Audi Medcup: Jochen Schümann erklärt im SR-Interview den plötzlichen All4One-Höhenflug

Wundersame Auferstehung

Jochen Schümann freut sich mit Designer Rolf Vrolijk, dass dessen radikaler Rumpf nun doch funktioniert. © Ian Roman/Audi MedCup

Nach einem letzten und vorletzten Platz bei den ersten beiden Audi Medcup Veranstaltungen konnte Jochen Schümann nicht gerade den überlegenen Sieg beim dritten Event erwarten. Im Gespräch mit SR erklärt er die wundersame Auferstehung des All4One-Teams.

Demnach sei sein Boot in den ersten Rennen durch eine folgenschwere Entscheidung für ein neues Gennaker-Tuchmaterial gebremst worden. „Im vergangenen Jahr waren wir besonders downwind extrem schnell. Aber in dieser Saison haben wir für das Gennakertuch ein dehnungsärmeres, neues Material gewählt, das viele Vorteile versprach.“

Es sollte die Form besser halten. „Stattdessen erlebten wir eine böse Überraschung. In Cascais verloren wir bei jedem Rennen vor dem Wind zwei Plätze. Die Kombination aus Design und Material passte offenbar nicht. Wir schnitten die Gennaker mehrfach auseinander und versuchten einen Recut.“

Dabei sind die Regeln in der TP52-Klasse problematisch. Sie erlauben pro Saison nur 17 Segel. Man kann also nicht einfach einen neuen Satz bestellen, oder wieder zu dem weicheren Material wechseln. Die Bahnen müssen aufgetrennt und neu zusammengefügt werden.

Dabei hilft die Anwesenheit von North Sails Designer Chris Williams an Bord der All4One, der als Vorsegeltrimmer zum Team gehört. Er ist zurzeit ein viel beschäftigter und gefragter Mann.

Denn die Ergebnisse der Änderungen, die er am Schnitt vornimmt, sind kaum vor den Rennen auf dem Wasser zu verifizieren. „Bei uns limitieren die Regeln die Trainingszeit vor den Rennen. Das soll Kosten sparen.“

So konnte das All4One-Team erst bei den letzten Läufen der zweiten Medcup-Veranstaltung in Marseille feststellen, dass es auf dem richtigen Weg ist. Der Durchbruch erfolgte aber erst in Sardinien.

„Das liegt auch daran, dass wir nicht so weit hinten lagen, wie das Ergebnis aussah. Und dementsprechend waren wir auch jetzt nicht so überlegen, wie es die Punkte vorgaukeln“, sagt Schümann. „Das Feld liegt unglaublich eng zusammen. Jeder kleinste Fehler wird bestraft. Nach dem ersten Event fehlte neben dem Speed auch das Selbstbewusstsein.“

Taktiker Sebastian Col erkannte in Cagliari auch eine verbesserte Amwindgeschwindigkeit. Schümann erklärt das damit, dass man das neue Design von Judel/Vrolijk immer besser verstehe.

Das Schwesterschiff der italienischen Azzurra sei hinten sehr breit und laufe auf einer langen geraden Wasserlinie. Sie hätten lernen müssen, das größere aufrichtende Moment besser zu nutzen. „Wir trimmen jetzt mehr Power in die Segel.“

Der persönliche Austausch mit seinem alten Freund aus Alinghi-Zeiten Rolf Vrolijk sei dabei sehr wichtig gewesen. „Wir haben viel telefoniert.“ Vrolijk sei auch enttäuscht gewesen, denn das neue radikale Rumpf-Design mit dem extra Righting-Moment sollte funktionieren. Die Plätze eins und zwei in Sardinien für All4One und Azzurra deuten nun darauf hin, dass die Lernkurve bei beiden Teams mit dem speziellen Design steil ansteigt.

Dabei kann sich Schümann einen Seitenhieb auf den America´s Cup nicht verkneifen. „Unsere Rennen sind sehr eng, der America´s Cup wird dagegen kein sportlich hochwertiger Wettbewerb. Aber sicher wird es gute Bilder geben. Stürze versteht jeder Idiot.“

Für den Medcup erhofft er sich auch mehr Teilnehmer. „Es waren ja schon einmal über 20 Schiffe. Aber das seglerische Niveau ist so sehr gestiegen, dass viele Angst haben, hinterher zu segeln.“

 

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Audi Medcup: Jochen Schümann erklärt im SR-Interview den plötzlichen All4One-Höhenflug“

  1. avatar Lyr sagt:

    „Unsere Rennen sind sehr eng, der America´s Cup wird dagegen kein sportlich hochwertiger Wettbewerb. Aber sicher wird es gute Bilder geben. Stürze versteht jeder Idiot.“

    schön! 🙂 das spricht mir aus dem Herzen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 1

    • avatar stefan sagt:

      …für mich spricht da jemand, der beleidigt ist, dass er nicht dabei ist.

      …mal wieder typisch deutsch: meckern und schlecht reden, nur weil man nicht mitspielen darf.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 6

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