Braschosblog: Auf den Spuren des Congers mit Erfinder Ulli Libor

Die Wirtschaftwunder-Jolle

Die Wirtschaftswunder-Jolle. Mit Gitarre, Kumpels und drei Schnecken auf dem Vorschiff. © Blohm&Voss

Es ist bei SegelReporter meist vom Außerordentlichen, dem konzeptionell Bemerkenswerten, der Neuheit die Rede: Von Regatten, speziellen seglerischen Leistungen und Booten mit gewissem Coolness-Quotienten. Von Flugmotten, Klassikern, Megayachten oder dem vorerst letzten, frisch aus dem Autoklaven gezogenen Schrei.

Aber die Novität muss nicht interessanter sein, als eine gewöhnliche Jolle, die seit bald fünf Jahrzehnten von jedermann auf irgendeinem Baggersee oder einer Talsperre in fast viertausend Exemplaren gesegelt wird. Die es für kleines Geld im Segelverein, einem Winterlager oder bei Ebay zu schießen gibt und für das Budget eines günstigen Kleinstwagen neu zu kaufen. Ihr Name: Conger

Quietscheentchen unter den Booten

Es soll bei einer Bootstaufe eines Conger vorgekommen sein, dass der weihevolle Akt der Namensgebung mit der herablassenden Erkundigung nach den Hähnen für warmes und kaltes Wasser ins Lächerliche gezogen wurde. So geringschätzig, so gemein kann der zum besseren Boot promovierte Angeber sein.

Man kennt dieses Benehmen von Kindern. Kaum aus den Windeln raus, wird schon über die Kleinen gelästert. Dabei hat der Angeber wahrscheinlich seine ersten tastenden Versuche im Umgang mit Schot und Pinne an Bord dieser Jolle mit dem stilisierten roten „C“ im Großsegel gemacht.

Die knapp sechs Meter lange Jolle mit dem verschließbaren Unterschlupf gibt es in selten gesehenem Perlweiß. Eigentlich kennt man das Quietscheentchen unter den Booten aber in bunten Farben. Beispielsweise in türkisgrün und rubinrot, in adriablau, korallrot, smaragdgrün und aquamarinblau, wie der Prospekt „Sieben Conger-Träume“ damals die Pigmentierung der Gelcoat Deckschicht anpries.

Wie seinerzeit in Kantinen, Saunen oder Badezimmerausstattungen wurde auch beim Conger verwegen kombiniert. Grün und orange etwa galten lange als hip. Der aufmerksamkeitsstarke Kontrast von kräftigem rot zu leuchtendem blau wurde auch gern genommen.

Ergonomie eines Blubberbeckens

Sie ist mit körpergerecht geformter Sitzkuhle, dessen stufiges Arrangement mit rutschsicheren Flächen an das Blubberbecken einer Therme erinnert, ein Erzeugnis des Wirtschaftswunders. Sogar zwei Abflüsse gibt es, nur die allernötigsten Leinen, eine Badeleiter, sogar eine Halterung für den Außenbordmotor. Abgesehen vom vierkantigen Teakgriff der Pinne und dem Paddel für den Heimweg ist das Boot komplett holzfrei, also ringsum pflegeleicht und abwaschbar.

Mit den beiden zu Griffen geformten Klüsen lässt sich der Conger Sonntagabend oder am Ende der Segelsaison mit energischem Schwung auf den Anhänger zerren. Charakteristisch ist die ovale Dichtmanschette an der Mastdurchführung in die Spitzkappe. Dazu die allernötigsten Klemmen, hinten noch mal zwei Festmachgelegenheiten und eine umlaufende Scheuerleiste als Rammschutz für die üblichen kleinen Rempeleien eines Seglerlebens.

Was immer ein Boot theoretisch und bei geschicktem Einsatz sogar praktisch schneller, aber eben auch komplizierter macht, gibt’s beim Conger nicht. Die Jolle ist also sehr modern und für den „just do it“ Typen einfach richtig.

Helmut Schmidt hatte auch einen

Der Conger war, ist und bleibt je nach Perspektive erfrischend bis erschütternd einfach. Ein Boot für Leute, die mit dem Privat- und Arbeitsleben, vielleicht auch einem weiteren Hobby ausgelastet sind. Deshalb segelte der einstige Bundeskanzler Helmut Schmidt, ein Freund klarer Präferenzen, Conger. Als Aschenbecher war für den Kettenraucher der Brahmsee naheliegend.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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17 Kommentare zu „Braschosblog: Auf den Spuren des Congers mit Erfinder Ulli Libor“

  1. avatar Stephan Zeyn sagt:

    Chapeau Carsten, das ist ja mal ein gut recherchierter Bericht.
    Was Uli Libor vermutlich nicht bekannt war, sind die Trainingsveranstaltungen der Klassenvereinigung.
    Morgen an Himmelfahrt und am Freitag leitet Harald Stoppel das Regattatraining für Newcomer beim Hamburger Segel-Club, An der Alster.
    Nach Allersee und Eicher See ist es in diesem Jahr das dritte Regattatraining der Klassenvereinigung.
    Gleich Sonnabend folgt beim HSC das nächste Highlight : Ein bekannter Hamburger Segelmacher testet bei der Conger Kanne sein gerade fertiggestelltes neues Boot. 1. Start ist Sa um 13.00h.
    Türkis-Gelb ist die Farbkombination der Saison – glaube ich. Aber schaut selbst!

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  2. avatar Christian sagt:

    die Conger ist das nautische Pendant zu Slow Food… gewissermaßen der Labskaus unter den Segelbooten oder auch der Grünkohl mit Pinkel. In jedem Fall deftig & derb.

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  3. avatar TBunte sagt:

    Nicht zu vergessen, das der “Conger-Mann” durch Matrose Schönfeld und die Schwimmwesten auch noch zu musikalischem Ruhm gekommen ist.
    Das können nicht so viele Klassen von sich behaupten 😉

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  4. avatar Klaus sagt:

    Wieder mal ein wunderbarer Artikel von Edelfeder Braschos. Aber warum schmückt sich hier Carsten mit fremden Federn? 😉

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      ja ja, häkchen an der richtigen stelle vergessen

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    • avatar Christian sagt:

      tut er doch gar nicht. Stephan Z. hat’s verwechselt.

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      • avatar Stephan Zeyn sagt:

        Nein Christian, nicht verwechselt.
        Als ich es las war noch Carsten als Autor genannt 🙂

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        • avatar Christian sagt:

          Sorry, Stephan. Die Edit-Funktion kann auch für Verwirrung sorgen… Hauptsache jetzt ist alles gut & richtig, wie fast immer bei SR 😉

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  5. avatar Alstersegler sagt:

    Sehr schöner Artikel! … Aber schmerzlich vermisse ich dir 3. Schnecke. Ohne die geh ich nicht von Bord.

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      ist zwar nicht so ordentlich gedreht die schnecke auf dem vorschiff, aber sollte wohl als 3. durchgehen 🙂 na ja…

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    • avatar matti sagt:

      Da sind doch jede Menge Schnecken an Bord, oder nit?

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  6. avatar Manfred sagt:

    Klasse Artikel. Wunderbar zu lesen. Danke SR.

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  7. avatar Ruhrpöttchen sagt:

    Fast alles richtig in dem Artikel, nur erscheinen mir die hier beschriebene Versionen des Conger`s ein wenig zu lang geraten zu sein, oder wurden die Vermessungsvorschriften unterjährig für die Neubauten geändert?
    Der Conger sollte dem Grunde nach 500 cm lang sein, habe selbst aber noch nicht nachgemessen, aber ansonsten schneiden wir ihn einfach ab, der schwimmt bestimmt auch dann noch wenn 30 cm fehlen sollten.

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    • avatar Erdmann sagt:

      Hallo Ruhrpöttchen,

      Sie haben recht, der Conger Rumpf ist ohne Ruderanlage 5 m lang, laut Conger Datenseite von Fiberglas Technik mit angehängtem Ruder 5,30 m. Keine Sorge also: Conger bleibt Conger!

      Viele Grüße

      E. Braschos

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  8. avatar jorgo sagt:

    Super Artikel!Ich rieche förmlich den “Käfer-Muff” und sehe vor meinem geistigen Auge nochmal den grün-orangenen Renn-Conger mit Genua und Trapez über das Zwischenahner Meer rauschen – die schäumende Bugwelle suggerierte viel Speed…. .Ohne Uli, Stefan und den anderen Helmut`s mit dem Conger wäre Segel-Deutschland sehr viel ärmer!

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  9. avatar Congersegler sagt:

    45 Meldungen für die Deutsche Meisterschaft 2012 am Altmühlsee!

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