5,5er Konstruktion: „Cinque Cinque“ – abgefahrenes Segelspielzeug aus der Schweiz

Alte Klasse, neu gedacht

„Cinque Cinque“ zeigt wie aus der scheinbar ausgereizten Konstruktionsklasse der internationalen 5,5er doch noch etwas heraus gekitzelt werden kann.

5,5er, Cinque Cinque

Aufkreuzen vom Leegate mit Klassenmatador Flavio Marazzi. Der Blick von achtern zeigt das fülligere Achterschiff des Marchand-Bootes © Pierpaolo Lanfrancotti

Der 5,5er ist ein Evergreen unter den Konstruktionsklassen. Es gibt ihn seit 1949. Das ehemalige Olympiaboot wird seit Jahren von Amateuren wie Profis auf hohem Niveau gesegelt.

Praktisch jeder Rechenschieber, Regattafuchs oder Strippenzieher von Rang hat sich mal mit dem Boot beschäftigt. Konstrukteure wie Charles Nicholson (der Erfinder des 5,5ers), Olin Stephens, Britton Chance, Doug Peterson, Ray Hunt bis hin zu Sebastien Schmidt.

5,5er, Cinque Cinque

Cinque Cinque beim Einwassern zum Probeschlag auf der Alster. Negativer Sprung, durchgehender Falz und tiefe Ballastanordnung in der Bombe des T-Kiels © Lutz von Meyerinck

Segelasse wie Ted Hood, Lowell North, Poul Elvstöm, Buddy Melges, Jochen Schümann oder Markus Wieser. Seit Jahrzehnten auf die Klasse eingeschworene Liebhaber aus Skandinavien und der Schweiz legen die Latte hoch.

In der Schweiz, wo die Bedingungen für abgefahrenes  Segelspielzeug schon immer gut waren, übernahmen der Genfer Konstrukteur Sebastien Schmidt und Bootsbauer Christof Wilke vom Thuner See in den Neunziger Jahren das Zepter von den Amerikanern Doug Peterson und Buddy Melges.

Neues Konzept von Alain Marchand

5,5er, Cinque Cinque

Trotz leichter Crew lief es bei der WM 2014 in Porto Santo Stefano gut © Pier Paolo Lanfrancotti

Lässt sich innerhalb des Formel-Korsetts dieser 65 Jahre alten Konstruktionsklasse noch ein schnelleres Boot entwickeln? Die Antwort: ja! Bereits im November 2012 habe ich Alain Marchands Konzept vorgestellt.

Damals kündigte Marchand einen leichteren 5,5er an, der mit mehr Ballastanteil und tiefer Ballastanordnung auch noch steifer werden sollte.

Seine Maßnahmen: erstens ein 13 Prozent (267 Kilo) leichteres Boot mit flacherem Unterwasserschiff. Zweitens eine 50 cm längere effektive Wasserlinie dank niedrig aus dem Wasser geführten Überhängen. Drittens mehr Agilität dank besserem Verhältnis von Bootsgewicht zum Antrieb mit 60 statt 70 kg je Quadratmeter Segelfläche. Viertens ein steiferes Boot dank tiefer Ballastanordnung im Bleitorpeo des modernen T-Kiels.

Angriff auf Monopol

5,5er, Cinque Cinque

Beim Probeschlag im Herbst auf der Alster (mit rotem Spinaker) © Thies Först

Marchand segelt eine Weile 5,5er. Er hat sich mit Sebastien Schmidt unterhalten, der das Boot von 1998 bis 2007 acht mal weiter entwickelte und gemeinsam mit Bootsbauer Christof Wilke eine Art Monopol für schnelle 5,5er hat. Seit Jahren dominieren Schmidt/Wilke Boote die Szene.

Marchand steckte tausend Stunden in die Konzeption des Bootes. Neulich zeigte er seine „Cinque Cinque“ während der Bootsmessen in Hamburg und Berlin. Das Boot in edlem Grau und dezent angebrachtem Bootsnamen ist cool. Auch das Finish, beispielsweise der formschönen Plicht mit der Trimmkonsole oder die raffinierte Rundung des Übergangs vom Rumpf zum Deck mit den eingelassenen Klemmen als Hängehilfe, überzeugt.

5,5er, Cinque Cinque

Das Bügeleisen-artige Unterwasserschiff von ‘Cinque Cinque’ ist etwa deutlich flacher als bei den Schmidt/Wilke Booten © Thies Först

Als versierter Segler hat Marchand auch über das Handling nachgedacht. So stecken im Boot viele pfiffige Lösungen. Um der Crew die Handhabung der Backstagen zu ersparen, ist der Mast mit gepfeilten Salingen geriggt. Dennoch lässt sich die Vorstagsspannung beim Segeln flott anpassen, das gesamte Rigg für raume Kurse entlasten und nach vorne neigen.

Der Clou: Die Power auf das Vorstag erfolgt hydraulisch. Allerdings nicht wie bei größeren Regattabooten üblich per Zylinder unter dem Mastfuß (mast jack), sondern mit einer hydraulischen Schnellverstellung der Oberwantenspannung.

Trimmklappe wie beim Flugzeug

Der Zug über die Oberwanten auf das Vorstag wird am Vorstagsbolzen im Bug mit einem üblichen Loadsensor im Bolzen gemessen und an der Großschotkonsole in der Plicht am zentralen Panel angezeigt. Dort, wo auch die Trimmklappenstellung schnell und präzis wie im Flugzeug im Klartext abzulesen ist.

5,5er, Cinque Cinque

Moderner Plattenbau: die Kimmkante beginnt am Knick im Steven. Marchands neuer 5,5er beim Spibergen vor dem NRV © Dr. Edmund Berndt

Natürlich läßt sich auch die Mastkurve jederzeit beim Segeln anpassen: über die Achterstagsspannung und den Zug auf die Unterwanten.

Die Wanten sind mit PBO Faserkabeln vom Schandeck zum Mastunterbau umgelenkt. Dort zieht ein Zylinder beidseitig an den Oberwanten. Die Unterwanten werden über eine 1 : 32 Talje getrimmt.

Auch der Blick durch das Inspektionsluk unter den Plichtboden verblüfft. Außer der Trimmklappenjustage und der Wantenverstellung (sie ist mit günstigem Schwerpunkt zwischen Mast und Kiel installiert) und einer Bilgenpumpe ist der „Keller“ leer.

„Ich habe intensiv darüber nachgedacht, Funktionen zu bündeln. Das Boot sollte einfach und Gewicht sparend ausgestattet sein, damit es so leicht wird wie geplant“ berichtet Marchand.

5,5er, Cinque Cinque

Die Großschotkonsole mit Trimmklappenschieber, Achterstag (blau), Traveller (grau), Unterwantjustage (schwarz) und rechts dem Schwengel der Hydraulikpumpe. Klartextanzeige der Vorstagsspannung (hier 107 kg) und Trimmklappenstellung (hier 5,5 Grad) © Fanny Brouchou

Neuer Niederholer

Wie angekündigt hat Marchand den 5,5er typischen Baumniederholer des Bumerang-artigen Karbonwinkels unter dem Baum durch einen von oben kommenden, Jollen-üblichen „herunter Drücker“ ersetzt. Das spart Gewicht und mehrere Tausend Euro.

5,5er, Cinque Cinque

Starkes Debüt mit 37 Booten aus 7 Nationen. ‘Cinque Cinque’ (mit rotem Spi) segelte bereits in ihrer ersten Saison vorn mit © Pierpaolo Lanfrancotti

„Ich möchte einen steiferen und vielseitigeren 5,5er, den ich erfolgreich mit leichter Crew, zum Beispiel meiner Freundin, segeln kann.“ Marchand greift auch über den Preis an: Sein Boot ist deutlich günstiger als ein Schmidt/Wilke Neubau.

Das Debüt bei der 5,5er Weltmeisterschaft im italienischen Porto Santo Stefano zeigt das Potential. Das Niveau bei solchen Veranstaltungen ist hoch. Gemeinsam mit seiner Freundin Fanny Brouchoud und Laurent Hayoz segelte Marchand seine Konstruktion auf einen  achten Platz von 37 Teilnehmern. Markus Wieser wurde 7. „Wir waren trotz fehlender 70 kg Crewgewicht auf der Kante an der Kreuz gut und erreichten jeweils die Luvtonne ziemlich weit vorne“ berichtet Marchand stolz.

“Spürbare Überlegenheit”

5,5er, Cinque Cinque

Die Ober- und Unterwanten sind durch das Schandeck geführt (rechtes Foto) und hinter einem Inspektionsluk rasch zugänglich (siehe links) © Alain Marchand

Tim Kröger hatte neulich in Hamburg Gelegenheit zu einem Vergleich des Neubaues mit einem Schmidt/Wilke Boot. Trotz der Leichtwind-Bedingungen, wo die größere wasserbenetzte Fläche des U-spantigen Rumpfes und der Bulb des T-Kiels nachteilig ist, sieht er „bei aller Fragwürdigkeit eines Geschwindigkeitsvergleichs auf der Alster mit wechselhaften Windverhältnissen und der kurzen Bahn eine spürbare Überlegenheit des Marchand Designs“.

Natürlich haben sich die Schweizer Matadore Schmidt/Wilke Marchands graue Kiste genau angeguckt. Es wurde auch beobachtet, was sie kann. So entsteht derzeit bei Wilke   am Thuner See der nächste 5,5er.

Der Fight um den besten 5,5er geht weiter. Die 65 Jahre alte Konstruktionsklasse lebt, auch dank der cleveren Ansätze und pfiffigen Lösungen von Alain Marchand. „Cinque Cinque“ ist auf der Düsseldorfer Messe anzuschauen.

5,5er, Cinque Cinque

Der Vergleich der Hauptspantformen verdeutlicht das neue Konzept © Alain Marchand

5,5er, Cinque Cinque

Das faustkeil-förmige Design mit negativem Deckssprung überzeugte besonders bei der Kreuz © Pierpaolo Lanfrancotti

FünfkommaFünfer

1949 dachte sich Carles Nicholson den 5,5er als günstigere Variante der 6mR Yacht aus. Bei annähernd gleicher Größe wiegt ein 5,5er etwa die Hälfte einer klassisch schweren Sechsers. Das Boot ist ähnlich wie ein Drachen trailerbar. Vermessen wird die tatsächliche Segelfläche bestehend aus Fock und Groß, nicht die nominelle (Groß- und Vorsegeldreieck), welche die überlappende Genua unberücksichtigt läßt.

Der 5.5er war 1952–1968 Olympiaklasse und fand große Verbreitung. An der jährlichen WM sowie den jeweiligen Landesmeisterschaften nehmen etwa 40 Boote teil. Die Flotte wächst durch regelmäßige Neubauten.
Infos deutsche Szene

Daten AM55 „Cinque Cinque“: Länge 9,30 m, Breite 1,99 m, Segelfläche 29 qm, Verdrängung 1.743 kg, Ballast 1.221 kg, Ballastanteil 70 Prozent, Rumpf und Deck aus Epoxidharz verklebten Gelegen über Schaum. Ruder, Mast, Baum, Spibaum und Pinne aus Karbon. Preis je nach Ausstattung und Stückzahl 100 – 120 Tausend Euro. Lieferzeit 5-6 Monate. Weitere Informationen

Die Hydraulik bestehend aus einem 4 t Titan-Zylinder, Pumpe mit zwei Geschwindigkeiten und Tank wiegt 6 kg und stammt vom italienischen Spezialisten Cariboni (http://www.cariboni-italy.it/).

Der Zug am Vorstag wird 1 kg genau von 0 – 500 kg gemessen. Die Trimmklappe ist von -8 bis +8 Grad verstellbar. Die Trimmklappenstellung wird 0,1 Grad genau angezeigt.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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8 Kommentare zu „5,5er Konstruktion: „Cinque Cinque“ – abgefahrenes Segelspielzeug aus der Schweiz“

  1. avatar Markus sagt:

    diese Werbeanzeige entspricht nicht den Tatsachen! Und ich kenne mich in dieser Szene sehr gut aus!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 9 Daumen runter 15

  2. avatar Edmund Berndt sagt:

    Lieber Markus!

    Ich würde es begrüßen, wenn Du deine sicherlich wertvolle Begründung etwas ausführlicher bringen würdest.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 0

  3. avatar Stefan sagt:

    Und wo sind die O-ton Kommentare der bei dem Test auf der Alster anwesend gewesenen Yachtkonstrukteure?

    Journalismus hätte hier durchaus qualifizierte Kritik zu der Konstruktion vernehmen können.

    So bleibt von einem Artikel lediglich der schon erwähnte Werbeteil.

    Schade!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 9

  4. avatar Edmund Berndt sagt:

    Ich war auf den Begleitbooten dabei. Ich habe die neue cinque-cinque nicht gesteuert. Dazu gibt es kompetentere Steuerleute.
    Zunächst ist festzuhalten, dass die Neue optisch sehr beindruckt. Das Handling ist, so wurde von den Testern berichtet beindruckend einfach. Man sieht es auch. Eine super aufgeräumte Plicht, in der alles sich befindet, wo man es instinktiv vermutet. Backstak kontra Hydraulik ist ein eigens Kapitel. Der neue Trimm muss geübt werden, ist aber sicher nicht komplizierter oder umständlicher als konventionelle Backstaks zu bedienen. Wer hat nicht schon mit einer dichten Backstak in Lee brilliert? Der Mast ist noch nicht ausgereift. Ein Prügel. Alain weiß das.
    Wie heißt es so schön: Die Welt wurde auch nicht in einem Tag erschaffen.
    Jede Konstruktionsformel ist eine Aufforderung zu Evolution. Wer hätte gedacht, dass man am Rumpf noch etwas ändern kann. Der neue Rumpf ist schon optisch ein Hammer. Wenn auch sich der Freibord nur um Zentimeter gehoben hat, man sieht es sofort und doch ist es eine 5.5er. Ich denke, dass die neue Konstruktion ein weiter Schritt in die richtige Richtung ist. Und die Richtung ist, die kompromisslose Kombination eines Segelboote hinsichtlich der Verwirklichung ambitioniertem sportlichen Segeln auf der einen Seite und entspannter sportlicher Erholung unter Segel auf dem Wasser. Die cjnque-cinque setzt diese Tradition fort.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 2

  5. avatar Knut sagt:

    Kann mir jemand bitte die Funktionsweise der Trimmklappen erklären?

    Greifen die Trimmklappen in den Wasserstrom unter dem Rumpf ein oder was bewirkt eine Winkelveränderung der Trimmklappe?

    Danke

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  6. avatar Erdmann sagt:

    Es gibt nur eine. Die Trimmklappe ist Teil des Kiels = hängt an der Kielflosse. Damit wird das Profil gezielt gekrümmt. Du kannst das Boot beispielsweise beim Am Wind Kurs nach Luv “ziehen” obwohl Du eine Idee tiefer steuerst und auf Geschwindigkeit segelst. Sehr interessante Trimmhilfe. Sollte nur nach dem Wenden nicht vergessen werden …

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  7. avatar drachentoeter sagt:

    Ich habe das Ding im herbst in Thun gesehen… Wunderschön aber völlig unterlegen. Wilke hat das feld nach belieben vorgeführt. Würden all die leute das viele Geld in EINE einheitsklasse stecken würden sie schnell merken wie viel besser andere segeln.

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