Extreme Sailing Series Video: Heftige Kollision zwischen Rothschild und Artemis in Cowes

Stockcar-Rennen auf dem Wasser

Bei der Extreme Sailing Series für Profisegler im britischen Segel-Mekka Cowes ist es zu einer schweren Kollision gekommen. Der französische Katamaran „Groupe Edmond de Rothschild“ kann der schwedischen „Artemis“ in der Nähe der ersten Wendemarke nicht mehr ausweichen und kracht mit maximaler Geschwindigkeit in den Backbordrumpf der Schweden.

Der Knall ist von tausenden Zuschauern zu hören. Sie verfolgen diese neue Art der Stadion-Rennen aus nächster Nähe von Land aus. Der Wind weht bis zu 25 Knoten. Die Segel sind gerefft. Und wegen der Kentergefahr ist es verboten, den Gennaker auszurollen.

Die blaue "Groupe Edmond de Rothschild“ kann "Artemis" nach deren Wende nicht mehr ausweichen und kracht in das Heck der Schweden. Sie werden herumgerissen, vorbei an der falschen Seite der gelben Wendemarke. © heroimages

Die Franzosen bleiben kurze Zeit mit dem Bug im Kunststoff des gegnerischen Katamarans stecken und reißen das Heck der Schweden wie bei einem Stockcar-Rennen herum. Dabei entsteht ein tiefes Loch im Rumpf. Viel Wasser strömt durch das Leck. Der argentinische Steuermann Santiago Lange kann Schiff und Crew an Land retten. Er selbst muss eine Wunde mit mehreren Stichen nähen lassen.

Auf dem blauen Schiff gehen zwei Segler über Bord. Ihr Katamaran erleidet einen kleineren Schaden am Bug. Der Vorschiffsmann aber wedelt erbost mit der schwarzgelb gestreiften Protestflagge, um die Schiedsrichter auf eine Regelverletzung der Gegner aufmerksam zu machen. Die Schuldfrage soll aber erst am heutigen Morgen geklärt werden.

Eigentlich hat das Boot Vorfahrt, das mit Wind von der rechten Seite segelt. Das wäre „Artemis“. Allerdings müssen sich die Schweden auch freihalten, wenn sie eine Wende ausführen. Erst wenn sie wieder auf ihren neuen Kurs abgefallen sind, ist das Manöver abgeschlossen und sie erhalten die Vorfahrtsrechte. Erst danach müssen die Franzosen ihr Ausweichmanöver einleiten.

Wenn sie nicht mehr genug Platz haben, wie in diesem Fall, könnte „Artemis“ die Schuld zugesprochen werden. Vielleicht ist die Rothschild-Crew aber auch zu spät ausgewichen. Dann hätte sie Schuld. Die Jury wird mit Hilfe der Videobilder eine Entscheidung fällen. Es ist sicher kein eindeutiger Fall.

Der spektakuläre Crash kommt den Organisatoren der Extreme Sailing Series nicht ungelegen, da in dieser Woche ein beinharter Wettkampf um die Gunst der Segelzuschauer entbrannt ist.

Parallel findet im portugiesischen Cascais die Premiere der America´s Cup World Series statt, bei der Larry Ellison und Russell Coutts das zuschauerfreundliche Segeln der Zukunft vorführen wollen. Ziel ist es Nicht-Segler als Fans zu gewinnen.

Ihre Sportgeräte sind fixer, filigraner und fortschrittlicher als die 40 Fuß Katamarane in Cowes. Aber es sind weniger Boote am Start, die Leistungsdichte ist geringer, am ersten Tag wehte der Wind nur schwach und es fehlte die Aufsehen erregende Kollision.

Zudem sind die deutschen und schwedischen Internet-Zuschauer von der Liveübertragung ausgeschlossen nach einer peinlichen Panne mit den Rechten. 1:0 für Cowes.

Aber auch in Portugal tragen die Segler Helme. Und die America´s Cup Veranstalter planen noch einige spektakuläre Rennen. Es könnten noch weitere Dramen geliefert werden. Der Zuschauer ist bei diesem Wettbewerb der Gewinner. Selten haben sie Segelwettkampf-Veranstalter so um seine Gunst bemüht.

Immerhin fiel in Cascais am Sonntag ein Mann bei dem führenden Team New Zealand über Bord, nachdem eine Winschkurbel gebrochen war, an der er sich festgehalten hatte. Die Kiwis segelten weiter, wurden zweiter und sammelten den Mitsegler erst nach dem Rennen wieder ein.

Am Ende der Woche wird abgerechnet. Dann entscheiden die Fans, ob diese neue Art der Stockcar-Rennen auf dem Wasser die Zukunft sein können

Video vom gesamten Rennen in Cowes (16:41 min)

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Extreme Sailing Series Video: Heftige Kollision zwischen Rothschild und Artemis in Cowes“

  1. avatar Christian sagt:

    Da Artemis bereits wieder auf den richtigen Kurs abgefallen ist, ist die Wende beendet. In der Regel bzw. in der Definition von “Wende” steht nicht, dass die Wende erst beendet ist, wenn man wieder die volle Geschwindigkeit erreicht hat. Bei Kats, die nach Wenden unter solchen Bedingungen oft eine Zeitlang brauchen, bis sie wieder auf Sollgeschwindigkeit sind, muss man das entsprechend einberechnen. Das hat das blaue Rothschild-Boot nicht getan, es hat sich viel zu spät zum Abfallen entschieden. (da allgemein bekannt ist, dass die X40 Kats bei über 20 kn Wind ein Problem mit dem Abfallen haben, ist das Versäumnis umso größer).

    Als Schiedrichter würde ich daher das Rothschild-Boot disqualifizieren.

    Bin mal gesppannt, was im Jury-Raum herauskommt…

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    • avatar Pete sagt:

      Man muss aber auch erst anfangen auszuweichen wenn das andere Boot Wegerecht hat, nicht schon wärend es wendet.

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      • avatar Christian sagt:

        @Pete: In welcher Regel oder in welchem Case steht das?

        Um es mal mit Helmut Kohl zu verdinglichen: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Wenn ich das Abfallen zu spät einleite und es zur Kollision kommt, hab ich etwas falsch gemacht. Auch wenn es 5 Sekunden vorher noch gut und richtig war, was ich zu dem Zeitpunkt tat.

        Bei den X 40 Kats scheint vorausschauendes Segeln extrem wichtig zu sein. Vieellcht heißt es deshalb Extreme Sailing Series? 😉

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  2. avatar jorgo sagt:

    Das Medien-Interesse wir bestimmt noch grösser, wenn es die ersten Toten gegeben hat!
    In was für einer kranken Welt leben wir bloß????

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  3. avatar jorgo sagt:

    Kommentar Nr. 2
    Wieso werden den Schiffen nicht grössere und anders angestellte Ruderblätter verordnet, um solche Situationen zu entschärfen?
    Bei den Akteuren handelt es sich allesamt um überaus erfahrene Katsegler. Gleichzeitig weiß jeder noch so erfahrene Katsegeler, dass es unglaublich schwierig ist abzuchecken, wann ganz genau in so einer Situation ein Boot wieder anspringt, usw. .
    Für mich sieht die Situation im Ansatz nicht problematisch aus. Es machen zunächst beide Alles richtig. Natürlich wissen Alle hinterher, dass etwas hätte anders gemacht werden müssen….aber war das vorhersehbar? Ein “Un”fall!!
    Ursache: Verschätzt!
    Mögliche Abhilfe: Konstruktive Verbesserung der Manövrierfähigkeit durch grössere und tiefere Blätter und eine anders angestellte Ruderanlage (die Blätter müssten nicht in 90 Grad, sondern sagen wir bis zu 10-12 Grad nach außen gestellt werden, so wie früher bei den Autos “mit negativem Sturz”), denn …… man sieht deutlich, dass der Kat seine Nase wegsteckt in dem Moment wo auf der “Rotzchild” das Ruder zum Abfallen gelegt wird. Das querstehende Ruder bewirkt bei Krängung diesen Effekt, wodurch der Leebug tiefer in die See gedrückt wird. Das wiederum hindert den Kat am Abfallen und die Strömung am Ruder reißt ab. Zudem ist das Großschotsystem so träge, dass eine schnelle Druckminderung nicht möglich ist. Alles in Allem: Saugefährlich!

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  4. avatar Marc sagt:

    Sieht aus der Perspektive wirklich so aus als wäre Artemis mit seiner Wende fertig. Segel sind wieder gefüllt und sie “fahren gerade wieder los”. Da hat sich wohl einfach nur der Rothschild Steuermann ein bischen verschätzt. Passiert schon mal.

    Jeder der Mal Jolle(505er, 470 o.ä.) gesegelt hat kennt doch die Situation. Man möchte möglichst wenig verschenken und passiert so nah wie möglich am Heck. 100 mal geht es gut und man passiert knapp hinter dem Heck und einmal hat man sich eben verschätzt und trifft z.B. Ruderanlage oder Heck. In der Regel bleibt es bei Materialschäden. Und hier sind die Geschwindigkeiten noch höher, die Boote breiter und es wird auch eng gesegelt. Von daher Respekt das es sonst fast problemlos klappt.

    Auch Profis machen mal einen Fehler. Kein Grund so einen Aufstand zu machen, dass irgendwer leichtsinnig Leben riskiert. In der Formel 1 verschätzt sich auch schonmal jemand und fährt in die Leitplanke.

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  5. avatar Christian sagt:

    anscheinend hat die Jury dem Team Artemis die Schuld für die Kollision zugewiesen. Rothschild bekommt Wiedergutmachung für die entfallenen Wettfahrten. So steht es zumindest in einem Bericht des Rothschild-Teams:
    http://www.gitana-team.com/fr/gitana2/2011/extreme40-cowes.aspx?nid=f3e1ae1f-1106-4483-a905-c90b5d471947

    Zwar kenne ich die speziellen Regeln für die Extreme Sailing Series nicht, die bergen möglicherweise einige Überraschungen. Aber gemäß der ISAF-Rules halte ich das für eine Fehlentscheidung. Weiß jemand mehr zu dem Fall? (Hallo Herr Gäbler… 😉

    Und was sagen unsere Regelexperten ? (Hallo Herr Gohl 😉

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