jacques Vabre 

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „IMOCA: Foils sollen bei Vendée Globe vier Tage sparen – Transat als ultimativer Test“

  1. avatar Besserwisser sagt:

    Hallo Michael,

    immer wieder toll, Deine Begeisterung für die schnellen Boot der franz. Segelszene, in Deinen Artikeln regelrecht herauslesen zu können.
    Der Form halber möchte ich aber nur kurz (besserwisserisch) anmerken, dass der Vendee Rekord seit François Gabarts Höllenritt bei 78 und nicht 84 Tagen liegt.
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Vendée_Globe

    LG

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

  2. avatar Mantis sagt:

    “Wie etwa die Baron de Rothschild, Banque Populaire oder St-Michel Virbac-IMOCA von den Foils über die Welle gehoben werden und kaum noch bremsend über die Wasseroberfläche rasen ist schlicht beeindruckend.

    Jeder wird angesichts solcher Bilder nachvollziehen können, dass nun endgültig auch auf der Hochsee das Zeitalter der Foils begonnen hat, die Yachten jeder Größenklasse zumindest „anheben“, damit sie leichter von Welle zu Welle bzw. mit deutlich reduziertem Wasserwiderstand glitschen können.”

    Diese 2 Sätze sind nicht nur schlechtes Deutsch, sie sind auch noch in ihrer Aussage absolut unlogisch. Es ist scheinbar „Kunst“ und dadurch wird alles entschuldigt.

    Einen wunderbaren Tach auch noch

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