Kieler Woche: Löchrige Winde, später stabile Brise – Olympische Klassen brauchten Nerven

„Geile Rennen!“

Das Bild von außen auf die Kieler Außenförde am sechsten Segeltag der Kieler Woche war etwas für Genießer. Sonne und kräuselnde Wellen sorgten für Lichtreflexe im Wechselspiel mit dem Blick auf die Regatten der olympischen und paralympischen Klassen sowie der 420er, J/80 und Melges24.

Die Innenansicht auf den Bahnen war allerdings eine andere für die Athleten. Die zunächst leichte Brise erwies sich als löchrig und sehr drehend. Höchste Konzentration und ein starkes Nervenkostüm waren die Faktoren, die entscheidend in die Resultate der Wettfahrten hineinspielten. Später unterstützte die Thermik den Aufbau einer stabilen Brise. Ein zügiges Wettfahrt-Management war dennoch von den Wettfahrtleitungen gefordert, denn der Blick der Organisatoren ging immer wieder nach Westen, von wo sich heftige Gewitterzellen nähern sollten.

Aufgrund der erwarteten Unwetterzellen war Regatta-Organisationsleiter Dirk Ramhorst froh, nach einem Programm nach Maß alle Boote rechtzeitig im Hafen zu haben: „Wir sind voll im Plan, für morgen ist es allerdings etwas kritischer, da noch einige Gewitter durchziehen sollen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir bis zum Medal Race ein gutes Programm segeln können.“

Kieler Woche

49er FX – Victoria Jurczok, Anika Lorenz © segel bilder

Die Klassen

49erFX: Schmerzhaft mussten die Schwestern Ann Kristin und Pia Sophie Wedemeyer (Duisburg) feststellen, was bei fehlender Raffinesse alles schief gehen kann. Auf Rang eins rundeten sie im ersten Rennen der Skiff-Frauen die letzte Luvtonne, ließen sich dann aber gleich von den Verfolgerinnen überlaufen, gingen unter Gennaker noch mit einem ebenfalls auf der Bahn segelnden Nacra17 in den Infight, rundeten irrtümlich die Lee-Tonne und kreuzten schließlich nur auf Rang sieben die Ziellinie. Es war allerdings auch ein Rennen, in dem diverse Erfolgsteams des ersten Tages in den Olympia-Klassen ihre Streichresultate einfuhren. Eine ganz andere Gefühlslage herrschte bei Tina Lutz/Susann Beucke (Chiemsee/Strande), die nach verlorener Olympia-Qualifikation bestens in die Kieler Woche hineingefunden haben. „Geiles Rennen“, sagte Tina Lutz nach dem Sieg in der zweiten Wettfahrt des Donnerstag, der Susann Beucke überraschte: „Wir sind ziemlich unvorbereitet hierher gekommen. Dass wir auf dem Kurs wenig Manöver gefahren sind, lag auch am mangelnden Training.“ Dem Sieg ließen Lutz/Beucke gleich noch einen weiteren folgen und setzten ihre Ankündigung in die Tat um, die deutschen Olympia-Starterinnen vor Kiel „ein wenig zu ärgern“. Sie führen nach sieben Wettfahrten das deutsche Quartett an der Spitze des Rankings an.

49er: Es müssen nicht immer Siege sein, um in einer Regattaserie den ersten Platz zu erobern. Die Konstanz ist vielmehr der Schlüssel zum Erfolg. Das beweisen Peter Burling/Blair Tuke (Neuseeland) bei den 49ern eindrucksvoll. Obwohl sie am ersten Tag eine Frühstart-Disqualifikation kassiert haben, sind sie doch am zweiten Tag an die Spitze geklettert. Ein enges Rennen liefern sie sich dort aber mit den Kroaten Pavle Kostov/Petar Cupac. Eine Annäherung gab es für die deutschen Teams. Justus Schmidt/Max Boehme (Kiel) rutschten von zwei auf fünf ab, Erik Heil/Thomas Plößel kletterte auf sechs. „98 Prozent aller Rennen segeln Peter und Blair in den Top-Fünf. Sie haben einen guten Grundspeed und machen wenig Fehler“, blickte Thomas Plößel mit Respekt auf die andauernde Siegesserie der führenden Neuseeländer, die nach dem Gewinn der Silbermedaille in 2012 keine Regatta im 49er mehr verloren haben. Peter Burling genießt den Aufenthalt in Kiel: „Ich bin das dritte Mal hier, und es sind sehr gute Bedingungen, um sich auf Rio vorzubereiten. Ich bin direkt aus Chicago von der America’s Cup World Series gekommen, fahre die Kieler Woche als letzte Regatta vor den Spielen und gehe dann noch mal nach Neuseeland, um einige Dinge zu regeln.“ Die Konkurrenz zur Kieler Woche sei sehr gut für einen Leistungstest, und mit Blick auf eine Medaillenchance der Deutschen in Rio sagte der Superstar der Skiffszene: „Sie haben schon zu den Pre-Olympics im vergangenen Jahr ein starkes Signal gesendet. Und wenn die Form vor Rio stimmt, dann ist für sie sicherlich ein Platz auf dem Podium möglich.“ Dass er selbst auf Gold programmiert ist, daran ließ Burling keinen Zweifel: „Nach Silber in 2012 haben wir eine größere Kampagne gestartet, um die Australier zu erreichen. Das ist uns in den vergangenen Jahren gelungen.“

Kieler Woche 2016, Olympische Klassen

Nach Platz zwei am ersten Tag rutschten Justus Schmidt und Justus Böhme auf Platz fünf ab. © segel-bilder.de

Nacra17: Sieg auf Sieg auf Sieg – so lautet die Bilanz von Paul Kohlhoff/Carolina Werner im Mixed-Katamaran zur Kieler Woche. Das Kieler Duo, das sich Hoffnung auf einen Olympiastart in Rio macht, segelt auf dem Heimatrevier in einer anderen Liga als die Konkurrenz. Damit können sich die beiden nach sieben Siegen in Folge schon mal Gedanken über die Verwendung der Siegprämie von 3000 Euro machen, die vom Land Schleswig-Holstein für die Erstplatzierten in allen olympischen und paralympischen Klassen ausgelobt werden. „Der Abstand zu den Zweiten ist schon sehr groß. Wir müssen neue Wege finden, um uns zu fordern“, sagte Carolina Werner.

Finn: Wenn Pauls Bruder Max im Finn weiterhin so erfolgreich segelt, wäre eine gemeinsame Siegesfeier eine Idee zur Motivation. Mit dem Gesamt-Preisgeld ließe sich zumindest eine ordentliche Sause starten. Max Kohlhoff (Kiel) steht in der olympischen Einmann-Klasse für die schweren Athleten vor Phillip Kasüske (Berlin) in der Liste. Die beiden Deutschen sind allerdings punktgleich, so dass sich in den kommenden drei Tagen noch viel verändern kann, zumal nur knapp dahinter der Kieler-Woche-Titelverteidiger Deniss Karpak (Estland) lauert, und auf Platz vier der große Favorit und dreimalige Europameister Ivan Gaspic (Kroatien) immer noch zum Sprung ansetzen kann.

470er: Olympiasieger Mathew Belcher (Australien) wird bei den 470ern zwar auf der Bahn vermisst, aber auch so ist die Kieler-Woche-Regatta ein guter Test für die Olympischen Spiele: „Es sind mit den Russen und Ukrainern starke und erfahrene Konkurrenten dabei. Mathew hätte das sicher aufgewertet, aber auch so ist es auch okay“, sagte Ferdinand Gerz (München), der mit Vorschoter Oliver Szymanski (Berlin) souverän die kleine Flotte von Männern und Frauen anführt: „Heute war es gutes Segeln, nur die Tonnenlegung war mitunter etwas unklar, und es gab einige Yachten, die durch unser Feld gefahren sind.“ Zufrieden mit dem Leistungsvergleich vor Kiel sind auch Annika Bochmann/Marlene Steinherr (Berlin): „Es ist klasse, gegen die Männer segeln zu dürfen. Das rettet die Regatta“, so Marlene Steinherr. Und auch Steuerfrau Annika Bochmann hatte ihren Spaß: „Es ist auch von der Wettfahrtleitung alles sehr gut gelaufen. Schnelle Rennen bei gutem Wind. Die Probleme mit der Tonne waren minimal und schnell behoben.“ Die deutschen Olympia-Frauen liegen direkt hinter den nationalen Konkurrentinnen Nadine Böhm/Ann-Christin Goliaß (Buchloe) auf Platz sechs.

Kieler Woche

Laser Standard an der Tonne © segel bilder

Laser Standard: Vorrangig mit dem jugendlichen Nachwuchs hat sich Philipp Buhl (Kiel) bei den Laser-Seglern auseinanderzusetzen. Und die rufen bei diesen Bedingungen eine starke Performance ab. Nach fünf Wettfahrten liegt der Ungar Jonathan Vadnai, im vergangenen Jahr Dritter bei der U21-EM, dicht hinter Buhl auf Rang zwei. Und auch der deutsche Nachwuchs ist eng dran. Nik Willim (Schleswig) auf Platz fünf und Theodor Bauer (Kiel), der trotz einer Frühstart-Disqualifikation auf Rang sieben liegt, unterstreichen die wachsende Leistungsdichte in der deutschen Flotte.

Laser Radial: Nach einer bisher nur mäßigen Saison kommen auch die deutschen Laser-Frauen in Fahrt. Pauline Liebig (Kiel) hat sich vor der internationalen Konkurrenz auf Rang eins geschoben, während Ex-Europameisterin Svenja Weger (Kiel) auf Platz zehn noch Anschluss nach oben hat.

2.4mR: Bereits am zweiten von fünf Regattatagen scheint Heiko Kröger (Ammersbek) bei der Internationalen Deutschen Meisterschaften in der Einmann-Kielbootklasse 2.4 die Konkurrenz abhanden gekommen zu sein. Durften sich die Mitsegler des Paralympics-Siegers von 2000 am ersten Tag noch in Schlagdistanz wähnen, da Kröger in einem Wetterumschwung einen Patzer einsegelte, konnten sie nun das Heck des Erfolgsbootes intensiv von achteraus beobachten. Mit nunmehr vier Siegen in den sechs Wettfahrten führt Kröger vor Henrik Johnsson und Hans Asklund (beide Schweden).

Sonar: Einen „Ausrutscher“ erlaubten sich die deutschen Paralympics-Starter Lasse Klötzing/Jens Kroker/Siegmund Mainka (Berlin) im Sonar. Nach fünf ersten Plätzen gab es in Rennen sechs nur Rang zwei. Die Titelvergabe bei dieser Internationalen Deutschen Meisterschaft ist damit aber nicht in Frage gestellt.

420er: Im Schatten der olympischen und paralympischen Klassen ist mit der 420er-Klasse die größte Kieler-Woche-Flotte an den Start gegangen. 161 Crews werden hier in drei Gruppen über die Linie geschickt. Und am ersten Tag dieser Regatta gelangen gleich drei Wettfahrten, nach denen die Spanier Santi und Luis Mas vor den US-Amerikanern Wiley Rogers/Jack Parkin sowie den Briten Isabel Davies/Gemma Keers führen.

Melges24: Die schnelle Kielboot-Klasse Melges24 bleibt auf der Außenförde eine Domäne der Italiener. Nach fünf italienischen Siegen seit 2010 steht nun wieder ein Duo aus Italien an der Spitze. Andrea Rachelli, Kiel-Sieger von 2010 und 2011, muss sich punktgleich im Zwischenklassement hinter seinem Landsmann Andrea Pozzi auf Rang zwei einsortieren.

J/80: Ganz den Vorjahren entsprechend verläuft auch das Geschehen in der J/80. Das Team von Martin Menzner (Stein) schickt sich an, den siebten Sieg auf der Förde in Folge einzufahren. Wie stets in den vergangenen Jahren kommt die härteste Konkurrenz aus Bremen. Sören Hadeler liegt auf Platz zwei.

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